Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-09-03 · N° 36. (3.9.1885) · p. Seite 143

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 36. (3.9.1885)
Date
1885-09-03
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492408-5990839-5991100--0740-5368059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 143 -י baren Israeliten hielt ein Rabbiner die Leichenrede, welohe das ans Juden und Christen bestehende Gefolge tief ergriff. Nur zwei christliche Gymnasiasten, welche die Nengier auf den jüdischen Friedhof getrieben hatte, unterfingen sich, über ein hebr. Citat der Rede za kichern. Ein schlichter christlicher Bürger, der dies bemerkt hatte, beschwerte sich bei dem Religionslehrer der hoffnungsvollen Jünglinge, die es gewagt hätten, in seiner und anderer Christen Gegenwart ״über die Sprache des Heilandes und der Apostel zu lachen“. Was meint der Yerf. von jenem sonlichten Manne, kann eine gewisse Sorte Höhergebildeter von ihm nichts lernen? — Kurz: Es ist allerdings an dem Religionsschulwesen mancher jüdischen Gemeinden noch viel auszusetzen; aber, wie wir dargethan, lässt auch der Religionsunterricht nicht blos bei Christen der Diaspora noch viel zu wünschen übrig. Ebensowenig \^e dies hätte der Yerf. ausser Aoht lassen dürfen, dass die Juden, besonders in Preussen, die Kosten ihres Synagogen- und Religionsschulwesens aus eigenen Mitteln bestreiten, während ihre öffentlichen Steuern den evangelischen, katholischen und altkatholischen Kultus und manche andere christliche Institution mit unterhalten; dass unter solchen Yerhältnissen die Leistungen der meisten Juden für ihre Gemeinde-Institute recht an- «rkennenswerth sind, und dass die Hoffnung wohlberechtigt erscheint, bei längerer und mehr von Gerechtigkeit als von ״Liebe“ geförderter oder bei auch nur ungehinderter Entwickelung werde der noch zurückgebliebene Theil der Judenheit gleichfalls billigen Anforderungen bezüglich des Synagogenxind Religionsschulwesens genügen. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Juden in Schlesien. (Fortsetzung statt Schluss.) Um Breslau zum Besten der Kaufmannschaft von dem sich einnistelnden Judenvolke beständig rein zu halten, wurden an dem Oder-Nikolai- und dem Ohlauisehen Thore, in welche Thore allein Juden ein gelassen werden durften, besondere Thorsteher bestellt, die keinen Juden einlassen sollten, welcher nicht wenigstens 50 ׳i'hlr. Geld bei sich hatte oder Waaren zum Yerkauf wirklich einbrachte, wonächst dann ein Aufenthaltsbillet für 3 Tage ertheilt wurde. Judenauf seher sollten vom Morgen bis in die Nacht auj den Gassen umhergehen, um die Stadt von nicht legitimirten Juden zu säubern! — Die Mess- und Marktzeit war indessen jedem fremden Juden zum Aufenthalt in Breslau freigelassen.-Die Macht -der Verhältnisse oder des Geldes scheint diese Be- Schränkungen bald durchbrochen zu haben. 1778 erwiderte zwar der König den Breslauer Juden: was wegen ihres Handels ist, behalten sie. Aber dass sie ganze Fölkerschaften von Juden zu Breslau anbringen und ein ganztes Jerusalem daraus machen wollen, das kann nicht seynd.“ Indessen zählte man 1788 in Breslau unter 50975 Seelen 2005 Juden, und dementsprechend traf das Breslauer Juden-Edict vom 21. Mai 1790 anderweite Vorschriften. Dasselbe wurde mitfolgenden wohlwollenden Erwägungen eingeleitet: ״Das Glück und die Wohlfahrt eines jeden unserer Unterthanen zu befördern, ist von jeher ein vorzügliches Augenmerk Unserer Regierungs - Geschäfte gewesen; zu diesen Unterthanen gehören auch die zur jüdischen Religion sich bekennenden Einwohner. Ob Wir nun zwar wünschten, diese Nation den übrigen Staats- Bürgern völlig gleich zu machen und sie an allen Rechten der Bürger Theil nehmen zu lassen: so stehen diesem Unsern Vorsätze doch Hindernisse entgegen, welche zum Theil in ihren religiösen Gebräuchen, zum Theil in ihrer ganzen Verfassung liegen und die gänzliche Ausführung, wenigstens vor der Hand, noch unmöglich machen. — Um nun aber dooh mit dieser Nation sowohl eine Verbesserung anzafangen und die Annäherung an die übrigen Bürger soviel wie möglieh zu erleichtern, als einige eingesohliohene Miabrauche bei ihrer Gemein-Verfassung zu heben,“ — u. b. w. Es sollte die Breslauer Judenschaft fortan ausser den Generalprivilegirten auf 160 Stammfamilien beschränkt bleiben, von denen immer nur 1 Sohn sich verheirathen durfte, während die übrigen zum Aussterben, ihre etwaigen Kinder zum Auswandem verurtheilt waren. Ob es gehalten wurde? Dies Ediot musste übrigens erst besonders aussprechen, dass den Juden freistehen solle, als Tagelöhner zu arbeiten, und Niemand ihnen ein Hinderniss deshalb in den Weg legen sollte. Die privilegirten Juden von Glogau durften daselbst nur in der Grützner-, der Paulinergasse und am Dominikanerhofe wohnen. — 1777 wurde dem Sohutzgenossen Löbel Moses in Glogau nur unter der Bedingung, dass er sich nebst Familie und Dienstgesinde bei der Anwesenheit Allerhöchster Personen weder vor dem Hause, noch an den Fenstern blicken lasse, ausnahmsweise gestattet, sich in einem Hause auf der grossen Odergasse im unteren Stockwerke einzumiethen. _ (Schluss folgt.) ־ Collectanea zur Mischnah. II. Von Dr. G. Deutsch in Brünn. Die mehr als zwangslose Art der Fortsetzung meiner Untersuchungen, ihr sporadisches Material wird ein jeder, der mit der Last meiner Berufsgeschäfte vertraut ist, gerne entschuldigen und begreifen, dass ioh nur in möglichst gedrängter Kürze, gegnerisehe Meinungen citieren kann. Dies diene in erster Linie Herrn Dr. Duschak zur Antwort auf seine freundliche Anregung über פרייפרין, worin er meint, dass ich den Aruch ungenau citiert habe. Mir war es darum zu thun den Nachweis zu führen, dass man hier das Wort nach einem Nebenbegriffe zu erklären versucht hat, dass das Wort Peripherie als ״Krümmung“ Nebensache ist gegenüber dem eigentlichen Begriffe, mag er jetzt ״Trompeten“ oder ״Baldachin- Stangen“ vorstellen; da ist es doch nicht wahrschein־ lieh, dass die Juden Worte hinübergenommen hätten, die bei den Griechen nicht existierten, sondern viel natürlicher ist es anzunehmen, dass man gewisse Culturbegriffe, welche die hebräische Sprache noch nicht kannte, aus dem Griechischen entlehnt hat. Leider habe ich den Erklärungsversuch Herrn Dr. Duschak’s nicht verstanden, da das Wort Ttpcanaxo; wohl duroh einen Druckfehler entstellt ist, denn weder ist es in den mir zugebote stehenden Lixiois zu finden, noch klingt es griechisch. Einem anderen Mitarbeiter dieses Blattes bin ioh für die Zustimmung Dank schuldig, mit der er meine Ansicht über die soholastisohe Natur de9 Unterriohts im Talmud, begleitet hat. Er will das Urtheil nur weiter ausgedehnt wissen; ich meine, dass es äugenblicklich mehr unsere Aufgabe ist, die Grundlagen der talmudisohen Lehre frei zu erkennen, dass wir den Plan des ursprünglichen Meisters von den seine Absicht zum Theil verkennenden Fortsetzern des Baues frei machen. Zunächst müssen wir uns die Frage vorlegen: Haben die ersten Amoräer noch eine continuirliche Tradition über die Mischnah gehabt? Die Antwort wird verneinend ausfallen, denn erstens kannten sie die fremdsprachliche Elemente nicht mehr und zweitens sehen wir, dass sie selbst über das Sachliche nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.