Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 47. (19.11.1885)
- Date
- 1885-11-19
- Page
- Seite 185 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 185 — g#r glaublich der Schmuggel mit einem lebendigen zwei- Kinde in solchem Gefisse; geradezu unglaublich aber ist es, dass dem Kinds eine Stecknadel hinter das Obr *wischen Haut und Fleisch gesteckt worden, so dass der Kopt aus dein Ohrgrübchen hervorsah, und dort ohne üble Folgen das ganze Leben hindurch stecken geblieben sein soll. Bitte, erzahlen Sie dies einem Arzte, wenn Sie gerade Lust haben, ein homerisches Gelächter zu hören.“ In Betreff der mehrberegten Mittheilung haben wir nur zu bemerken: So ״rein etymologisch“ ist die vorliegende Frage nicht; denn, wie mänmglich bekannt, fasst eine Cognomination auf irgend etwas That säch liches, das ihr entspricht, sei es eine Eigenschaft oder ein Vorgang. Das mochte wohl auch Herr (ל• nebenbei fühlen, und nachdem er berichtet, dass R. Löwe b. Bcza'.el die gauze Nadolgeschichte als Sage hingestellt habe, referirt er über eine ähnliche sonderbare Erzählung, deren Beziehung zu jener lückenhaften und fabnlösen Geschichte jedoch Herr C. selbst anerkennen muss. Ein Geschwör am Kopfe eines Mannes bringt einen Incest an den Tag! Die Mutter des Mannes will ihm in seiner Jugend die von einem bösen Kopfgrind erzeugten Würmer mittels einer Nadel entfernen! (Das Einzige, was uns nicht befremdet, und, ausweislich des Schlusses unserer obigen Antwort, nie befremdet hat, ist, dass der Gebrauch einer Nadel unter Umstanden sehr gefährlich werden kann. —) In der einen Geschichte verräth den Incest die Nadel, in der andern ein Geschwür, von einer Nadel erzeugt, mit. der einmal vor Jahren Würmer entfernt wurden sollten! B.V.i wird die betreffende Familie in_ solöcistischem IIehraoi:mh “בחט בשפחה.! bald deutsch ״Nad ler“ genannt; in Polen wird sie sicherlich auch ״Spilk er" geheissen haben — ein Name, der in verschiedenen Adressbüchern nebon ״Spiller“ und ״Nadler1‘ haufenweise vorkommt. Doch geuug des Fragwürdigen! Die zwoite Geschichte ist indess offenbar eine Nachbildung der ersten, die einem Tlieil des Volkes denn doch zu unglaublich erschien. Und unmittelbar von solchem Sagengewirr aus will uns Herr ('. einen ״unwiderleglichen Beweis“ erbringen! Nein, wir können ihm jetzt noch weniger als fruher zürnten: ,.Kern acu tetigisti.“ Dr. Kroner, Brandenburg a. d II. George Eliot und das Judenthum. UnläDgst veröffentlichte Mr. Cros*, der zweite ׳Gemahl der seligen, riihmlichst bekannten George Eliot, Verfasserin des ״Daniel Deronda“, die gesammelten Memoiren der Letztem, worin mehrere Stellen ,Vorkommen, die auf Jaden uud Judenthum Bezug haben. Am interessantesten ist ein daselbst abgedruckter Brief, den G. E. am 20. Oct. 1876 an Frau Beecber Stowe in Amerika schrieb, worin sie über die Aufnahme und Tendenz ihres kurz vorher erschienenen chef d’ouvre ״Daniel Deronda“ einige charakteristische Bemerkungen maubt. Der Inhalt des fragliehen Briefes lautet wie folgt: ״Was das jüd. Element in ״Daniel Deronda“ betrifft, so habe ich bei Abfassung desselben gleich vom Anfang an erwartet, dass es viel grossere Aversion verursachen würde, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Aber, gerade weil ich bemerkte, dass das gewohnliche Verhalten der Christen den Juden gegenüber derart ist, dass ich kaum weiss, ob ich es mehr gottlos oder mehr dumm nennen soll, so fühlte ich mich veranlasst, die Juden mit solcher Sympathie und Einsicht zu behandeln, wie sie meiner Natur und meiner Erfahrung zu eigen geworden sind. Dieses hochuiüthige und diktatorische Verhalten der Eug-!ander namentlich allen orientalischen Völkern gegenüber ist ein nationaler Sciiaudileck, und nichts wäre mir lit-ber, als wenn es mir gelange, bei ihnen eine Annäherung an alle jene Racen zu bewerkstelligen, die in Gebräuchen und Religionsanschauungen atn meisten von ihnen ab weichen. Aber der Juden gegenüber sind wir, die wir in der christlichen Religion auferzogen worden sind, gauz besonders zu Dank verpflichtet, namentlich da wir, ob wir es eiugestehen wollen oder nicht, eine vollständige Gemeinschaft in religiösen und moralischen Gefühlen mit ihnen haben. Kann etwas widerlicher sein, als sich ״gebildet“ neunende Leute dumme Witze über Schinken-Essen machen zu hören, oder zu sehen, wie sie sieh über ein Volk lustig maoheu, von dessen socialen nnd religiösen Leben sie 80 viel als nichts wissen! loh finde, dass es selbst gebildete Christen giebt, die erstlich nicht wissen, dass Christus ein Jude war, und dann der Meinung sind, dass er griechisch gesprochen habe. Solche Unwissenheit der Geschichte, die eine halbe Welt ud8 verschafft, solche Unfähigkeit, sich für j irgend eine Lebensweise zu interessiren, die nicht gerade in unsern gewohnten Kram hineinpasst, ist, I meiner Ansicht nach, die schlimmste Sorte von Irreli- J giosität. Dies ist ein Zeichen der geistigen Beschränktheit, oder, um mich eines derben, englischen Ausdruckes zu bedienen, der Stupidität, die die Cultur der Gegenwart repräsentirt. * Dr. Ch. Recensionen. Rosenzweig, Adolf Dr. Das Jahrhundert nach dem babylonischen Exile. Berlin. Ferd. Dfimml6ra Verlagsbuchhandlung. 1885. Vorliegende Arbeit, ״die Frucht langen und ernsten Fleisses, die ihrer Anlage nach bereits aus jener Zeit stammt, da der 2. Band von Gräts'a epochemachendem Werke noch nicht erschienen war* (also aus der Zeit vor dem J. 1876) begrüssen wir fretiudlichst als ein Zeichen ernsten Streitens seitens des Verfs, als ein Zeichen grossen Interesses für die biblische Wissenschaft, das ja sonst nur in geringem Masse gerade von jüdischen Theologen getheilt wird. Freilich steht es damit heutzutage nicht mehr 80 schlimm, wie es dem Verf. in der Einleitung darzastellen beliebt; — denn heute giebt es unter den jüngeren Theologen wohl wenige, bei denen jene Wissenschaft sich keiner Beliebtheit erfreuen dürfte. Viele — und zu ihuen gehören auch wir selber — haben diesen Beweis dadurch geliefert, dass sie an Disscrtations-Themateu Stoffe biblischer Wissenschaft wählten. Aber wir geben gern zu, dass unter uns eine verhältnissmässig geringere Zahl sich eingehend auf diesem Gebiete beschäftigt, als in ausserjüdischen Kreisen. Und mit Recht! Oder ist es nicht in gewissem Sinne eine höhere Pflicht für jüdische Theologen, die talmudische Wissenschaft zu fordern und zu pflegen? Zudem sagt der Verf. selbst bezüglieh der Peutateuchkritik, dass sie zu viel bieten wolle und darum zu wenig biete; ״es dürfte nioht gar lange Zeit währen, und auch in dieser Beziehung wird sich wohl eine Reaktion geltend machen, wie eine solche erst vor kurzem betreffs der Abfassungszeit des Deuteronomium eingetreten ist*. — Was nun den Inhalt der Arbeit selbst in sachlicher Hinsicht anlangt, so interessirt uns da vor Allem die Behandlung der Frage über die Synagoga magna, bei welcher der Verf. ״theilweise“ den An- Behauungen unseres verehrten Lehrers Herrn Dr. Levy gefolgt ist. Zu unserem Bedauern hat er dieses! ״theil weise“ nicht näher und genauer angegeben. I Von den ״Männern der grossen Versammlung“ bej hauptet nuu der Verf. etwas kühn: ״Die Syn. mag. hat 1 überhaupt nie existiert, sie ist eine blosse Fiktion, entstanden in einer unkritischen Zeit, um dem Sofe- ן risinus .... Inhalt und Namen zu verschaffen“. Der | Name verdanke auch nicht Motivon der Thätigkeit | und des Bestandes seinen Ursprung, sondern in einer : viel späteren Zeit wollte man die Zeit Esra’s verherr- 1 liehen, man hätte dies durch Fiktion einer behördlichen ׳ Körperschaft getlian, und suchte in jener allein den i Grund für den Namen. ״Ueberall tritt in jener Zeit j die לדה in den Vordergrund und auf dem Umwege des ararn. אנש* כנישתא gelangte mau zur Bezeichnung der הנד־לה rc:r 'א;ש“. — Unrecht hat wohl der Verf, wenn er an diesem Ausdruck selbst Anstoss