Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 45. (5.11.1885)
- Date
- 1885-11-05
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492408-5990839-5991110--0782-5368096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 177 — Theologie sind wir aber noch nicht gelangt. Diese Behauptung zugegeben, haben wir zwei Fragen zu beantworten. Wozu ist die Fundamentierung der jü• dischen Theologie nothwendig? und zweitens: Wie soll sie gemacht werden? Von berufener christlicher Seite ist einmal der Ausspruch getban worden, ״Soll denn die Ansicht einer alten Waschfrau für uns religiöse Pflicht sein?“ Dieselbe Frage könnten wir Juden mit gleichem Recht uns vorlegen. Weil die grosse Menge sich mit verschwommenen Ansichten in der Religion begnügt und daher allen möglichen Wust von Aberglauben für Religion ausgiebt•, sollen wir Fachmänner uns scheuen, an diesen nebelhaften Vorstellungen zu rütteln? Nein! Gerade im Gegentheil ist es die Pflicht der Rabbiner und Religionslehror, zuerst die wissenschaftlichen Grundlagen ihres Faches erforscht zu haben und dann das Verhältnis der Resultate ihrer Wissenschaft zur amtlichen Praxis genau zu erwägen. Ich verhehle mir keinen Augenblick, da*s diese Auf- Stellungen vielfacher Anfechtung begegnen werden, zunächst von Seiten der romantischen Orthodoxie, welcher Klarheit der Begriffe überhaupt unangenehm ist, und zweitens von Seiten jene.r Modernen, die wohl i überzeugt, dass es nicht so fortgehen kann, wie j bisher, doch zu bequem sind, sich zu überlegen, was | man an Stelle des Alten zu setzen habe. Solche j Herren huldigen dem Grundsätze ״apres nous le deluge“, der weder ein moralischer, noch ein practischer ist. Die Gemeinde wird sicherlich bald darauf kommen, dass ein Prediger, der in seiner Seelengedächtnisspredigt von Wiedersehen, von Unsterblichkeit, von göttlicher Vergeltung nach dem Tode sprach, sich in Phrasen bewegt, wenn er sich nicht vollständig über die geschichtliche Dogmatik des Judenthums klar geworden ist, wenn er nicht von dem grossen Grundgedanken des Judenthums, dass Gott der Mittelpunkt des Weltall’s ist, ״der ist in allem und ist durch alles“, wie es in dem synagogalcn Gedichte heisst, durchdrungen ist. Die Kinder in der Schule werden mit ihrem feiner! Tacto es buhl herausliihlen, dass ihr Lehrer in Verlegenheit ist, wenn er die biblischen Wunder ohne Berücksichtigung der Naturcrscheinungcn, ohne Rücksicht, auf die symbolische Bedeutung nur als solche erzählt, wenn er jede Krörterung einfach abschneidet, wenn er etwa in der Darstellung der Glaubenslehre, wie es gewöhnlich geschieht, die alte Anschauung von der mündlichen Ueberlieterung, dass jedes Gesetz des Talmud thatsachlich von Mann zu Mann bis hinab auf den l’atriarchen Rabbi Jehuda überliefert wurde, lehrt, dann werden die Schüler sofort wissen, duss ihrem Lehrer der religiöse Sinn fehlt. Man giebt sieh oft genug, um nicht zu sagen fast allgemein, der Ueberzeugung hin, dass rituale Praxis identisch sei mit rabbinischera Amte u. hebr. Lesen -lehren identisch mit Religionsunlerrieht. Da alle Einsichtigen überzeugt sind, dass dies nicht der Fall ist, so wird man mir gerne auf das Gebiet der Untersuchung folgen, wie die gegenwärtigen Ziele des jüdischen Religionsunterrichtes uud der jüdischen Seelsorge zu erreichen sind. Zunächst müssen wir für Lehrer sorgen, denn bei den Zuständen in den meisten jüdischen Gemeinden, sind sie viel häufiger und ihr Einfluss ist überdies viel grösser, als der des Rabbiners. ■Fortsetzung f״lgt.) Recensionen. I. Wattersdorf, I)r. Neue Präparation zu einer Auswahl von Kapiteln aus dom L Buche Mosis. Für die ersten J&hreskurse bearbeitet Gleiwitx. Selbst- Verlag des Herausgebers.!885. 8*. 80 8. Herr Dr. Mattersdorf, ein bewährter, praktischer Pädagoge, hat sich der Aufgabe unterzogen, eine ״neue Präparation zu einer Auswahl von Kapiteln aus dem 1. Buche Mosis“ der lernenden israelitischen Jugend beim ersten Uebersetzungsunterrichte aus dem Hebräischen in’s Deutsche in die Hand za geben. Liegt auch wirklich ein Bedürfnis nach einer derartigen pädagogischen Leistung vor? An Voeabnlarien und Priiparat.ionsbüchern für den Pentateuch fehlt es freilich nicht. Wir haben ausser Joöl Nathan noch recht brauchbare Vocabularieu zum Pentateuoh. An Praparationen zur Uebersetzung ist ebenfalls kein Mangel. Bald begegnen wir der luterliuear-, bald der sclavisch-wörtlicheii, bald der mehr oder minder freien, dem hebräischen Texte direct gegenübersollenden Uebersetzung Alle diese Schulbücher können nicht ohne schwere pädagogische Bedenken für die ersten Jahrescurso der israelitischen Religionsschule in Gebrauch genommen werden. Sie bieten entweder zu wenig oder zu viel. Mit dem Vocabalariiiu) weiss das Kind, welches hier der Vcrf. im Auge hat, noch nichts anzufangen und die Interlinear- und die anderen oft so vielfach gepriesenen Uebersetzungsmothodon, die!lern liebr. Texte gegenüberstehen, befördern alles Andere eher, als eine rationelle, pädagogisch brauchbare Lehr- und Lernweise, die mehr ist als rein mechanischer Gedäclitnisskram (die Cheder-Methode in etwas veränderter Form). Sie verinügen «las Kind nicht auf eigene Füsso zu stellen und zu einem geistig selbstständigen Erfassen dos Bibeltextes anzuregen. Solche Ueberselzniigen den Kindern in die Hand zu geben, halten wir für eine schwere pädagogische Verirrung. Es dürfte Herrn Dr. M. gelungen s״i11, mit seiner Präparatiou der von ans urgirten Schwierigkeit wirksam zu begegnon. Seine Präparatiou kann der Schüler der ersten Jaliroscurse mit bestem Erfolge benutzen. Obgleich ohne grammatische Vorkeiintnisse kann er doch sofort den ganzen lexikalischen Stoff beherrschen. Der hausliehen Arbeit ist die Erlernung der Vocabeln mit deu in jedem Verse verkommenden Suffixen und Präfixen Vorbehalten. Jeder einzelne Scliriftvers ist lexikalisch anaiysirt und der Schiilpr ist bei angemesseiicr g.-ringer Nachhilfe des Lehrers sofort in den Stand gesetzt, synthetisch die Uebersetzung dos Bibelvorses zu reconstruiren. Hier wird keine geisttödtend« Dressur, kein mechanisches Kinbläuen und! Eintrichterii vorausgesetzt, sondern eine wirklich rationelle. Methode, bei der «1er Schüler keine terra : inc«>gnita vorfimlet, sondern mit «ler copia verborutn [ ausgerüstet unter Anleitung «les Lehrers «lie richtige | Uebeisetzung selbst finilet, dass dein Lehrer bei go- . wisseuhafter häuslicher Vorbereitung«!»?« Schülern | viel Zeit und Mühe erspait uu«l bei dem geistig! regen Kinde die Freinligkeit an der Arbeit, durch ] die Möglichkeit, selbst ohne Anstrengung den rieh- ו tigen Sinn zu finden, geweckt wird, leuchtet ein.! Mit pädagogischem Taete hat der Verfasser eine verj ständige Auswahl getroflen. Jede «ler Perikopen des | 1. B. M. ist berücksichtigt, das Wichtigste für die! Uebersetzung gewählt und bearbeitet un<l der Decen z j Rechnung getragen, ohne die Neugierde des Kindes zu provociieii. In 20 Abschnitten wird so «I«jr wesent• j liehe Inhalt der Genesis in seinen Vocabeln dem sich praeparirendeu Schüler vorgeführt.*) Nicht zu unterschätzen ist der «lein Büchlein beigefiigte Anhang, der in leicht fasslicher Weise die Elemente der hebräischen •) Ks hatte (lie Hrau׳hha1 Leit ״■:hr gefriert, wenn der ״ Präparat inu“ der hehr. Text heigegehen wäre. (Ited.j