Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-09-09 · N° 37. (9.9.1885) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 37. (9.9.1885)
Date
1885-09-09
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492408-5990839-5991101--0744-5368062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

— 146 — betrachtet. Einen Lichtblick auf sein Wesen wirft, bekundend, wie schon damals der Jude sich als spanischer Patriot fühlte, dass er in seinem Lexikon keinen Orts- und Eigennamen aufnimmt, aber für ספרד eine Ausnahme macht, da es Andalüs bedeutet. Was Allen, die Etwas leisten, entgegen tritt, das hat auch er erfahren. Man hielt seine Bestrebungen für unnütz, wenn nicht gar für ketzerisch; denn nur was alt und gebräuchlich ist, wird von der Menge gebilligt. Nur das Todte und die Todten sind gut und tüchtig. ״Ich mag mich doch Jenen zur Liebe nicht begraben lassen “, rief ein geistvoller, viel angefeindeter Theologe unserer Zeit aus, damit das berechtigte Selbstgefühl bekundend, die Masse, die ihn befeindet, würde ihn verehren, wenn er nicht zu den Jetztlebenden gehörte. So verzieh man R. Jona erst seine Grammatik, seine Leseregeln und selbst die Vergleiche des Hebräischen mit dem Arabischen, als er nachwies, dass »1er Talmud, die Gaonen die Massoreten, dass Saadjah dasselbe gethan und gefordert hatten. Er siegte (auch iin Kampfe gegen die schlechte, saloppe Aussprache des Hebräischen) am Ende und machte seine Anschauung zu der herrschenden: ״Da ״die Oöenbarungsschriften nur vermittelst der Sprach- ״Wissenschaft verstanden werden können, ist die Be- ״mühung um ihre Erkenutniss und das Streben, sie ״nach allen Richtungen zu begreifen, zu vervoll- ״kommnen und zu vertiefen, eine um so dringendere ״Pflicht, ja erhabener das damit erstrebte Ziel ist ״und je mehr in unserer Seele feststeht, von unserer ״Vernunft für wahr erkannt ist, die Grösse und die ״Herrlichkeit dessen, der jene Schrift offenbart hat.“ (cfr. S. 32). — Sein erstes Werk heisst: ״ Mustalhik“, der Ergänzer, da es die beiden Bücher Hajjüg’s über die schwachlautigenund die doppellautigenZeitwörter ergänzen sollte und die Gründlichkeit, die Gewissenhaftigkeit mit der er arbeitete, wie die ehrfurchtsvolle Bescheidenheit seinem Vorgänger gegenüber glänzend bekundet. Ausser dem Anhänge über die reduplicirten Wurzeln, von denen es ungewiss ist, auf welche einfache Wurzel sie zurückzuführen sind, und ausser einigen Exkursen (besonders über die Hithpaelbildung der mit Zischlauten beginnenden Zeitwörter) folgt er ganz der An- Ordnung der Leiden Bücher Hajjüg’s. Einer Schrift gegenüber, ״dem Buche der Vervollständigung“, in welcher Anonyme nach weisen wollten, dass Abulwalid noch viele Lücken und Fehler bei Haijug übersehen haben, schrieb er Tanbih, ״Erweckung“. Die Polemik ist im Geschmacke der Zeit mehr als derb, doch werden auch einige grammat. Fragen dabei erörtert. Für Anfänger bestimmt ist Takrib wa-iashil, ״Das Buch der Näherbringung und Erleichterung“!es erläutert Sätze Hajjug’s). Gegen diese Bücher wandte Samuel Hannagid seine scharfe Kritik, von der ein Fragment erhalten ist. Samuel zog verschiedene Abschriften des Mustalhik zur Stelle, die mit der beglaubigenden Unterschrift des Verfassers versehen waren und er besass ein autographisches Exemplar der Werke Hajjug’s. Abulwalid’s Gegenschrift Kitab-at-Taschwir ״Buch der Beschämung oder Verwirrung“ ist verloren, wohl aber von ihm so oft im Wörterbuche angeführt, dass Derenbourg eine Uebersicht von dem Inhalt gegeben hat. Uns genügt, dass die •1 Theile höchstwahrscheinlich nicht auf einmal nacheinander erschieneu und wohl dem Gange der angreifenden Sendschreiben gefolgt sind. Das Hauptwerk R. Jona’s, in welchem derselber die Ergebnisse seines Forschens niedergelegt hat und das die erste vollständige Dar- Stellung der hebr. Sprache (״ihrer grammatischen Erscheinungen sowohl, als ihres Wortschatzes “) gewesen wäre, wenn er nicht Alles, was Hajjug’s und seine eigenen früheren Schriften enthalten, fortgelassen hätte, ist Kitab al-Tankih (Dikduk). D6r erste Theil desselben heisst K. al-Luma, ״Das Buch der bunten Blumenbeete“ (Rikma) und das zweite ״die meisten der in der Schrift gefundenen Sprach wurzeln“ enthaltend, K. al-Usül, ״Das Buch der Wurzeln“. Das Original des Rikma wird Dank der Initiative Derenbourg’s bald vollständig edirt werden. Deshalb lassen wir die Inhaltsangabe weg. Im Wörterbuche ist die alphabetische Reihenfolge durch alle Buchstaben (z. B. אבד vor אבה) durchgeführt und nur, wo die Wurzel 2 gleiche Buchstaben neben einander hat, stehen sie voran (z. B. ח״ an der Spitze der ־דWurzel). Abulwalid ist frei von der falschen Scham, die Alles zu wissen vorgiebt. Er bekennt, dass er manche Wurzel nicht hat Anden können, ״da ihm das Geheimniss der Sprache verborgen blieb“. Das Wörterbuch ist nur für Solche geschrieben, ״denen der hebr. Wortschatz im Grossen und Ganzen vertraut war.“ Die Glossen der Rouener Handschrift ergänzen es für Anfänger. Es hat Exemplare gegeben, in welchen Abulwalid Zusätze gemacht hat. Dieses und dieanderen grammat. Schriften erlangten immermehr Ansehen, bis Abraham IbnEsra, der Uebersetzer Ihn Tibbon und die beiden (Joseph und David) Kimchi sie zum Gemeingut aller Exegeten machten. Die Nachweise, dass und wie Ibn Ganah gute Bibelhand- Schriften (palästinensische und babylonische) benutzt, wie er die Massora, Ochla woohla, Ben Ascher’s Dikduke Hateamim und andere masoretisehe Werke als Quellen und Anleitung für grammat. Zwecke nutzbar gemacht hat, dass und wie er Targum, Mischna, Talmud, Tosefta, die Schriften der Gaonen — Saadia’s u. Anderer Bibelübersetzungen hat er kritisch benutzt — wio er seine hie und da abweichenden Ansichten mit der Tradition in Einklang brachte oder doch ein Nebeneinander ermöglichte, das Alles zu einem übersichtlichen Bilde aus der gedrängten und reichhaltigen Darstellung heraus zu gruppiren, übersteigt meine Kraft und muss ich die Wissbegierigen auf die Quelle verweisen, aus welcher ich das Obige für sie geschöpft habe, nämlich auf die dem Jahresbericht der Landes¬ Rabbinerschule in Budapest für das Schuljahr 1884 bis 1885 vorangedruckte Schrift: ״Leben und Werke des Abulwalid Merwän lbn Ganäh (R Jona) und die Quellen seiner Schrifterklärung von Prof. Dr. Wilhelm Bacher. Budapest 1885.*) Lewin. Zur Geschichte der Juden in Schlesien. (Schluss.) Dass auf den damaligen Juden nicht bloss arger äusserer Druck, sondern auch die innere Gebundenheit des Geistes lastete, und dass sie in Folge dessen sich selbst auf ihr semitisches Sonderthnm steifen, ist bekannt. Erst Moses Mendelssohn war der ״zweite Moses“ der Juden in Deutschland, der sie aus der egyptischen Knechtschaft der Geistesnaoht in das Licht der modernen Zeit hinüberzuführen begann. Auch in Schlesien stand die jüdische Bevölkerung auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe. Ausländische jüdische Präceptoren, die früher aus Polen herüberkamen, wurden nicht geduldet; die jüdischen Lehrer hatten aber selbst einen zu geringen Bildungsgrad, als dass sie auf die Hebuug der geistigen und sittlichen Kultur vortheilhaft hätten einwirken könren, und der Besuch der christlichen Schulen war den Juden nicht gestattet. In Breslau bestand zwar eine höhere jüdische Schule, die Wilhelmschule, die aber wegen der freieren religiösen Richtung von den orthodoxen Juden nicht besucht wurde. *) Eine Recension dieser Schrift folgt in nächster Nr. (Rd.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.