Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 46. (12.11.1885)
- Date
- 1885-11-12
- Page
- Seite 180 (sequence 2)
- Language
- German
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— 180 — Feinde erstanden: der Unglaube, die stampfe, dumpfe Gleichgültigkeit und nicht zum mindesten die traur:ge Zerrissenheit im ev. Heerlager selbst. — Wir verweisen den Herrn Yerf. der ״Gedauken* ferner aut einen in der Deutschen Revue, Jahrg. 1883, enthaltenen Artikel über ״die Glaubensgerichte in der. protestantischen Kirche“. Ein höchst bemerkensweither, lichtvoller, freimüthiger Aufsatz über Vorgange, welche, wie der Verf. Prof Holtzmann selbst sagt, das öffentliche Urtheil herausfordern! — Der berühmte Kirchenhistoriker Nippold ruft im deutschen Prot.-Blatt 11881, S. llti) tietbekiimm-rt aus: Für uns bleibt nur die Aufgabe noch übrig, kraft unserer Heruf<pflicht als Kirchenhisioriker vor unserm deutsch.-ev. Volke es laut auszusprechen, dass die heutige Modetheologie, welch ־ sich hinterrücks die Herrschaft über die ev. Kirche erschlichen, diese Kirche verräth. — Doch warum in die Ferne schweifen? Wer kennt nicht gewisse Anträge und Austrage in der ev ״Zweiten ordentlichen Generalsyuode“, die im October des christlichen Heils- und Friedensjahres 1885 abgehalten ward? Wir berühren daher nur obenhin die Verhandhingen und Beschlüsse über ״die sekt irerische u und separatistischen Bewegungen in der ev. Landeskirche“ (ihr betr Antragsteller sachte nachzuweisen, dass die gegenwärtigen Mittel der Kirchenzncht nicht ausreichend seien, die Kirche gegen iliese Bestrebungen zu schützen), über ״die Mitwirkung des Generalsynod al Vorstandes bei der Be- Setzung der ki rch enregi meu 11 leben Aemter im Oberkirchenrath und iu den Ivousistorien, sowie bei der Besetzung ev.-theologise her Professuren“ (Sieg der Majorität unter Führung des Herrn Stöcker!! und über ״das Discipliuargesetz“ (Offene Fehde zwischen dem Präsidenten des Oberkircbeiiraths und dem Präsidenten des brandenburgischen Konsistoriums, wobei der Letztere, Herr Dr. Hegel, Sohn des bekannten Philosophen, Gedanken entwickelte, die überaus werthvolles Material zur Beurtheiluiig der kirchlichen Verhältnisse bieten; er perhorrescirte die Professoren der Theologie, erklärte alles gelehrte Forschen, rein wissenschaftliche Denken tind StrebeiP derselben für werthlos, stellte die denkwürdige Frage: ״Was bedeutet denn die ganze Theologie?“ uud gal» die denkwürdigere Antwort: ״Nichts!“ —) Die kirchlichen Wirren der Gegenwart zu besprechen, ja nur zu skizziren, ist iius aus mehrfachen naheliegenden Gründen recht peinlich;deiinochglanbteti wir, vorstehende kurze Zeiehnnug dieser Wirren nicht unterlassen zu dürfen, um die deu Mann der ״Gedanken“ so sehr beunruhigenden jiidisclieu Dissonanzen in — beruhigende christliche Sphäreuharmouieu aut/.nlüsen. (I׳'u1t,Setzung l'olgtc Die polnischen Juden. Von Prot. Möller in Königsberg. (Fortsetzung.) Die Hauptsache ist, das der charakteristische Glauben au die Auserwühhheit des Volkes Gottes uud die Wiederkunft eines Messias alsbald “eine Kraft verliert, so wie die Juden sich als gleichberechtigte Bürger des inndernen Staates fühlen. Aus Südrttsslatid uud Rumänien, wo es noch neuerdings die schlimmsten Judenhrtzen gegeben hat, habe״ sich ja auch noch einige Verzweifelte nach Palästina aufgemacht, um unter der duldsameren Tiirkenherrschaft Jen Keim zu einem neuen ('•׳) Israel zu legen. Aber man frage doch selbst die orthodoxesten der unter uns!ebenden Juden aufs Gewissen, ob sie aal einen Messias hoffen, der einen neuen jüdischen Staat in alter Macht und Herrlichkeit aufnehten werde? Sie werdeu «lie Frage nur als bitteren Hohn aufaehmen, denn sie haben einseben gelernt, dass jener Glauben nur der Trost war,' an dem sich das Gemüth ihrer Vorfahren in der Nacht der Trübsal aufrichtete, j Diese Vorfahren öffneten einst beim Gewitter Thüren j und Fenster ihrer Hütten, um dem unter Blitz und ן Donner einherfahrenden Messias den Eintritt zn ge- | wahren. 1!) Die Nachkommen aber wissen, dass ihr; wahrer Erlöser der Geist der Humanität ist, der still,; aber unablässig au seinem Werke schafft. I ln dem Maasse also, wie die Juden sich modemij sit-en, verblassen bei ihuen die überlieferten Glaubens-; satze, welche die mosaische Religion als eine Volksreligion cliarakterisiren und es schält sich aus der Hülle immer mehr der re.n sittliche Kern heran*, der allen höher entwickelten Religionen gemeinsam ist Nicht alle Juden, welche von Osten za uns einwandern, hat die materielle Noth und der Erwerbstrieb dazu veranlasst. Es giebt nicht wenige darunter, welche die uuübersteiglichen Hindernisse, in Rnsslau 1 für sich selbst oder für ihre Kinder eine höhere Bildung zu erlangen, von dort vertrieben haben. Denn auch abgesehen von dem materiellen Erträgniss ist ja bei den Juden das Strebeu nach höherer Bildung und die Hochachtung vor der Wissenschaft eine ungemein lebhafte. Hat man doch von gegnerischer Seite nicht gesäumt, diesen Wissensdrang auf das Conto ihrer Untugenden zu setzen! Aber mir scheint vielmehr, unsere braven Urgermanen sollten sich daran ein Muster nehmen. Wir haben den allgemeinen Schulzwang und in jeder grösseren Stadt freiwillige Fortbildungschulen; wir haben eine grosse Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung und eine Uuzahl von Bildungsvereinen und Volksbibliotheken und doch — wie langsam schreitet die Volksbildung fort! Nicht zehn Procont aller Lehrlinge und Gesellen, für welche die Fortbildung«- schulen bestimmt sind, nehmen wirklich an deren Unterricht Tlieil und die Zahl der Hütekinder, welche ihre lieben Eitern mit Erlaubnis des Herrn Schul- ן inspektors draussen bei Gänsen und Schweiueu j lassen, anstatt ihnen die karge Mitgabe der elemenj tareu Schulkenutnisse zu sichern, ist noch immer I eine erschreckend gro-se. Man sage nicht, dass die j Armuth der Eltern daran schuld sei; der bettelarme j Jude weiss den Werth geistiger Güter besser zu : schätzen: er darbt lieber, um seinen Kindern einen ן bessern Unterricht zu verschaffen und diese zeigen ן sicli in der grossen Mehrzahl der Falle solcher Auf- 1 Opferung durch den regsten Fleiss würdig. Bei dem t-chten Germanen ist dagegen der Bihliiugstrieb im Durchschnitt gering; er liebt es noch heute, geistig auf der Bärenhaut zu liegen, wie seine Ahnen einst körperlich thaten; die Bildung muss ihm oiugetrichtert werden. So sehen wir denn aus den jüdischen Einwanj dereru uud deren Nachkommen, grossgesäugt an den Brüsten deutscher Wissenschaft, alsbald eine ganze I Reihe verdienstvoller Männer hervorgehen, die sich I iu allen Zweigen der Wissenschaft selbst sowohl, wie | in den auf praktischer Anwendung derselben beruhenden Fächern geachtete Namen erwerben. Ich kann I nicht sagen, dass es Geister ersten Ranges darunter giebt; wenigstens sind mir weltbewegende Ideen, j epochemachende Entdeckungen ihrerseits nicht er- ן innerlich. An Tiefe kommen sie wohl dem rein germanischen Geiste, wenn dieser sich einmal an die . Arbeit macht, nicht gleich. Aber die Feldherrn vermögen nichts ohne IJuterbcfehlshaber und Officiere