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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-09-03 · N° 36. (3.9.1885) · p. Seite 142

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 36. (3.9.1885)
Date
1885-09-03
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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vergleichsweise geringerer Anstrengung seiner Schüler. Hier können wir nicht umhin, der tiefen Schmach za gedenken, die manche jüdische Eltern sich und ihren Kindern anthun, indem sie — zuweilen sogar in Qegenwart der letzteren — von einer Ueberbürdung durch den Religionsunterricht sprechen. Einst kam zu uns ein jüdischer Vater mit der Bitte, seinem Sohne doch weniger im R*-ligion»unterrieht aufzugeben, da sich der Knabe zu demselben ״eine volle halbe Stunde“ vorbereiten müsse. Im Nebenzimmer sass ein christlicher Schüler, dem wir griechischen Privatunterricht ertheilten Beide Knaben besuchten dieselbe Oymnssialklasse und waren fast gleich befähigt. Nach Anhörung der erwähnten Bitte liessen wir uns von dem christlichen Schiller in Gegenwart des jüdischen Vaters mittheilen , was er zu Haus für die nächste Religionsstunde, wie viel er etwa sonst lernen müsse und wie lxnge er damit zu thun habe. Zufällig hatten die Knaben auch ein Pensum aus der griechischen Mythologie auf "Wir zeigten auch das dem Bittsteller . . Er mochte wohl einsehen, welches geistige und sittliche Armuthszeugniss er sich und seinem Sohne ausgestellt, und aus unserm Blick mochte er unsere Antwort auf sein Begehr wohl prognosticiren; er wartete dieselbe nicht ab, stammelte verlegen einige nichtsssgende Worte, entfernte sich und kam uns nie wieder mit einem ähnlichen Gesuch. Dass christliche Religionslehrer, wenn sie in gleicher Lage, wie die meisten jüdischen Religionslehrer namentlich in Preussen, dem Schüler gegenüber, sich betänden, gleiche Erfahrungen, ja vielleicht noch schlimmere, machen würden, ist allerdings einzuräumen. Das ändert aber nichts an der Selbsterniedrigung jener jüdischen Eltern und Kinder. — Dass die jüdische Religionsschule in manchen Kreisen deshalb Gegner habe, weil Kinder aller Stände jahrelang auf ihren Bänken beisammen sitzen und ihre Gewohnheiten austauschen, vermögen wir aus unserer Erfahrung nicht zu bestätigen; wenn wir es vermöchten, würden wir den Verf. fragen, ob denn alle christliche Eltern von der gesammten Mitschüler- Schaft ihrer Kinder so sehr erbaut sind, dass nicht manche einen Schulwechsel eintreten lassen oder mit Rücksicht auf die Mitschülerschaft von vornherein sehr wählerisch bezüglich der von ihren Kindern zu besuchenden Lehranstalten sind. Die Behauptung, dass das Zuviel, welches in der jüdischen Religionsschule verlangt werde, auch einer der Gründe sei, die es erschweren, den jüdischen Religionsunterricht in den öffentlichen Lehranstalten während der Zeit zu geben, in der die nichtjüdischen Kinder ihren Religionsunterricht empfangen, wird schon durch die Wirksamkeit des bereits in öffentliehen Schulen eingeführten jüdischen Religionsunterrichts entschieden widerlegt. Dass es kleinen jüdischen Gemeinden schwer fällt, die Kosten für einen geeigneten Religionslehrer aufzubringen, und dass dort öfter ungeeignete Lehramtsbewerber Anstellung finden, ist leider wahr; ja, wir stehen nicht an, hinzuzufügen, dass selbst in manchen mittlern und grösseren jüdischen Gemeinden Personen den Religionsunterricht ertheilen, die nicht das mindeste pädagogische Geschick besitzen, so gelehrt sie auch sein mögen. Aber hat sich denn die religiöse Jugendbildung unter allen Christen — nicht blos der Diaspora — so günstig gestaltet? Wie ist aber erst ״ein grosser Theil“ der christlich-religiösen Jugendbildung zu beurtheilen, wenn er von der Seite seiner Wirksamkeit, seines Einflusses auf Gesinnung und Lebensführung betrachtet wird, von der allerwichtigsten Seite, gegen welche das positive Wissen unbestreitbar von untergeordnetster Bedeutung ist! Empfiehlt das Christenthum Christi den Mord, den Rassen- und Klassenhass? Gewiss nicht; es verabscheut all das und Aehnliches. Und nun seht euch die Duellwuth, die Menschenmäkelei and verwandte Tagenden eines beträohtliehen Theils eurer sog. studirenden Jagend an, untersucht einmal die edeln Beweggründe ihres Thuns und Lassens! Entweder ״entbehrte dieser grosse Theil der christlichen Jugend des Religionsunterrichts ganzlieh, oder er erhielt ihn nur in höchst mangelhafter, den geistigen Lehrgehalt des Christenthums kaum berührender Weise“, oder die Zusammenstellung der Juden mit Kain, dessen That und Strafe, die Stigmaiisirung der Juden als Brudermörder und ähnliche ״christliche“ Lehren haben 80 herrliche Blüthen und Früchte erzeugt, oder aber der betreffende christliche Religionsunterricht konnte nicht einmal das entschiedene Gegentheil dessen hindern, was er in erster Reihe erzielen sollte und wollte. Wählet! Ein Fünftes giebi’s nicht. Den bleibenden Nutzen des christlichen Religions- Unterrichts auch bei einem grossen Theil der Erwachsenen, der höhere oder niedere Schulen besucht hat, illustrirt ausser andern statistisch erwiesenen Verbrechen der Antisemitismus, diese ״grösste Schmach Deutschlands und des Jahrhunderts“. Kann hier von einer günstigen Gestaltung der religiösen Volksbildung in Wahrheit die Rede sein? Jawohl, in Wahrheit! Oder war der bekanntlich kirchenliederreiohe Hödel nebst ähnlichen Scheusalen, sind alle bibelfesten christlichen Messerhelden und Defrandanten wirklich religiös gebildet? Ist das dem Judenthum entnommene Gebot ungeheuchelter Gottes- und Menschenliebe ohne Glaubens-, Stammes- und Standesunterschied (Mark. 12, 29—31; Matth 22, 37 bis 40; Apostelgesch. 10,35; Römer 2, 10 und 11; Joh. 4,22; cfr. 3 M. 19, 18 und 34; Ps. 145, 9 u. a.) denn nicht mehr ״das vornehmste Gebot“ auch I des Christenthums? Dem entgegen besteht die ganze Christlichkeit, die ganze Religiosität unserer Antisemiten eben lediglich in — Rassen- und Klassenhass! Kann das der Verf. bezüglich dieser seiner neuen Glaubensgenossen leugnen? Und kann er das, fragen wir wiederholt, in Wahrheit eine günstige Gestaltung christlichreligiöser Volksbildung nennen?- Eine Bessergestaltung des jüdischen Religions- Unterrichts erblickt der Verf. in der Entfernung der hebr. Sprache aus dem Gottesdienste. Aber diese Sprache ist ihm — wie uns — ein wesentliches Eiement des historisch gewordenen Gottesdienstes, ja sie ist ihm urplötzlich eine dringende NothWendigkeit des' jüdischen Kultus, weil — nun, weil er ein Dilemma zeigen will, in dem sich die religionsunterrichtlichen und gottesdienstlichen Verhältnisse der Juden befinden sollen. Der Verf. wolle uns hierneben gestatten, die hebr. Sprache auch als eine Nothwendigkeit christlicher Erkenntniss und christlicher Hoch- Schätzung hinzustellen. Zwar glaubt er, ״die menschlioii greifbare Persönlichkeit Christi lasse ihn schauen, was er soll;“ aber wir haben bereits gezeigt und werden ferner noch mehr zeigen, wie wenig recht er schaut; seine Schau nun wäre ungleich lichter, wenn er das, was ein 80 bedeutsames Charakteristikum der mehrgedachten Persönlichkeit bildet: die Mutterspräche Christi verstände. Wie würde der Verf. dann alsbald finden, dass Christus in all seinem Denken und Fühlen auf dem Boden des ״nationalen“ und gesetzlichen Judenthums stand. In welcher Sprache Christus betete und lehrte, ist doch dem Verf. bekannt? Bei der Beerdigung eines hoohaoht-

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