Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 40-41. (8.10.1885)
- Date
- 1885-10-08
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 158 — Autorität im Lande an den Säbel zu appelliren bereit war, hatte doch gewiss vor dem Rechtsanspruch eines geduldeten Juden am wenigsten Respekt. Was blieb diesem übrig, als zu nehmen, was er bekommen konnte? Wurde er zu reich, 80 erging es ihm ja doch, wie weiland dem türkischen Pascha, dem, wenn er jahrelang eine Provinz ausgesogen, der Sultan die seidene Schnur zuschickte, um sein Vermögen zu konfisziren. Nur die Form war in Polen noch eintacher, weniger höflich: man überfiel gelegentlich die Juden, plünderte ihre Häuser und sie konnten von Glück sagen, wenn man sie am Leben liess. Staatsbürgerliche Rechte besassen sie ja ohnehin nicht, wenn von solchen überhaupt in einem Lande die Rede sein konnte, wo es nur eine herrschende Kaste gab und wo der öffentliche Rechtszustand oft genug nicht allzuweit von allgemeiner Anarchie entfernt war. Wer da glaubt, ich hätte die Lage der Juden im alten Polenreiche zu schwarz gemalt, den verweise ich darauf, dass sie noch gegenwärtig in Russland nicht viel besser daran sind. Wohl können sie Kaufleute erster Gilde werden und in den Haupt- Städten sind sie auch ihres Lebens und ihrer Habe sicher, in den Provinzen aber bekanntlich nicht. Von einem sichern Rechtszustande ist vollends nicht die Rede. Es war lauge nicht das schlimmste, dass der eiserne Zar Nikolaus I. ihnen befahl, den schwarzen Kaftan abzulegen und dDPeisaken (Peies) abzuschneiden, gerade wie sein grosser Vorgänger Peter einst den russischen Bojaren die Bärte scheren liess. Auch unter den nach Gerechtigkeit und Humanität strebenden Regenten der neuesten Aera folgt ein Ukas über die Juden dem andern und jeder greift gewaltsam in das Lebensschicksal von Tausenden ein. Bald wird ihnen das Recht verschränkt, ländlichen Grundbesitz zu kaufen, bald sollen sie keine Schänken halten, bald nicht auf Dörfern wohnen, bald in den Grenzprovinzen so und so viel Werst von der Grenze ins Innere iibersiedelu u. s. w. Es fehlt ja nicht an plausibeln Gründen für alle solche Machtgebote: da haben Juden die überschuldeten Güter verschwenderischer Edelleute zur Subhastation gebracht, da haben sie die Bauern im Schnapstrinken bestärkt und im Handel übervortheilt, da haben sie den Schmuggel begünstigt oder selber betrieben. Alles wahr, alles freilich nicht mehr, als was auch viele rechtgläubige Russen zu tliun kein Bedenken tragen. Fragen wir nun: wie musste sich unter solchen Verhältnissen der Charakter der Juden gestalten? So ergiebt sich zunächst die Vorfrage: welche Anlagen, welche Charakterzüge brachten sie von ihrer Väter Zeiten nach jenen Ländern mit? Hisr sind es vor Allem zwei hervorstechende Züge, die uns die Geschichte des Judenthums seit alten Zeiten überliefert: eine tiefgewurzelte Anhanglichkeit au ihre Religion und ein starker Stammes- und Familiensinn, beide mit allen Consefpienzen Die mosaische Religion war Volksreligion, sie war die einzige monotheistische des ganzen Alterthums, sie hielt sich frei von allem Bilderdienste, ihr Jehovah (Jahveli) war der reine Repräsentant des Sittengesetzes, gegenüber den vielgestaltigen Verkörperungen der Naturkräfte, wie sie sich bei den andern Religionen als Gottheiten finden. Diese Religion schied also nicht nur die Israeliten von allen übrigen Völkern, sondern sie gab ihnen auch durch die grössere Reiuheit ihres Inhalts eine gewisse Berechtigung, sich als ״das Volk Gottes“ über die Heiden (Gojiin) erhaben zu dünken, so wie die Hellenen auf Grund ihrer überlegenen Geistesbildung alle übrigen Völker als Barbaren tief unter sich stellten. Hierzu kam noch die theokratische Verfassung des Staats und das Prophetenthum, welche nicht wenig dazu beitrugen, dem religiösen Moment eine entscheidende Bedeutung zu geben, wie wir sie kaum bei einem andern alten Kulturvolke sehen. In zweiter Reihe finden wir das Band der Familie von ungewöhnlicher Stärke bei den Juden. Ein Erbe aus den alten patriarchalischen Zeiten, wurde es geheiligt durch das religiöse Gebot der Ehrfurcht vor Vater und Mutter und gefestigt durch die Eintheilung des Volks in Stämme; waren doch diese nichts anderes, als erweiterte Familien, da sie ihren Ursprung auf einen gemeinschaftlichen Ahnherrn zurückführten. Auch das Priesterthum der Leviten, das in der Familie Davids erbliche Königthum und der Glaube an den aus diesem Geschlechte zu erwartenden Messias legen Zeugniss ab für die Wichtigkeit der Familie. Ja, selbst das Grundeigenthum war eigentlich Familienbesitz, der Einzelne ursprünglich nur Nutzniesser, denn Verkäufe von liegenden Gütern galten nur bis auf höchstens 50 Jahre; bei dem jedesmaligen allgemeinen Jubeljahre kehrten sie alsdann in den Besitz der Familie zurück, welcher sie ursprünglieh angehört hatten. 'Fortsetzung folgt.) Zwischen Gräbern. Von Max Weinberg. Bekanntlich ist seit den letzten Decennien in vielen Theilen des protestantischen Deutschlands die Zahl der Tage religiöser Weihe um einen Tag vermehrt worden, um den Tag der s. g. Todtenfeier. Man sieht an ihm Menschen zu vielen Dutzenden mit Blumen und Kränzen in den Händen zu den Gräbern verstorbener Angehöriger wallen und dort wehmüthigen Erinnerungen und Gedanken Raum geben. Ich weiss nicht, von wem die Creirung dieses Tages ursprünglich ausgegangen und angeregt*ist, aber sicherlieh hat ein Gedanke dadurch seine Verwirklichung gefunden, der längst von Tausenden und Abertausend?n empfunden und gefühlt wurde und der Allen aus der Seele gesprochen ist. In denlnstitutionen der jüdischenReligions-Gemeinschaft war diesem Bedürfniss bereits Rechnung getragen und man darf wohl sagen, dass hier ein alter ehr- und erhaltungswürdiger Hausrath der Mutter von der Tochter gelegentlich nachgeholt und nach eigenem Geschmack umgemodelt ist. Die eigentliche Zeit jüdischer Todtenfeier ist bekanntlich der Todestag des Entschlafenen und man weiss ja, dass unsere Glaubensgenossen vielfach die weitesten Reisen machen, um dieser schönen Sitte nachzuleben. Daneben gilt namentlich die Zeit von vor Neujahr bis zum Versöhnungstage als auch diesem Zwecke geweiht. Auch mein erster Gang galt, als ich in der Roschhaschana-Woche d. J. den Berliner jüdischen Friedhof Rn der Schönhauser Allee betrat, vor Allem der letzten Ruhestatt eines edleu, braven, wenugleich über den Kreis der Familie hinaus durch die Ungunst der Verhältnisse nie näher bekannt gewordenen Mannes, den ich leider persönlich nie gekannt habe, von dem mir aber noch vor drei Jahren der unvergessliche sei. : Eduard Lasker, dessen Studien- und Zimmergenosse er in Breslau gewesen, versichert, dass er ein seltener Mensch im besten Sinne des Wortes gewesen, von einer fast zu grossen Bescheidenheit, der mehr ein | Innenleben geführt und (durch sein ״Geburtsübel“, j wie Heine sagt) nie zur eigentlichen Geltung gelangt sei. ׳ Andere, wohl nicht besser beanlagte Menschen aber j weniger seltene Charaktere unter seinen jüdischen | Studiengenossen waren zu Würden und Aemtern ge-