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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-10-22 · N° 43. (22.10.1885) · p. Seite 169

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 43. (22.10.1885)
Date
1885-10-22
Page
Seite 169 (sequence 3)
Language
German
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169 — die Heirathen rein geschäftsmässig durch die beiderseitigen Eltern unter Vermittelung besonderer Makler (Schadchen) abgeschlossen ,werden. Freilich ergiebt sich eine gewisse geistige Uebereinstimmung beider Gatten schon aus der atereoiyje-n Geistesrichtung und Erziehung. Darüber hinaus macht der Jude an seine Lebensgefährtin weiter keine (?) Ansprüche, als dass sie ihm Kinder gebäre. ״Seid fruchtbar und mehret Euch* gilt nicht nur als religiöses Gebot, sondern die Freude an zahlreicher Nachkommenschaft ist dem Juden auch wirkliche Herzenssache und darum die Liebe zu den Kindern die zärtlichste, aufopferndste, die man sich denken kann. Unfruchtbare Frauen fühlen sich stets unglücklich, werden mehr oder weniger hysterisch und werden von ihren gesegneten Genossinnen mit einem Mitleid betrachtet, das nicht ganz ohne Beimischung von Verachtung ist. Noch immer nicht ausznrotten ist die Unsitte des übermässig frühen Heirathens, wenn auch die vereinten Bemühungen der Regierungen, der Aerzte und einsichtsvoller Rabbiner in den letzten Jahrzehnten eine Besserung des Uebels herbeigeführt haben. Hergebracht aus dem heissen Klima Palästina’s, wo die Reife der beiden Geschlechtern um mehrere Jahre früher riutrin, war die Silte auch unter dem kalten nordischen Himmel Russlands und Polens beibehalten worden, Kinder von 10 bis 12 Jahren schon mit einander zu verheirathen, nicht• blos auf dem Papiere, sondern faktisch, und wenn auch diese Extreme jetzt zu den Seltenheiten gehören, so kommen doch 1 1- bis 15jährige Frauen und Mütter, 1Ü- bis 17jährige Ehemänner und Väter mit ganz unausgewachsenem, knabenhaftem Körper noch häufig genug vor. Begünstigt werden diese frühen Heirathen natürlich dadurch, dass für die jungen Paare kein selbstständiger Haushalt erforderlich ist. Die Einwirkung eines solchen Systems auf die körperliche und hygienische Beschaffenheit der jfidisehen Bevölkerung konnte nicht Ausbleiben: verkümmertes Wachstlmm, frühzeitige Erschöpfung der Zeugungskraft, äusserst zahlreiche, aber desto schwächlichere Nachkommenschaft. Dazu kommt noch Ueberi'üllung der ohnehin meistens engen, dürftigen Wobnungen und damit Schmutz, verdorbene Luft, Krankheiten aller Art. Aus der physischen Unmöglichkeit, schwere körperliche Arbeit zu verrichten, wie sie mit zahlreichen Gewerben verbunden ist, ergab sich für viele Juden die Xothwendigkeit, zu wählen zwischen dem Handel und irgend einer gelehrten Beschäftigung, welche nur Kopfarbeit erfordert. Im Handel war die Konkurrenz sehr gross. Zudem — man muss es sagen — hegten die Juden von jeher eine ungemeine Hochachtung vor der Wissenschaft; der Gelehrtenstand galt ihnen für besonders ehrenvoll und jede Familie war stolz darauf, wenn eins ihrer Mitglieder demselben angehörte. Eine gewisse natürliche Lebhaftigkeit des Geistes, eine zwar selten (?1 tiefe, aber schnelle Auflassung begünstigte die Richtung auf wissenschaftliche Studien und eiumal erwählt, wurden sie gewöhnlich mit eisernem Fleisse verfolgt. Die äusseren Verhältnisse brachten es freilich mit sich, dass als Ziel neben der talmudisclieu Schriftgelehrtheit und Philosophie vor der Hand nur die Heilkunde übrig blieb. Diesen Zweigen wissenschaftlicher Thätigkeit sehen wir denn aber frühzeitig ein verbältuissmassig starkes Kontingent der israelitischen Jugeud sich zuweuden. Noch ein Ergebniss des Familien- und Stammessinnes der Juden muss hervorgehoben werden. So wie di« einzelnen Tbeilclien eines Körpers durch nässeren Druck sich fester aneinander fügen, so sehen w ir auch die Glieder einer in bedrängten Verhältnissen lebenden Gemeinschaft sich besonders fest aneiuander sohliessen. Die Geschichte zeigt uns ein Beispiel der Art an den ersten Christengemeinden, die Gegenwart an allen kleinen Sekten, an den Katholiken und Protestanten in der Diaspora, und an allen Nationalitäten wo sie ln kleiner Minorität leben. So war denn natürlich unter den Juden das Gefühl der Solidarität ein besonders lebendiges. Einer für Alle und All« für Einen! Der Spruch bewährte sich nicht nur in wechselseitiger, Ihatsächliclier Hilfsbereitschaft, sondern auch darin, dass jeder des andern Leistungen, Tugenden und Ehren als seine eigenen empfand. Wer daher irgend etwas aufznweisen hatte, was der Erwähnung werth war, der wurde von der ganzen Verwandtschait und Bekanntschaft bei jeder Gelegenheit rühm liehst brspiuchen, so dass er kein Mensch hätte sein müssen, wenn er nicht alsbald selbst von seinom Wertbe eine hohe Meinung hätte bekommen sollen. So entwickelte sich mit der Zeit ein System gegenseitiger Belobimg und Bewunderung, das man füglieh als das Urbild der ״Reclame“ bezeichnen kan־».*) Dass die dortigeu Juden nicht wahre Patri« ^ea in des Wortes bestem Sinne sein können, ist einleuohtend. Was ist überhaupt der russische Patriotismus? Entweder blinde Anhänglichkeit an das ״Väterchen“ Zar oder panslavistischer Chauvinismus oder fanatische Verehrung der allein seligmaehondea rechtgläubigen Kirche — unter allen Umständen eine Tugend von sehr zweifelhaftem Werth«! Wie aber sollten di״ Juden für das ״heilige* Russland schwärmen, das sie doch nur als Unheilige duldet? Sio haben nur das itislinkl’v״ Ileimathsgefühl für die Scholle, auf der sie geboren und aufgewachsen sind uud welche die Gräber ihrer Vorfahr••!! birgt und sie sind geduldige, demiithige Uuterthauen des Zarcu — mehr kann man von ihnen nicht verlangen. Und wenn es unter ihnen etliche Nihilisten giebt so ist das nicht mehr, als was auch die echten Nationalrussen sich nachsagen lassen müssen. Littcrnturbcriclit. Rosenflial,l)r. F. Vier apokry phischo Bücher aus der Zeit und Schule R. Akiba’s. Leipzig. Otto Schulze. 1885. Ein Buch so gelehrt als geistreich, so interessant 1 in den eigenen Untersuchungen und Thesen, als in | den Anregungen, die es zu neuen Untersuchungen ן gewährt, in (len neuen Aussichten, die es eröffnet — und wenn derjenige allein der gute Lehrer ist, der . nicht nur fesselnd unterrichtet, sondern auch zur i Selbstthätigkeit des Schülers den Anstoss giebt, so ' ist das vorliegende Werk ein höchst belehrendes Buch. 1 Es enthalt ja eigentlich nur chronologische und phi-! lologische Untersuchungen, nähere Bestimmung der Abj fassungszeit und der Ursprache, untermischt mit j einem Beisatz von Textkritik, lauter Dinge, die zu ן den trockensten Materien gehören, und nur für den 1 einseitigen Fachmann einigen Reiz zu haben pflegen. ' Aber wenn wir seit Les sing so manchen haben, der j die toten Gebiete philologischer Untersuchungen mit den; höchsten künstlerischen Reizen der genetischen Dar- Stellung zu beleben versteht, so haben wir im Besondern auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft i einen —Joel, der erst letzthin in seinem ״Blicke etc.“! als Meister in der interessanten Behandlung der 1 trockenen Untersuchungen sich gezeigt hat. Auch ( das vorliegende Werk des Dr. Rosenthal kann 80 I *1 Das is* eine falsche Schlussfolgerung: Das Wesen Jor! Iteclaire liegt doch nicht in der ge gen seit igou Belobigung, I .sondern nur in der eigenen. (Ked.)

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