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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-10-29 · N° 44. (29.10.1885) · p. Seite 172

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 44. (29.10.1885)
Date
1885-10-29
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
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— 172 — Centndis&tion auf geistigem Gebiete herbeigeführt, ן •welche dem freien Manne eine selbstständige geistige ׳ Arbeit nnmöglich machte und gerade in theologischen! Dingen, wo die Wissenschaft zu ratificieren oder za verwarfen hat, was Gewohnheit, Recht und Glauben ' eingebürgert haben, durfte nichts gelehrt werden, ' was dem Geschmacke kirchlicher Machthaber irgend* wie zuwider lief. Hingegen gestattete das Juden* j thum eine viel freiere Bewegung des Geistes. Ich; will damit nicht sagen, dass die Stimmführer des! Judenthums eine anlirabbinische Dogmatik und Gej setzausleguug, wie sie Jbn Esra lehrte, geduldet hätten, aber weil di^se Soliriften unpopulär waren einerseits, i weil andererseits Männer wie Salomo Luria, die j diesen Mann durchschauten, nicht die Macht besassen, das Anathem über seine Werke auszusprechen, so konnte es immer erwählte Geister geben, die in seine Anschauung sich vertieften, und endlich, was war den Juden das Wichtigste? Sein rituelles Leben —• und da konute es Vorkommen, dass jemand, wie gerade dieser Salomo Luria ohne Furcht eine geänderte An* schauung vorzutragen vermochte. Es fehlte somit ''dem Judenthum der Gegenstand, an dem kühnes Ringen nach Selbstständigkeit seine Widerstandskraft messen konnte, und somit fehlte ihm auch der Antrieb zu wissenschaftlicher Entwicklung. < Fortsetzung folgt.) Die polnischen Juden. Von Prot. Möller in Königsberg. IL Im ersten Artikel schilderte ich in Umrissen (len Zustand, in welchem wir die Juden in Russland, Tölen, Ungarn, Rumänien noch gegenwärtig finden, in welchehi wir uns auch die deutschen Juden in nicht zu ferner Vergangenheit zu denken haben. Denn ich glaube nach dem Massstabe, den meine eigene über ein halbes Jahrhundert zuvückreichendo E-:״nerung mir an die Hand giebt, sowie nach den der Litteratur aufbewahrten Zeugnissen annolime.. zu dürfen, dass die Modernisirung unserer Juden erst seit dem vielverlästerten Jahrhundert der Aufklärung, seit den ZÄten eines Moses Mendelssohn und Markus Herz, also seit wenig mehr als hundert Jahreu begönnen hat — für die Umwandlung eines fest ausgcprägten Volkstypus eine gar kurze Spanne Zeit! Und doch hat sich der der deutschen Juden ganz ausserordentlich zu ihrem Vortheil verändert, wenn ihm auch gewisse Grundziige uoch geblieben sind —• gewiss ein bedeutsames Zeichen sowohl für die Bildsam* keit und Anpassungsfähigkeit der Juden, wie für den befruchtenden Einfluss der deutschen Cultur und die Assimilationskraft unserer Nationalität! Ja, wer diese beiden Momeuto iu ihrer Wechselwirkung recht äugenfällig sehen will, der möge die Veränderungen beachten, welche an den aus Russland nach Deutschland einwandernden Juden und ihren nächsten Abkünunlingeu zu Tage treten. Ein Schriftsteller von dem Rauge H. v. Treitschko’s sollte sich hüten, über diese Einwanderung in der heimischen und dabei mit den Thatsaeheu in Wider- Spruch stehenden Weise zu reden, wie er es thut, wenu er dieselbe als eine sociale Gefahr für Deutschlaud darstellt, weuu er von der ״unerschöpflichen polnischen Wiege“ spricht, aus der die ״strebsameu, hoseuverkauleiidcn Jünglinge* massenweise über unsere Ostgrenze hereinstrümen. Ginge nicht bei Treitschke der blinde Ilass mit dem ruhigen Urtheil durch, wie ihm leider nicht selten geschieht, so hätte ihn die Statistik beruhigen können. Im Jahre lSb3 kamcu auf .,Pili uaturahsirto Ausländer nur 2Ü0 aus Russland (natürlich mit Einschluss der polnischen Landestheile), 1882 auf 3880 nur 321 aus Russland. Id dem Jahrzehnt vorher ist die Anzahl der naturalisirten Russen durchschnittlich etwas grösser: sie schwankt zwischen 400 und 1100, wird aber über tröffet, von der Zahl der ans den Niederlanden, Frankreich und Oesterreich-Ung&rn slammendenNaturalisirteu. Und was die Hauptsache ist: bei allen diesen Zahlen fehlt die Angabe, wie viele von diesen nataralisirten Einwanderern Juden und wie viele Christen waren! Sind das nun Verhältnisse, welche für das deutsche Reich mit seinen 15 Millionen Einwohnern, mit seinen hnnderttausenden von Auswanderern irgend etwas Bedrohüche8 haben? Dass sich unter den jüdischen Einwanderern manche höchst unwillkommene und unbequeme Ellemente befinden, wird kein Bawohner unserer östlichen Provinzen leugnen. Da giebt es heimathlose Vag•- bunden, Taschendiebe, die die Bahnhöfe der Ostbahn* unsicher machen, sogenaunte Schnorrer, die ihre Glanbensgenossen in den prenssischen Städten auf die unverschämteste Art brandschatzen, indem sie unter Berufung auf das religiöse Gebot der Wohlthätigkeit erkleckliche Almosen als einen ihnen gebührenden Tribut in Anspruch nehmen. Aber alle diese unsäubern Geister zusammen bilden doch nur einen Bruchthcil des Ganzen. Die Mehrzahl besteht aus Geschäftsleuten, welche sich durch Massigkeit, Sparsainkeit, Fleiss und Rührigkeit auszeichnen und was die Ehrlichkeit anbetriflt, nicht unter den! Durchschnitte der christlichen Kaufleate stehen. Unsauberkeit, Bigotterie und manches Vorurtheil bringen jene Einwanderer wohl aus ihrer früheren Hciinalh mit; aber wenn sie nicht in zu vorgerücktem Alter ankommen, schleifen sich diese Übeln Eigenschaften verliültnisxmüssig schnell an der deutschen Cultur ah, bis auf die Bigotterie, die am festesten haftet. Ihre Kinder zeigen sich aber selbst in dieser Hinsicht schon empfänglicher für moderne Anschauungen und spätestens die dritte Generation denkt und fühlt ganz wie ihre deutschen Mitbürger. Die Umgangssprache, welche sio mitbringen, ist ein arg corrumpirtes Deutsch, schlecht ausgesprochen, 1 durchsetzt mit. hebräischen und politischen Ausdrücken, ' so dass sie nur der Kenner verstehen kann; sie läutert! sich binnen wenigen Jahren. Geschäftsbriefe werden anfänglich noch in hebräischer Sprache abgefasst; auch hier treten bald die lebenden Sprachen, Deutsch | oder Russisch, an die Stelle. Bei der nächste!! Genej ration ist das Hebräische schon vollständig zur todten! Sprache geworden, welche nur noch zum Verständnis• t der Gebete und gottesdienstlichen Gebräuche' durch 1 besonderen Unterricht erlernt wird, gerade wie bei! Katholiken das Lateinische. Ja, bekanntlich giebt es ■ unter den modernen Juden eine nicht ganz kleine ( Partei, die sogenannten Reformjuden, die auch beiin! Gottesdienste das todte Hebräisch durch dia Landes- ] spräche ersetzen will. Wenn ihre Bestrebungen noch i keinen durchgreifenden Elrfolg gehabt haben, so theilen. sie dies Schicksal mit dem gleichartigen der Christ- und Altkntholiken. Mit der Kenntniss und dein tägliehen Gebrauche der hebräischen Sprache, aber noch! schneller, wie mir scheint, schwindet auch der Einfluss dos Talmud und die ihm gezollte Verehrung. Mau sieht sehr bald ein, dass der Talmud eigentlich gar kein Gesetzbuch sei, sondern nur eine Sammlung 1 gelehrter Couiiuentare, die in ihren beiden Ilanptgej stalten, der von Jerusalem und der von Babylon, gar ן nicht einmal üboreinslimmen. In der jüngeren Gene- 1 ration findet sich dann unter Tausenden kaum Einer, 1 der jemals einen Tahund gesehen hätte. Die Speise- I gosetzo werden noch eiuigermassen beobachtet, aber

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