Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 39. (23.9.1885)
- Date
- 1885-09-23
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 155 — Synagoge, wo ohne Rüoksioht auf die Anzahl der Versammelten die Einleitnngsformel die gleiohe bleibt, widerspricht. Sachlich ist es das gleiohe, wenn der Talmud die nioht iu den Zusammenhang des Ganzen passenden Ausführungen als im Sinne R. Jose’s aus* gesprochen erklärt mit dem Unterschiede, dass er sich an eine Streichung dieses Passus aus dem ursprünglichen Mischnah-Texte nicht gewagt hat. Bersch f. 50. a. הא ר׳־י מלילי הא ר״ל Derartige Aufnahmen von Glossen scheinen auffälligerweise immer nach dem Principe erfolgt zu sein, dass man. die Ausführung der gegnerischen Ansicht vor den betreffenden Ausspruch gesetzt hat, wozu als Beispieldas Gesetz über die Rechtswirkupg der Ehe eines Ennuohen gelten mag. (Jebamoth S. 4 8q.) R. Jpsua sagt: Ich Jiabe gehört, (sc. von meinem Lehrer) dass ein Castrat selbst Chalizah geben darf und dass man auch seiner Wittwe Chalizah giebt (so. in gewissen Fällen) und dass (sc. in anderen Fällen) ein Castrat Chalizah nicht giebt und man seiner Wittwe nicht Chalizah geben darf, ohne es erklären zu können, worauf R. Akiba sagt, der erste Fall finde bei einem durch Menschenhand Castrierten statt, der zweite Fall bei einem als Castraten Geborenen. Der näohste Paragraph giebt, als wäre nichts Anderes vorgefallen, das Gesetz, dass ein Castrat nicht Chalizah geben darf. Wir haben also anzunehmen, dass Paragraph 5 das ursprüngliche Gesetz enthielt, welches von dem Grundsatz ausgehend, dass die Ehe des Castraten ungiltig sei, bestimmte, dass er der Wittwe seines Bruders nioht Chalizah geben dürfe und ebenso, dass seine Wittwe nicht Chalizah brauohe. Dann ist die Ansicht des R. Josua, dass naoh der ihm gewordenen Tradition dieses Gesetz eine Ausnähme erleide mit der Erklärung, des R. Akiba und R. Eliezer vorher eingeschoben worden. Das Resultat dieser Untersuchungen, welche ich mit Gottes Hilfe fortzusetzen gedenke, 8011 ein, wenn auch nicht bedeutender Baustein zu dem noch nun nioht vollständig fundamentierten Gebäude der jüdischeu Theologie sein. Es sollen diese Versuche die Möglichkeit herbeiführen, das pharisäische Gesetz in seiner ursprünglichen Gestalt zu erkennen da, wo es sich, wie das ja bei allen schriftlichen Aufzeichnungen der Fall ist, gegenüber den abweichenden Meinungen selbstbewusst differenzierte. Es wird dann in fernerer Aussicht, das noch immer aus praktischen Gründen festgehaltene dialeotische Princip des Talmudstudiums durch ein wissenschaftliches zu ersetzen beitragen. Man wird bei aller Achtung vor den grossen Männern unserer Vergangenheit, vor Maimonides, R. Nissim, R. Serachjah Halevi etc. doch nicht verkennen dürfen, dass die Erklärungsversuche dieser Männer zunächst von dem anachronistischen Princip, als lasse sich in religiösen Dingen Alles auf einen Mittelpunkt beziehen, ausgehen und dass sie die Autorität des Talmuds 80 hoch stellten, dass seine Versuohe, die Mischnah zu erklären, immer oanonisohes Ansehen erhalten. Wir werden, um es kurz zu sagen, die Grundsätze der wissenschaftlichen Exegese auf die Halachahsammlungen ebenso anwenden, wie sie unsere Altvordern im Gegensätze zu ihren christlichen Zeitgenossen angewendet haben. War es unserem Jahrhunderte Vorbehalten, in dem seligen Malbim und in seinem deutschen Gegenbilde Hirsch die jüdisohe Bibelexegese auf einen hinter dem Talmud zurückstehenden Standpunkt zu führen, so mag es auch uns Vorbehalten sein, die Idee zu entkräften, dass es eine wissenschaftliche Theologie des Judenthums nioht gebe. Aus Dieulafay’s Reise in Westpersien und Babylonien. Unter den zahlreichen Religionen, zu denen sich die Bewohner Basra’s und der Umgegend bekennen, fielen besonders die Subisten oder Johannesohristen auf, welche westlich von Basra wohnen. Sie betraohten Johannes den Täufer als den wahren Messias und Jesus Christus nur als dessen Nachfolger, haben weder Tempel noch Altäre und empfangen alle Sacramente, als deren erstes die alljährlich mindestens einmal stattfindende Taufe gilt, im Wasser. Sie haben die ß8iohte und müssen eine kleine Geldbuße erlegen, ehe 8:e Absolution empfangen, leben in Monogamie und kennen die Beschneidung nioht. Allwöchentlich segnet der Priester ungesäuertes Brod, bestreut es mit Sesam, verzehrt selbst ein Stück davon und vertheilt den Rest an die Neugetauften. Ihre Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Wesen und Gegenständen scheint bis zur Verrücktheit zu gehen. Die Priester sind verheirathet, aber ihre Frauen dürfen die jenen gehörenden Gegenstände nicht berühren, so dass sie ihre Mahlzeiten selbst bereiten müssen. Kein Gläubiper darf Fleisch von Ochsen, Büffel, Kameel oder Ziege, die für unrein gelten, gemessen, sondern nur vom männlichen Lamme oder Hammel, wenn das Thier von Priesterhand nach gewissen Regeln geschlachtet ist. Alle Vegetabilien müssen sorgfältig gewaschen und dürfen nur in Porzellan- oder Kupfergeschirr aufgetragen werden. Bis ins Kleinste geregelt sind die Reinigungen, die nach der Heirath und der Entbindung vorzunehmen sind. Am grössten aber ist ihr Grauen vor einem Leichnam. Um sich nioht durch die Berührung eines solchen zu verunreinigen, legen sie jeden sterbenden Verwandten, sobald der Todeskampf eintritt, in die Grube, knien um dieselbe nieder und erwarten schluohzend das Ende, worauf &ie nur ein paar Schaufeln voll Erde auf den Todten werfen. 40 Tage später muss dessen Seele vor Gott erscheinen, und während dieser Zeit versammeln sich Verwandte und Freunde des Verstorbenen täglich Morgens und Abends im Trauerhause und verzehren ein vom Priester gesegnetes Mahl, das aus Lammfleisoh, Fischen und Früchten besteht. Zum Beschlüsse muss jeder Anwesende für das Seelenheil des Todten ein Gebet sprechen. Das wäre für die Hinterbliebenen eine theuere Sache, wenn sie nicht von den Theilnehmern der Sitte gemäss Geschenke erhielten. Von jener Barbarei beim Begräbniss abgesehen, sind die Subisten freundlioh und human, intelligent und reohtschaffen; geschickt sind sie besonders im Bearbeiten der Metalle. Den Ueberredungskiinsten und klingenden Gründen der Mosuler Karmeliter und der protest. Missionare haben sie bis jetzt zähen Widerstand entgegengesetzt. (Erkennt man nioht deutlioh in Unwissenheit verkommene Essaeer in dieser Schilderung? Red.) Litteraturbericht, Recensionen. Fr. Dallwig. Der Kampf zwisohen Glauben und Wissen. Ein Wort zum Frieden. Gotha 1885. Der Verfasser, ein evangelischer Pfarrer, gesteht bescheiden zu, in seiner 37 Seiten starken Schrift die Jahrtausende alte Frage nioht gelöst zu haben. So weit könnten wir also den Verfasser in seinem stillen Pfarrhofe ruhig lassen, wenn er nioht die Prätension erheben würde, dass alle Apologetik der religiösen