Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-09-17 · N° 38. (17.9.1885) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 38. (17.9.1885)
Date
1885-09-17
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492408-5990839-5991102--0749-5368066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 150 — noch viel mehr eine Herzenssache ist. Der erstere Theil ist auch schon auf dem Wege gesetzlicher Bestimmungen erledigt, doch der zweite Theil steht noch an. Wir stehen vor der Thatsache, dass innerhalb Deutschlands ein winziger Bruchtheil durch einige seiner Sitten und Gebräuche abweicht von der Gesammtheit. Aber diese Abweichung ist nur eine in derselben Art, unter derselben Voraussetzung verschiedene und bildet gegenüber einem fremden Volksthume mit dem originalen Deutschthum ein einiges Ganze. Innerhalb dieses Ganzen aber trägt überhaupt jeder Deutsche ein doppeltes Gefühl der Zusammengehörigkeit in sich, in Bezug auf das Vaterland und auf die engere Heimath. In jedem kleineren oder grösseren Ort hegt der Eingesessene naturgemäss dieses Gefühl der Heimathlichkeit im Herzen. Wie nun die menschliche Liebe von dem beschränkten Gesichtskreise des Kindes sich zu einer allgemeinen Menschenliebe erweitert, so ist es ebenso erfreulich wie natürlich, dass das Localinteresse oder der Looalpatriotismus sich zu einem allgemeinen, deutschen Patriotismus erhebe. Wenn nun dieses Interesse von früher Jugend an ebenso den jüdischen, wie den christlichen Kindern eingepflanzt worden ist, so kann es nicht ausbleiben, dass ihre Denkart und Gesinnung auch im Mannesalter eine entsprechende sei. Indem so der politische Antheil, welchen der Jude an den Interessen der Gesammtheit nimmt, gewissermassen localisirt wird, pflanzt man zugleich in seine Brust die Liebe zum ganzen grossen Vaterlande. Denn der einzelne Ort hat viele und mannigfaltige Beziehungen zu der Gesammtheit, die öffentliche Meinung Deutschlands hallt an ihm in eigenthümlichen Localtönen wieder, die nur den Eingeweihten verständlich sind. Die Bande, welche den Einzelnen an seine engste Heimath knüpfen, sind in Wahrheit viel stärker, weil ursprünglicher, als das Band der nationalen Zusammengehörigkeit, und der Particularismus führt nur, insofern er zum Stieben nach politischer Selbstständigkeit ausartet, zum Unsegen. Das Besondere wird auch in dem Ganzen geschont, so lange es seiner Besonderheit würdig bleibt. Diese Erhaltung des Besonderen in der grossen Gesammtheit wird aber bedingt durch die Liebe zu derselben, den Patriotismus. (Schluss folgt.) Der Ursprung des Namens ״Nadler“. Episode aus der Zelt der Judenverfolgung in Polen gegen Eude des XV. Jahrhunderts. Mitgetheilt von h. Cohen, Lehrer in Rees a. Rhein. Meinem in der historischen Notiz (No. 31 d. L.-Bl.) gegebenen Versprechen gemäss theile ich den Inhalt des in meinem Besitze befindlichen Hebräischen Schriftstückes den geschätzten Lesern des L.-Bl. hierdurch mit.*) Dasselbe lautet in treuer Uebersetzung wie folgt: Aus dem Munde der Kinder des Rabbi Pinchas Halevi aus Krakau haben wir erfahren, wie diese aus dem Munde ihres Vaters R. Pinchas gehört, dass der grosse R. Elie&er Aschkenasi, Verfasser des Buches ,מעשי ה, dem Letzteren erzählt hat, wie er einst im Lande Mizraim gegen hohen Pachtzins von *) Aussei• von den 1111. Rabbiner Siinonsen in Conenhagen und IJ1׳. A. Berliner in Berlin, welche so freundlich waren, mir mitzutheileu, dass in den Responsen des מ1*ש“ל dieses Euctums Erwähnung geschehe, sind mir keine Mittheilungeu zugegangen. Ersterer crüflnete mir ferner noch, dass in dem Werkehen ״Gal Ed“ von Lieben und zwar in den deutschen Anmerkungen von llock einer Familie ״Nadler‘‘ gedacht werde dem mächtigen Sultan (המלך דתוגר) den Zoll gepachtet hatte. Eines Jahres hatte R. Elieser einen Nachtheil zum Betrage von 7000 Gulden zu erleiden, aus welchem Grunde er heimlich in ein anderes Land entfliehen musste, da es ihm unmöglich war, dem Könige auch nur einen Theil der Pacht entrichten zu können. Auf seiner Flucht kam er nun zu dem Oberhaupte der Jeschibah in Jerusalem, dessen Name R. Adam war. Dieser war ein Deutscher, früher Oberhaupt der Jeschibah und Ab-beth-din in Lemberg und 98 Jahre alt. als er nach dem beil. Lande kam. Als R. Elieser zu ihm kam, war R. Adam 120 Jahre alt. Ersterer erzählte ihm nun Folgendes: ״Ich bin, um mein Leben zu erhalten, gezwungen, in ein anderes Land zu flüchten und beabsichtige, nach Polen zu reisen. Du bist von dort und kennst wohl die dortigen Familien. Sage mir daher, mit welcher ich mich durch Verheirathung meiner Söhne und Töchter verschwägern darf“. ״Der Rabbi antwortete mir“, fuhr R. Elieser fort: ״Alle Familien sind vorzüglich zu empfehlen; nur eine Familie ist dort mit Namen ״Nadler“, welche man eines unlegitimen Ursprunges beschuldigt. In Wahrheit jedoch geschieht dies mit Unrecht; darum will ich Dir erzählen, was die Veranlassung zu dieser Beschuldigung gewesen.“ Einst, es mögen nahe an 100 Jahre sein, waren in Polen drei Erzbischöfe (הנדונים) in 3 Bisthümern, einer in Posen, einer in Gnesen und einer היה באשר "יה. Zu dem Bisthum Posen gehörte auch die heilige Gemeinde Kalisch; aber auch in andern Orten befanden sich jüdische Gemeinden. Der Kirchenfürst hatte nun einst beschlossen, alle Juden aus seinem Gebiete auszutreiben. Es war aber zur Zeit in Kalisch ein sehr angesehener, reicher und gelehrter Mann, der sich mit aller Aufopferung bemühete, den Erzbischof zur Rücknähme dieses Dekrets zu bewegen. Seine Bemühung aber blieb ohne Erfolg und alle Juden wurden aus dem Bisthum Posen verjagt und begaben sich nach dem Bisthum Gnesen, wo sie als Bürger aufgenommen wurden. Der vorerwähnte Mann blieb allein mit seiner Frau und seinem einzigen zweijährigen Sohne in Kalisch zurück, denn er dachte: Vielleicht gelingt es I mir, den Erzbischof zu bewegen, das Austreibungsdekret zurückzunehmen. Als er nun zu diesem Zwecke sich wiederholt in den Palast begeben hatte, den Erzbischof um Rücknahme des Gesetzes anzuflehen, erzürnte dieser und liess den Mann ins Gefänguiss werfen. Als die Frau erfuhr, dass ihr Mann gefangen sass, nahm sie ihren Sohn, that ihn in ein Fässchen (חב*ות), welches man פו״ט nennt, und schickte ihn an die Grenze Gnesens, um ihn dort zu sichern. Die Frau aber blieb in Kalisch zurück, um zu sehen, was mit ihrem Manne geschehen würde. Ehe sie jedoch ihren Sohn fortgeschickt hatte, dachte sie: Ich will ihm ein Zeichen machen; wer weiss, vielleicht schenkt mir Gott die Gnade, ihn einst wiederzusehen, und da würde ich ihn alsdann nicht wieder erkennen. Sie nahm hierauf eine Stecknadel (שפילק״א), steckte sie ihm hinter’s Ohr zwischen Haut und Fleisch, so dass nur der Kopf aus dem Ohrgrübchen hervorsah. — Der Fürst hatte aber ihren Mann zum Tode verurtheilt und mit ihm mussten viele, um der Heiligung des göttlichen Namens willen, den Tod erleiden. Die Frau floh hierauf nach Polen (Hier scheint eine Lücke zu sein, da sie ja noch in Kalisch sich befand, welches zu Polen gehörte) und erfuhr nie mehr, was aus ihrem Kinde geworden war. — Nach längerer Zeit, als der Knabe das achtzehnte Jahr erreicht hatte, kam er als Schüler in meine Lehranstalt, während ich in Lemberg war. (Hier scheint wieder etwas ausgelassen zu sein.) Der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.