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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-10-15 · N° 42. (15.10.1885) · p. Seite 164

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 42. (15.10.1885)
Date
1885-10-15
Page
Seite 164 (sequence 2)
Language
German
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164 — Tief ergreifend wirkt wohl auf Jeden, der sie liest, die sich selbst verfasste geist* und gemüthvolle Grabes-Iuschrift einer Gatti n und Mutter, die wohl jeder echten Mutter aus der Seele gesprochen ist: liier ni<-11t, theurcr (»ntte, uii-lit liier, gelielitc Kimli-r, Suclit 11 ie Entschwunden«!, hier harret vurgcltlicli ilir mein. — In Euren Herzen sucht mich. ich holl' es, dort bin ieli zu linden, AVar's ilncli iin'in einziges Ziel. «lort mir ein Denkmal zu bnu'n. Dieser Wunsch hat gewisslich seiue vollste Er* fiillung gefunden. Dem ihnen entrissenen Gatten und Vater senden seiue Hinterbliebenen die Worte nach: Wie lrulier fc” •Imfrh Wort und Tliat, Sn leite jetzt sein Heist zum Kechtcu uns •len l’läd. Und auf den Stein eines anderen Familienvaters heisst es: Na1:11 (intern war Dein Streben — Dies war auch Deine Zier, ln uns war nur Dein!«Ikmi Wir lebten nur in Dir. W״zu iles •Steines Klagen, Wenn Dieb •las Herz '•!»weint, l'ml lii'irt •las auf zu sei!lagen, Dann sind wir ja vereint. Ein anderer Stein tragt die Inschrift: Erlöst bist D\1 und rulist in Frieden, Erlöst von jeder Erdi npcin, D1״ b trostlos blieben wir liieniclcn l1111־ unvergesslieli wirst Du sein. Ein anderer: Innig geliebt im Leben, Tief betrauert im Tode. Wieder eine andere Aufschrift sagt: Sein ganzes!.«•ben ein Vorbild von Kruft und Streben. Uder: In unscrm Herzen lebst Du fort. Oder: Vergängliches D<׳ukmal unvergänglicher Liebe. Vielfach waf auf den Grabsteinen das Feuchtenlebeu’sclie: Es ist best imuit in (lottcs Itatli rtc. gewählt. Und auf tleni Grabstein des Geh.-Kaths Dr. M.Frankel stehen die bekanntenGlatuliiis’scheu Worte: Alb, sie haben einen guten Mann begraben. Die beiden Nischen «ler Familiengruft der Fainilie Hellborn enthalten rechts «lie Worte. Nie kehrt wiuder die Zeit, die dem Menschen vergönnt ist auf Erden: Nutze die llieheniie reiht, eh’ sie aut immer •••■tlliehl. Und liuks: Der nur le-selt die Zeit, der nielit lastet die l’llicht zu ertullen. Meii'ihliehes Denken und Thun, ewiglirh wirket es lort. Meine Auslese ist zu Ende, weil leider meine Zeit zu Ende war. Ich hatte noch Stunden aut «lieser Stätte des Friedens znbringen mögen. Gewiss ist mir sehr vieles entgangen, was der Aufzeichnung wertli gewesen wäre, doch auch «las Gegebene wird denkende Leser «lavon überzeugt haben, •lass es sieh wohl verlohnt, bei einen Besuch der Reielishauptstadt auch diese geweihete Stätte tleu zu besichtigenden Sehens Würdigkeiten einzureihen. Die polnischen Juden. Völkern, welche ein langgestrecktes Küstenode»• Inselland bewohnen. So sind die Phönicier, dann die Griechen, und in der Neuzeit die Holländer und Engländer Handelsvölker geworden. Das Land der Juden aber war vom Meere abgcsclinittnn, es hatte nicht einmal grosse Ströme uud war nmgeben von feindliehen Nationen. Die Juden waren von Hause aus Ackerbauer, sie wurden erst Handelsleute, als sie zerstreut unter Fremden wohnten, wo ihnen rechtlich und thatsächlich «lie Möglichkeit fehlte, Laudbau zu treiben. Immerhin waren sie es im Mittelalter zur Zeit ihrer Austreibung aus Deutschland nach dem Osten bereits geworden. Wie musst« nuu auf ein so geartetes Volksthnm der Jahrhunderte lange Aufenthalt unter den noch so wenig cultivirten Polen, Russen, Magyaren uud Rumänen wirken? Olfenbar in der Weise, dass alle jene Charakterziigo sich noch schärfer ansprägten! Die römische, wie die griechische Kirche, von «lenen die Juden sich umgeben sahen, mit ihrem ausserliehen Gepränge, ihrem llilderdienste, ihrer Madounenuud Heiligenverehrung — wodurch unterschieden sie sich «leim von dem alten llcidenthume mit seiner Viel- ״ötter*־i? Man wird vielleicht entrüstet sagen: durch die reine Lehre des Evangeliums vou der Bruderliebe! Aber was spürten denn die verachteten, geknechteten, gelegentlich vergewaltigten Juden von dieser Lehre? Heinrich v. Treitschke, bei weitem der bedeutendst« und anständigste unter den modernen Gegnern des Judenthums, hat es dem Geschichtsschreiber desselben, G ratz, zum schweren Vorwurf gemacht, dass er dieses segensreiche Evangelium der Liel-c geradezu leugnet. Ich find•* «Ins sehr begreiflich und entschuldbar. Gerade der Geschichtschreiber, dem das Schicksal seiuer Glaubensgenossen sich als eius fast uuunterbroeheni» Kette vou Bedrückungen und Verfolgungen (larstellt.e, konnte am allerersten über der schreckliehen Praxis die schöne Theorie aus den Angen verlieren. An den Früchten konnte er den Uautn der Liebe wahrlich nicht erkennen! So finden wir denn bei «len Juden der osleuropüischen Länder zunächst die Religiosität auf die Spitze go'riehen und ausgeartet zur Bigotterie, ja bisweilen zum Fanatismus. Die Sabbathfeier wird mit einer Strenge beobachtet, welch« «lie Puritaner weit in den Schatten st«dlt. Kein Gehl darf angerührt, kein Fuhrwerk bestiegen werden. Wer «lie Sache von der humoristischeii Seite «largestellt sehen will, lese Bernsteiu’s Erzählung ״Vögele «ler Maggid“. Alle Gebete mit dem dazu gehörigen C'remoniell, die Fasten- und Sp״isegesetze werdi-n mit buchstäblicher Genat1igk<-it geübt, selbst auf Kosten der Ge-uudheit, es sei denn, dass der Arzt eiuschreitct, ״durch dessen Mund Gott spricht“. Der Eitilluss des Talmud begiinstigt ja überhaupt die Herrschaft des Buchstabens über «len Geist; fuhrt er doch «len für «leu gesunden Menschenverstand kaum fassbaren Grundsatz ein: was nicht erlaubt ist, ist verboten!*) . Von!,rot. .M״ller in Kötii^'lioi'H. (Fortsetzung!. Darf man als dri tten hervorstechendeil Charakterzug den Haudelsgeist hiuziifiigen? Ich glaube nicht, wenigstens nicht mit demselben Rechte, wie «lie beideu vorigen. Sieht man ab von den Berichten über Salomo's Vorbimlangen mit «lein fernen Osten und Südeu, so finden sieh meines Wissens in den Büchern des alten Testaments keine Angaben über weitreichende und umfangreiche!111!ulelsuutenn11׳munget1 des jüdischen Volks. Audi sehen wir einen frühzeitig und enschie- «len eniwihkelieu llauddsirieb doch f.\־>t nur bei Man 11H׳rkt es sofort,!lass «ler Herr!*rotessor sei» Urüber den Talimifl ni! I!t aus eigener Kcmitniss dosselhea hat , sondern anderen mit Voruriheilen den TalmU'l!!chatteten Satze nachspiiclit, die — wie «ler <»hi<;c im Talmud ^11n:*}1t Vorkommen, oder daselbst in;:411/ anderem Xus.uiiiiH‘iiliam'0 nur hei einem speciclb-ü Kalle ^e^a^t sind. : l*ei Angabe •ler Zeichen, an denen ein /um (!ייו1ו1יו erlauhler j Vo^el zu erkennen sei. heisst es,!lass mau einen im» fremder (•c^end lM*rl1ei^cl*raehten Vo^e], an «lern dio hetr. Zeichen nicht erkennbar. י•«! lan^e tur verhol* 1» betrat hteu •solle, bis «lass c* durch muudlicheoler sclirinliche Minlieilun;; lest^estellt worden, er ־»ei erlauht. Diesen in •lern speeicllen i'allo;;41»;: richtigen (ledaukcii nun aber zu verallgemeinern uud zu su1*e11: derT.ilniu«! Verbietet Alles was nicht positiv erh.ubt sei —* ist eit!•• ״kaum faßbare“ I Vbeiircibun;״, deren sich ein Mann der Wi •*»eiischalt nicht *c!mMi£ nnchoii, >-׳»deru neidlos den Jtohlinj's!!!»erlassen sollte. .Kd.)

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