Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 40-41. (8.10.1885)
- Date
- 1885-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JK #41־־. Kar Belaaelilaa* a]l«r JaiMtt•■ ml J1<n katratTaa««■ llttcrarlachaa Er* •ckelaaagea aaf de« Geklete der Fälleeepkle, Qeeekiekte, Ethaograpkle, Tkeolegte, Orleatalia, Exegeee, Heaalletlk, Lltargik, Fldegeglk. Jüdisches^ Heransgegeben ▼OB Rabbiner l)r. Moritz Rahnier. 8. öcto&ci 1885. .Tahrg. XIV. Hieherderelticiehlffglgen Mtterat»ro*«teh« der U6«Uetl•« werde», Hede« 1■ dleaem Blatte «Ingehe»de Bespreche«*• Bet Elnsendang ton sw et Keceitslons- Exemplaren erfolgt einmalige karxe tlratls-Insertloa• Das ״Jfdisehe Litte rmtur-Bl»tt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratar-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit M Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilage■ mit lft Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. MB* Buohhkndler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 Rabatt. M Inha.lt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die polnischen Juden. Von Prof. Möller in Königsberg. — Zwischen Gräbern. Von Max Weinberg. — Moses Mendelssohn. Eine Säcular- Erinnerung. — Die biblische Schöpfungsgeschichte im Lichte der ־Wissenschaft. Von Dr. Rothschild Alzey. Litteraturbericht: Recensionen: Die Gesetzsammlung des Judenspiegels. Notizen. Inserate. Nachdruck nur mit Broiler Quellenangabe gestattet. Die polnischen Juden. Von Prof. Möller in Königsberg.*) I. Die massenhaften Ausweisungen russischer Polen sind nicht auf das platte Land und die von der Polonisirung bedrohten Distriote des östlichen Preussens beschränkt gebliehen, sondern haben auch sogar in Königsberg und Danzig eine grosse Anzahl nichts ahnender Familien unglücklich gemacht. Dort wurden vorzugsweise polnische Juden betroffen, die als Vermittler im Handelsverkehr zwischen Russland und Deutschland eine wesentliche Rolle spielen. Den ״polnischen Juden“ wählt sich die neudeutsche Civilisation ja überhaupt mit ganz besonderer Vorliebe zum — Prügelknaben. Dieser Jude ist entschieden besser, als sein Ruf, und seine schlechtesten Eigenschaffen sind mehr aus seiner Behandlung als aus seiner Natur bervorge gangen. Ich glaube mir in dieser Beziehung ein Urtheil haben bilden zu können, da ich während eines langen und bewegten Lebens reiche Gelegenheit hatte, mit Juden jeglichen Bildungsgrades und jeder gesellschaftlichen Stellung in Be- Ziehungen zu treten. Ein geistvoller Schriftsteller, der die geistigen und socialen Zustände seiner israelitischen Glaubensgenossen in den halb barbarischen Ländern 08teuropas mit scharten Strichen zu zeichnen weiss, K. E. Franzos, hat den treffenden Ausspruch gethan: Jedes Land hat die Juden, die es verdient! Damit ist in einem Satze die mächtige Einwirkung, welche die politische und gesellschaftliche Lage der Juden anf ihr gesammtes Wesen ausübt, durchaus richtig gekennzeichnet. Wer recht ermessen will, was die modernen Juden aus sich gemacht haben und wie sie diejenigen geworden sind, die wir heutigen Tags unter uns sehen, der muss sie so zu sagen au der Quelle studiren, dort, wo sie noch nicht modern sind, wo> sie im ganzen und grossen noch so ziemlich auf der Kulturstufe des Mittelalters stehen, sich nicht wesentlieh verändert haben, seitdem König Kasimir von Polen die schöne Esther zu seiner Geliebten machte׳ und ihren aus Deutschland flüchtenden Stammesgenossen Zuflucht und Schutz gewährte. Mit dem Schutze war es vorbei, sowie König Kasimir starb, aber wenigstens trieb man die Judeu nicht aus, wie aus westeuropäischen Ländern. Sie hatten sich schnell unentbehrlich zu machen gewusst. Einen eigentlichen Bürgerstand hat das polnische Volk niemals hervorzubringen vermocht. Den geringen Handel und die nothwendigsten Gewerbe in den Städten betrieben fast ausschliesslich deutsche Ein- Wanderer, die aber vom polnischen Adel feindselig behandelt und grösstentheils wieder zur Auswanderung gezwungen worden waren. Ihre Stelle nahmen die Juden ein und da die Bauern an die Scholle gefesselt waren, in Unwissenheit, Schmutz, und Trägheil;, verkamen, der adelige Grundherr aber einen bürgerlichen Erwerb lür entwürdigend hielt und leichtsinnig in den Tag hinein lebte, so gut oder schlecht es eben ging, so waren ihm die Juden eine willkommene Aushilfe. Sie besorgten den Transport seines Getreides, Holzes und aller andern Bodenprodukte nach den Stapel- und Hafeuplätzen, sie gaben ihm Vorschüsse auf seine Ernten, wenn der Herr Magnat Spielschulden zu decken oder Feste auszurichten hatte; sie waren Gastwirtlie, Fuhrleute, Schmiede, Juweliere, Schneider, Schuhmacher, kurz sie betrieben alle Geschäfte, welche niemand sonst übernahm oder übernehmen konnte. Dass sie dabei oft wucherischen Profit nahmen, ist unzweifelhaft. Aber der Begriff des Wuchers ist ja überhaupt ein sehr relativer, denn der Zinsfuss richtet sich nicht allein nach dem Kapitalreichthum eines Landes, soudem er schliesst auch die Prämie für das Risiko des Kapitals ein und dies Risiko ist natürlich in Ländern mit unsichern Rechtsverhältnissen ein sehr grosses. Darum gelten noch jetzt in Russland 18 bis 20 Prozent im privaten Geldverkehr für einen keineswegs unerhörten Satz. Jedermann weiss aber auch,dass da das Gerichtsverfahren äusserst schleppend, die Richter bestechlich sind und mancher Gläubiger es daher vorzieht, seine Forderung fallen zu lassen, ehe er den Weg Rechtens betritt. Dass dies vor zwei, drei Jahrhunderten noch in viel näherem Grade der Fall gewesen ist, lässt sich denken. Ein gewaltthätiger Adel, der sich über jede gesetzliche Schranke hinwegsetzte, der selbst gegenüber der höchsten *) Aus der ״Nation“. (Siehe Inseratenseite.)