Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 37. (9.9.1885)
- Date
- 1885-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches —rg׳ --- Litteratur-Blatt. Tut HHenchtvapr aller JadeathVM und Jede« betreffend•■ lltternriachen Kr• tchel■«■*•■ auf dem Heblet« der Philo• •ophte, Henchlehte, Kthaogrephle, Theo• loci«, OrI«aU)lat Exogene, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Kalmicr. 01t.a<j dz £יu t'c|, 9. Septewf>et 1S85. Kfirher der el itKcbliglgen Mtteratar,welche der Ke«l«rtfon xM^eunitl werden, Anden In diesem lllntte eingehende Henpreebuag. Hel Klneendang von swel Uereuslons• Exemplaren erfolgt einmalige karge HraUwInnertlon. Das ״Jtdlsche Lltteratar-Matt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierte (jährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 35 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Mark! berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. DSt* Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsendeu, erhalten 25 ji Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Autsätze: Abulwalld Merwän Jbn Ganäh. — Zur Geschichte der Juden in Schlesien. (Schluss.) Litteraturbericht: Recensionen: Bloch, H. Die 107 orientalischen Volkssprüche und Volkssagen, die als solche im babylonischen Talmud beiläufig erwähnt werden, frei bearbeitet. 1885. — Deutsche Schreib-Lese-Fibel nach der analytisch-synthetischen Lesemethode. Notizen. — Inserate. Nachdruck nur mit Groller Quellenangabe gestattet. Abulwalld Merwän Jbn Ganäh. Wie kann man das Leben eines Mannes schreiben, von dessen Erlebnissen man fast Nichts weiss? Wie kann man auch nur (len Plan zu einer solchen Schrift fassen, nachdem Forscher wie Munk und Derenbourg das Wenige, was über den Grammatiker und seine Zeit sich finden und sagen liess, längst gefunden und in trefflicher Weise gesagt haben? Mit solchen kritisch-kampllustigen Bedenken ging ich an das Studium der jüngsten Lebensbeschreibung des jüdisohen Sprachforschers. Je mehr ich aber las, desto mehr schwanden die Bedenken, ich senkte die Waffen — denn ich sah mich einer Leistung gegenüber, welche an Stelle des nicht berichteten Aussenlebeus, eine Geschichte des Innenlebens hergestellt hat, welche wohl nicht neue Daten für das Körperdasein ihres Helden beibringt, dagegen ein Bild seiner geistigen Entwickelung, seines wissenschaftlichen Lebens in reichen Formen und Farben geschaffen hat. Dass hierbei jede grosse, wie jede noch so kleine Leistung Anderer gewürdigt und verwerthet worden ist, verwerthet mit freudiger Anerkennung und massvoller Kritik, sei nur nebenher erwähnt. Einen Schatten dieses Lebensbildes werden unsere Leser, die nicht Fachmänner sind, gern in diesem Blatte finden. Die Fachmänner werden die Hindeutung auf das Bild selbst uns danken. Rabbi Jona oder Marinus (מרינוח der an Merwän anklingende, schon im Talmud vorkommende Name) war gegen Ende des zehnten Jahrhunderts in Cordova geboren, verliess, wohl in Folge des Bürgerkrieges von 1012 seine Geburtsstadt und liess sich in Saragossa nieder, wo er — wann? weiss man nicht — starb. In Lucena hat er wahrscheinlich studirt and seine Lehrer waren dort der Dichter Isak ben Saul (der auoh Sprachforscher und Exeget war und nicht mit Isak ben Schal verwechselt werden darf) und Isak ibn Gikatilla, der ein Schüler des Menachem ben S&ruk gewesen ist. Auch Omar Jbn Abi Jakwä und Abulwalid Jbn Chasdai haben ihn gefördert. Obschon Jbn Ganäh sich mit Dichten in seiner Jugend abgemüht hatte, muss er von sich bekennen: ״die Poesie war nicht meine Kunst, Versemaohen nicht mein Geschäft“. Dagegen war er ein tüchtiger Arzt (er heisst ר׳ יונה הרופא), der seinen Galen kennt und auch schriftstellerisch in diesem Fache thätig ist; dass er Philosophie studirt hat, bekunden seine gelegentlichen Bemerkungeu, obschon er Metaphysik eine vergebliche und die Religion zerstörende Wissenschaft nennt Natürlich kennt er die talmudische Litteratur, wenn er auch bescheiden sich zu den Unwissenden zählt, ist ein trefflicher arabischer Stylist, ein bedeutender Kenner der Bibel und der Hilfsmittel zu ihrer Erklärung. Ungemein fleissig und gewissenhaft sieht er in dieser seiner Hauptwissenschaft eine göttliche Bestimmung, eine Kunst, zu deren Pflege ihn Gott befähigt und berufen hat. ״Durch diese Erklärung“ — sagt er selbst — (cfr. S. 32) ״bin ich über die Geschicke erhaben, ״denn sie gehört zu der Summe dessen, was ich an ״ungewöhnlichen Gedanken selbstständig erzeugt und ״an denkwürdigen Meinungen hervorgebracht habe, ״was Keiner ausser mir gefunden und kein Anderer ״als ich bemerkt hat. Ich that dies durch die ״Gnade Gottes über mir und seine mir erwiesene ״Güte nebst der grossen Ausdauer und dem Eifer ״im Forschen und Studieren bei Tag und Nacht, so ״dass ich in Oel doppelt so viel ausgegeben habe, ״als ein Anderer in Wein“. Noch deutlicher nennt er sein Wissen mit Moses Jbn Esra und Parchon ״eine göttliche Inspiration“ an einer andern Stelle (cfr. S. 31): ״Es wisse aber auch Jeder, der solcher ״Einsicht fähig ist, dass ich nicht aus Ehrsucht das ״Werk unternommen, noch mit ihm Ruhm zu erlangen ״beabsichtige; vielmehr ist mein Ziel, Gott näher zu ״kommen und mich seiner Belohnung würdiger zu ״machen, indem ich Gottes Gedanken (in der heil. ״Schrift) die mit ihnen noch Unbekannten verstehen ״mache und Gottes Absichten erkennen lasse von ״Jenen, die von ihnen nichts wissen .... denn ich ״selbst habe diese Wissenschaft nur erlangt durch ״stetiges Forschen und Nachdenken, durch fleissiges ״Bemühen bei Tag uud Nacht, durch die Liebe, die ״mich zu ihr erfasst hat, ja es sohien, als ob sie ״mir durch göttliche Offenbarung mitge- ״theilt worden wäre“. Wie religiös er daohte und fühlte, geht schon aus diesen Worten, noch mehr aber aus seinem pietätvollen Verhalten gegen das Bibelwort und gegen die Ansichten des Früheren hervor. Besonders angenehm berührt, dass er sich Hajjüg gegenüber nur als Ergänzer und Fortsetzer