Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-09-23 · N° 39. (23.9.1885) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 39. (23.9.1885)
Date
1885-09-23
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-5990839-5991104--0754-5368070
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 154 -יge8 haben, 80 lag doch darin eben auch sogleich der Keim des Verderbens: Es fehlte der Gebieter, der lohnen ond strafen, beschützen und zum Siege führen, ja, der im schlimmsten Falle durch Gewalt und Unrecht eine Politik anbahnen konnte, die das so unpolitische Volk za £fi>a tioXiiixA amschuf — so lange sie noch nicht allzu sehr zerstreut waren. Aber sie blieben sin ״heiliges* Volk, wie sehr sie auch andererseits politische Nichtse sein mochten. Die Gegenwart indessen mit ihrem politischen Treiben und Drängen musste auch die unpolitischsten Geschöpfe hinreissen und ihnen die NothWendigkeit auferlegen, mit dem Ganzen und in dem Ganzen zu fühlen und zu handeln. Sie verlangt auch von den Juden, aus dem engen Gebiet der Religion heraustretend politische Rechte zu verlangen, sich gegen Einschränkungen zu erheben und ihrer Isolirtheit unter den Völkern ein Ende zu bereiten.*) Ueber die politischen und bürgerlichen Tugenden, welche diesem Processe einen gedeihlichen Fortgang zu geben vermögen, ist eben gesprochen. Welcher Mittel bedarf nun wohl eine zweckmässige Politik der Juden in Hinblick auf die Religion? Ich rede nicht von einem Verhalten der Juden gegenüber dem Glaubensinhalt, sondern gegenüber den oben erwähnten Aeusserlichkeiten der Religion. Hierin nun sind die Meinungen ja mannigfaltig genug, und doch ist eine Einigung sehr von Nöthen. Zu dieser ist kaum noch der Grund gelegt und erst späten Geschlechtern wirä es beschieden sein, die Früchte dieses Werkes zu ernten. Wenn wir der Zerfahrenheit in den Bestrebungen des modernen Judenthums, der orthodoxen und reformatorischen Richtung, auf den Grund gehen, so tritt uns als erste Ursache des gegenwärtigen Missstandes der uranfängliche Mangel einer Organisation des Glaubens, eines Kanon, sowie das ebenso alte Fehlen einer autoritativen Geistlichkeit entgegen. Beider Mängel entbehrte von Anfang an die christliche Kirche. Ihre Form ist nach beiden Seiten durch ein zweitausendjähriges Bestehen erprobt, sie hat nicht nur äusserlich gewirkt, sondern auch naoh innen. Sie hat dem Christenthume auf dem geistigen Gebiete eine solche Macht verliehen, wie die militäri8che Form, die Taktik, dem Römerthume. Aber auch auf den Einzelnen übt sie ihren heilsamen Einfluss aus, sie erhebt ihn zu einer gewissen Feierlichkeit und Andacht, giebt ihm eine äussere Würdigkeit and innere Weihe. Wenn wir am Schlüsse diejenigen Erfordernisse zusammentassen, welche den Juden als Adoptiv- Deutschen die sehnlichst erwünschte Anerkennung durch die Gesammtheit des christlichen Deutschlands gewährleisten, so ist es auf dem Gebiete des politisehen, gesellschaftlichen Lebens eine kräftige, ernste Theilnahme an den allgemeinen Fragen, die Bethätigung der Liebe zum Vaterlande, zu der Gesammtheit. Im Hinblick auf das religiöse Leben, wo das Uebel viel tiefer wurzelt, ist eine derartige Glaubensumformung, die denselben dem modernen Fühlen und Empfinden anpasst, nicht nar wünsohenswerth, sondem auch dringend nothwendig geworden.**) *) Selbstverständlich ohne etwas Wesentliches von seiner Relipion preiszugeben. Durch die politische Emancipation darf die Freiheit der ReligionsUbung kerne Einbusse erleiden. (Red.) **) Wir wiederholen zum Schluss, dass wir die obigen Ansichten durchaus nicht theilen. Das Judenthum kann wohl die Aenderung einiger äusseren Formen und Formalitäten dulden, niemals aber eine ״Glaubensumfonn'ing“. Der Herr Verf. ist auch im Irrthum, wenn er glaubt, dass dies uns die volle ״Anerkennung des christlichen Deutschlands“ bringen werde. Der Glaubensinhalt des Judenthums ist für seine Bekenner niemals ein Hinderniss gewesen, seinen Pflichten als Bfirger voll und ganz nachzukommen, Beweis u. A. Montefiore. (Red.) Collectanea zur Mischnah. II. Von Dr. G. Deutsch in Brünn. (Fortsetzung and Schluss.) Untenachen wir die Frage, ob der Talmad mit חסורא מיחסרא bloss eine den Siün erläuternde Bemerkung geben oder den Text emendieren will, so bin ich — ich gebe meine Ansicht mit aller Reserve — geneigt, mich für das letztere zu entscheiden. Als Beweis dient mir eine Stelle in Sukkah 2.5, wo das Gesetz ausgesprochen wird, dass man ausser den regelmässigen Mahlzeiten עראי auch ausserhalb der Sukkah essen dürfe, hingegen wird erzählt, dass Rabban Jonaohan ben Sakkai und R. Gamaliel, als man ihnen etwas zu essen brachte, verlangten, man solle es in die Sukkah tragen. Darauf fragt der Talmud wieder sein bekanntes מעשה לסתור ‘und erwidert: Man müsse den Text so gestalten: Man darf עראי ausserhalb der Sukkah essen, wer aber sich die. Erschwerung aufiegen will, es nicht zu thun, mag handeln, wie R. Iochanan und R. Gamaliel. Da hier nicht wie in Baba Qamma 3.6, ein neuer Gesichtspunkt zutage tritt, wäre die Form der Frage unverständlich, wenn nicht gesagt sein soll, man müsse in den Misohnah-Text thatsächlich die "Worte interpolieren. Dabei sollte uns die Girierung zweier entgegengesetzter Thatsachen von der Anschauung befreien, dass man in der Mischnah nie eine Erzählung finden dürfe, die im Gegensätze zur gesetzlichen Be- Stimmung steht. Sind wir nun zur Ueberzeagung gelangt, eine Interpolation werde vom Talmud oft willbürlioh angenommen, so werden wir uns sagen müssen, in dem Falle, wo sie nothwendig erscheint, um den Widerspruch eines Gesetzes mit einer practisohen Entscheidung auszugleichen, ist sie auch nicht so zwingend, dass wir nicht lieber zu der natürlichen Auffassung kommen sollten, die Mischnah citiert ebenso oft den Gesetzen parallele wie widersprechende Thatsachen. Wenn es in Joma 1.6. heisst, dass man dem Hohepriester in der Nacht des Versöhnungstages aus Jjob, Ezra und Chronik vorliesst und Seoharjah b. Kebutah bemerkt, dass er selber dem Hohepriester aus Daniel vorgelesen habe, 80 ist das sicherlich eine מעשה לסתור, daher sehe ich nicht ein, warum, wenn die Halachah bestimmt, dass man das Passah-Lamm nicht auf einem Roste אסכלא braten dürfe, R. Gamaliel nicht zu seinem bekannten, gelehrten Knechte Tobi gesagt haben dürfe, brate das Passah auf dem Roste, (Pe8achim 7.2.) da er ja überhaupt für seine Person öfter von der Halachah abwich. (S. Berachoth 2 (5-7). Ist nun das Princip des מעשה לסתור falsch, so ist das der Textes-Emendationen auch sehr bedenklich, was eine Zusammenstellung aller dieser Fälle ergeben müsste. Man wird in der Folge die Augen nicht verschliessen können, dass diese Emendationen hier und da thatsächlich in den Text gekommen sind and wird sich thunlichst bestreben müssen, die ursprüngliehe Fassung der mischnaitisohen Halachah festzustellen. Wenn es in Berachoth 7.3. heisst: Wie ist die Formel des gemeinsamen Tischgebets ומק? Bei dreien sagt man נכרך, bei vieren כרכו, bei zehn;נברך ל־, bei elf כרכו לאלהינו, einerlei, ob zehn oder hunderttausend Theilnehmer an der Tafel sitzen, immer bleibt die Formel die gleiche, so ist sonnenklar, dass die darauf folgenden Ausführungen der Formel für eine Gesellschaft von hundert, tausend und zehntausend nur eine Glosse sind, welohe die Worte R. Jose des Galliläers explicieren soll, der mit Beziehung auf Psalm 68.27. sagt: Naoh der Anzahl, der Versammelten ist die Formel zi erweitern, welcher Ansioht R. Akiba mit Hinw6is auf den Ritus der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.