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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-10-22 · N° 43. (22.10.1885) · p. Seite 168

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 43. (22.10.1885)
Date
1885-10-22
Page
Seite 168 (sequence 2)
Language
German
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— 168 — unsere Muttersprache, dasssioh dieser F&rst die fransösische geläufiger gemacht! Mich dünkt ein Friedrich, der an der Unsterblichkeit zweifelt, ist eine blosse Chimäre, ein viereckiger Cirkel, oder ein ein rundes Viereck!" Ob solchen Freimulhes musste er in Sanssouci erscheinen, um sich persönlich vor dem König zu vertheidigen. Auf die Frage, ob er die Recension geschrieben, und wie er solche Sprache führen könne, antwortete er schneidig: ,Wer Verse macht, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, er sei König oder Bauer, muss sich gefallen lassen, dass der Kegeliunge sagt, was er schiebt". £8 ist bei eirem solchen Manne, der unablässig auf den Geschmack und das Selbstgefühl der deutschen Nation einzuwirken suchte, sehr natürlich, dass er auch unter seinen Glaubensgenossen ein Pionier der deutschen Cnltnr 7-u werden, sic für deutsche Sprache, Bildung und Nationalität und für den Geist der Neuzeit empfänglich zu machen suchte. Für den ersten Schritt zur Cultur und zur Erlösung seines sehr verwahrlosten Stammes hielt er eine rein deutsche Bibel- Übersetzung. Wie Luther wollte er die Befreiung von innen heraus mit den ABC der Bibel beginnen. Die mosaische Lehre war durch schlammige Zuflüsse der Kabbalisten äusserst getrübt; den gebildeten Kreisen der Israeliten war es längst ein Aergerniss, dass ihnen der alte Quell der Religion, die Bibel, durch wildes Gestrüpp eines geschmacklosen Jargons und viel altes Gerolle werthloser Commentare beinahe verschlossen sei. Jene Kreise begrüssten daher mit Begeisterung Mendelssohns Uebersetzung und Commentar, als die ersten sicheren Wegespuren, welche das von aller Cultur fern gehaltene Judenthum allmählich in die Bahnen der europäischen Bildung hineinleiten sollten. Er hatte ursprünglich diese Uebersetzung wie später die ״Morgenstunden“ nur zum Unterrichte für seine Kinder ausgearbeitet, sie ist aber allen Kindern Israels zum Zauberstabo geworden, welcher wie der des Vorahns Moses in dem alten verwitterten Felsen einen irischen Born erschloss und allen Lechzenden Erquickung brachte. Er ist so, ohne es zu wollen, der Reformator der Juden geworden. Mag man auch iif* seinem schüchternen Wesen den Muth, den Oppositionsgeist, das kühne, agitatorische, unerschrockene Auftreten vermissen, Eigenschaften, die den Bahnbrecher zum Reformator, zum bewussten Vorkämpfer machen, so muss man doch zugeben, dass Mendelssohn eine neue Phase in der jüdischen Geschichte geschallen, eine vollständige Umgestaltung, eine Wandluug und Wendung zum Bessern und in der Folge eine Wiedergeburt und Verjüngung des europäischen Judenthums bewirkt hat. Kaut hat richtig prophezeit, als er die nach dieser Richtung hin, für die Gleichstellung der Israeliten und die unbeschränkte Gewissensfreiheit in jeder Religion am entschiedensten wirkende Schrift Mendelssohns, Jerusalem, für die Vorkündigung einer grossen, ob zwar langsam bevorstehenden und fortrückeuden Reform“ gehalten. Auch die Verketzerung und die Bannstrahlen blieben dem Reformator nicht erspart! Wie sollte er auch den Schmähungen entgehen! Seine Schriften haben starke Breschen in die Verschanzung gegen Recht und Licht geschlagen. ״Jerusalem“, seine vorletzte Schrift — seine letzte waren die ״Morgenstunden“ — hat die finsteren Vorurtheile seiner Zeit heftig Donnerkeilen der Zeloten entgehen? Wie ein erboster Bienenschwarm fielen sie über ihn her, aber sie vermochten sein kaltes Blut nicht in Wallung na bringen. — Man kann Mendelssohns Einfluss auf seine Glaubensgenossen eiuen pädagogisch-refonnatorischen nennen. Erziehung und Unterricht der jüdischen Jagend nahmen anf dessen direkte oder indirekte Anregung hin zunächst in Berlin später in allen grossen Städten Deutschlands, in Oesterreich, Ungarn, Holland einen deutschen Charakter an and wurden nach echt pädagogischen Grundsätzen geleitet. ,Verbessernngen des Unterrichts und Empfehlung der deutschen Muttersprache waren auch in seinen Privatgesprächen Mendelssohns Lieblingsthema“. Eine gute Jugenderziehung schien ihm der erste Weg za sein, Bildung und Aufklärung za verbreiten. Zn diesem Behufs unterhielt er einen Briefwechsel and innige Beziehungen zu den damaligen berühmten Erziebangsreformatoren Basedow, Campe otc. Er nahm einen lebhaften Antheil an dem bekannten in seiner Vaterstadt Dessau 1774 von Basedow gegründeten Philantliropin, welches nach dem Willen des edlen Stiften keine gewöhnliche Unterriohtsanstalt, sondern ein geistiger Mittelpunkt der aufblühenden Cultur and Humanität werden sollte. Für die geeignetste Me- יי thode des Unterrichts für Jang und Alt hielt Mendelssohn die sokratische, das heisst: die Erweckung des Nachdenkens, die Ueherleitnng des Denkens von einem! gegebenen Falle auf das Allgemeine, und das Be- ' mühen, aus dem Allgemeinen den bestimmten Fall za | entwickeln, ihn za billigen oder zu verwerfen, endlich j die Erregung des Misstrauens in die gewöhnlichen Voraussetzungen und Vorstellungen, um das Bedürfj niss za denken von selbst finden za lehren. Ungemein viel wirkte Mendelssohn durch Wort und Schrift, am meisten aber durch seine Person; er setzte seiner Wirksamkeit dadurch ״die Krone“ auf, dass er einer der edelsten und vortrefflichsten Menschen war. Braucht man noch ein Wort über seinen Charakter, seinen Edelmuth und seine Menschenliebe zu verlieren, nachdem sein Freund Lessing ihn zum Urbild des Nathan auserkoren? Wer Mendelssohn i noch als Mensch kennen lernen will, der lese den Nathan“. — Meiningen. Dr. M. Dessauer. Herzogi. Landrabbiner. Die polnischen Juden. Von Prof. Möller in Königsberg. gegeisselt, die Freiheit des Gewissens, wie der fast gleichzeitige ״Nathan“ Lessings, scharf betont; und wer hätte dieser je das Wort geredet und blieb unangefeindet? Seine religiösen Schriften sollten andererseits die Juden von innen heraus emancipiren, sie auf klären und belehren; wie sollte er da den (Schluss.) Der zweite Charakterzug, der starke Familien- und Stamme ss inn der Juden, zeigt sich von nicht minder grossem Einflüsse auf ihre häusliche und sociale Lage. Während es im westlichen Europa sowohl, wie bei dea christlichen Nachbarn der russischen Juden als selbstverständlich gilt, dass mit der Verheir&thung eines herangewachsenen Familienmitglieds auch die Begründung eines selbstständigen Haushalts, das Beziehen einer eigenen Wohnung verbunden ist, bleiben dort ganz gewöhnlich die verheir&theten Söhne, auch wohl die Schwiegersöhne sammt ihrer Familie im elterlichen Hause, so wie einst nur ein neues Zelt neben dem des Stammeshauptes aufgeschlagen wurde. Bei Abendländern jeder Nationalität würde eine solche erzwungene enge Gemeinschaft wahrscheinlich zahllose Reibungen und Zänkereien veranlassen; die ganze weit verzweigte Judenfamilie wohnt aber bis auf seltene Ausnahmen in Frieden und Eintracht unter einem Dache beisammen Auch die Ehen sind im allgemeinen glücklicher, als die der Christen, obgleich

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