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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-11-05 · N° 45. (5.11.1885) · p. Seite 176

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 45. (5.11.1885)
Date
1885-11-05
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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— 176 — einer tausendjährigen Geschichte in den wesentlichsten Gebeten bewahrt, und die bisherigen geringzähligen Versuche, denselben zu überwinden, sind ohne Erfolg; und ohne Nachahmung geblieben. j Der Verf. hält es iür nötbig, die hebr. Gebete; nicht blos von Orts- und Zeitwidrigem zu befreien | und zu übersetzen, sondern auch, damit sie wie ur• \ sprünglich deutsche anmuthen, neu zu gestalten, oder! doch in j־׳no einfachen Formen umzugiessen, in wel- : chen deutsches Denken und Empfinden seinen eigenartigen Ausdruck finde. Ueber das sogen. ״Nationale“, j das dein Verf. nicht mehr orts- und zeitgemäss ist, haben wir uns schon früher geüussert. Hier möchten wir nur noch ein bedeut-ames Moment hervorheben, j auf das unseres Wissens bislang die Aufmerksamkeit I noch nicht gelenkt worden: In der Einleitung der; hebr. Scgensspriiche (״Gelobt seist Du, Ewiger, unser I Gott, König der Welt!“) ist ״unser Gott“ — der ״nationale“ — umgeben von den Epithetis ״Ewiger (Allliebender)“ und ״König der Welt“, der in mehr als hundert Segenssprüchen (״meah berachoth“) als solcher von uns enggläubigen und engherzigen Juden gepriesen, nach jeder Mahlzeit ausserdem noch als ״speisend alle Welt mit seiner Güte, mit G unst, Gnade un d Erb armen“ gefeiert wird. Seht, j das ist der ״jüdische Nationalgott“, das ist ״jüdisch-! nationaler“ Kultus, ihr wahrheitsliebenden, weitherzigen : Antisemiten und Konvertiten! Nun möchten wir den Verf. fragen: Uns deutsche Juden sollen unsere Gebete also wie ursprünglich deutsche amnuthen, ergo — die französischen Juden j wie ursprünglich französische und so in infinitum?! Oder sollen auch alle nichtdeutschen Juden, die der | Gedankenheld doch gleichfalls beseligen will, deutsch 1 beten? Wir halten es entschieden für besser, dass! selbst Juden, welche deutsch beten, dies als urspriing-! lieh heb'häisch d. 11. reinmenschlich anmuthe, und für ungleich besser, dass die Juden hebräisch \ beten. Schon Herder, der berühmte Kenner des Hebriiischen, sagt, nur die hebr. Sprache sei die Sprache des Gebets, sie sei eine wahre Sprache der Seele, sie allein vermöge die echten und reinen Gefühle der Andacht zu wecken und sie in entsprechenden Ansdrücken wieder/.ugeben. (S. auch Herder’s Fragm. 2. Bündefien S. Ül.) Und Luther, obgleich Freund und Fortbildner der deutschen Sprache, behauptet: Die hebr. Sprache ist so reich, dass keine Sprache sie genugsam erlangen kann. Denn sie hat viel Wörter, die da singen, preisen, betrüben u. 8. w. beissen, da wir kaum eins haben. Und sonderlich in göttlichen, heiligen Sachen ist sie so reich an Wörtern, dass sie wohl zehn Namen hat, da sie Gott mit nennet,**' da wir nicht mehr haben, denn das einzige Wort Gott, so dass sie wohl billig eine heilige Sprache heissen mag, der keine Verdolmetschung 80 frei gehen kann, als es im Hebräischen selbst lautet, ohne was noch ist, deren verblümte Wörter, die man Figuren nennet, darin sie auch alle Zungen übertriilt. (Lutber’s Werke, Thl. 4, S. 342, Eiul. in die Psalmen. Vgl. Aehnliches und Ausführliches in Rainler, Die schönen Wissenschaften Thl. 4.) Und de Wette, der hervorragende Theologe, fragt: Wie kann man hoffen, eine so alte Sprache (die hebräische) in der noch die Töne der T>w«H, leben, mit der deutschen oder jeder andem modernen Spracho umzutauscheu? Ist nicht mit der besten Uebersetzung Falschheit auf Falschheit, Entstellung auf Entstellung gegeben? (Aufforderung zum Studium der hebr. Sprache, S. 24.) *) IVber <110 unerftchripiliuhe Hetfri!V*tullo <les helu*. Totra* wrgl. .Joliintks bereit* ungut. inoUturhat'to Hede. 7 t‘. **) Vergl. Kusuri, Abschn. 4. Wenn der Verf. der Gedanken zweifelt, ob ־die vorhandenen deutschen Gesang- und Gebetbücher f&r Juden — die eben deutsch beten and singen wollen — das Bedürfnis decken, 80 zweifeln wir sehr stark, ob er jemals von der betreffenden Litteratar auch nur flüchtig Kenntniss genommen. Obgleich wir unter Umständen gewiss ebenso sehr wie die Altrabbiner das Gebet in der Landessprache billigen, sind wir unsererseits einem deutschen, vollends einem durchweg deutschen Gebetkultus grundsätzlich abgeneigt; man lerne nur erst die hebräische Sprache verstehen, dann wird man erst in den tiefsten Herzenstiefen empfindeu, was Andacht, was Erbauung, was Ergrifleuwerden vom Heiligen heisst. Nichtsdestoweniger bringen die vorhandenen deutschen Gebete und Lieder jüdischer Autoren und Komponisten auf unser Denken und Fühlen mehr oder weniger den Eindruck der Innigkeit und der Würde hervor. _(Fortsetzung folgt.) Die jüdische Theologie als Wissenschaft Von Dr. G Deutsch. (Fortsetzung). Au dem sich entwickelnden einseitigen halachisehen Streben trug das Judenthum eine schwere Fessel. Selbst einzelne hervorragende Männer konnten in ihrer Vereinzelung nichfs Bedeutendes leisten. Ich rechne dazu, obwohl es mir verübelt werden wird, Zebi Aschkenasi, weil er bemüht war, eine jüdische Dogmatik anzubahnen, weil sein Streit gegen die Reste der Sabbathianer unter anderen Verhältnissen hätte dahin führen müssen, den geistigen Inhalt des Judenthums wissenschaftlich zu gestalten. Freilich musste er bei der üblen Zeitströmung in der halachischen Discussion untergehen. Er musste, am seinen Rang zu behaupten, über Ritualfragen in gelehrten, weitschweifigen Auseinandersetzungen sich ergehen, so dass selbst der maimouidische Führer bei ihm als Hilfsbueh für die Entscheidung, ob ein Thier, an dem man das Fehlen des Herzens entdeckt, für ״koscher“ gelten darf, citirt wird. Ich rechne zu diesen Männern, den seines Vaters im hohen Grade würdigen Sohn Zebi’s, Jakob Emden, der es trotz seiner finsteren Anschauung vermocht hätte, in einer anderen Zeit eine jüdische Dogmatik auf wissenschaftlicher, geschichtlicher Basis zu liefern. Ich schliesse allerdings aus Jonathan Eibenschütz trotz seines Geflunkers mit der Anfrage an die Universität in Halle, ״was man nennt responsa*. Ich rechne dazu den lange nicht genug gewürdigten Asulai, der trotz seiner mystischen Schwärmerei das Judeutliutn durch seine wissenschaftlichen Leistungen bereichert hat uud noch mehr bereichert hätte, wären die äusseren Bedingungen ihm dazu gegeben gewesen. Ich rechne endlich dazu El iah Wilna, obwohl ich gestehen muss, dass ich bei der Eigenart der Leistungen dieses Mannes mir ein vollkommen klares Urtheil über ihn uicht bilden konnte. Doch 3ind alle diese Männer, wie gesagt, vereinzelte Erscheinungen, das Judenthum als Ganzes ging in jenen Jahrhunderten nicht den Weg, welcher zu einer wissenschaftlichen Theologie füllten konnte. Erst der Altmeister Zuns hat uns gezeigt, dass das rabbinisohe Judenthum eiuer wissenschaftlichen Darstellung bedürfe uud dass es ihrer fähig sei. Inzwischeu sind zahlreiche nicht zu verkennende Einzclleistuugcu zu Tage getreten, welche dem Judenthum alle Ehre machen; zu einer alle Zweige jüdischer Wissenschaft umfassenden Darstellung, zur genauen Abgrenzung des Lehrstoffes uud Zieles jüdischer

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