Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 34. (20.8.1885)
- Date
- 1885-08-20
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 135 — Vorbild — gegen Alle, und seine erbarmende Liebe umfasst alle seine Geschöpfe; an die ergreifende Stelle des Neujahrs- und Versöbnungsfestgebets, in der die Verbrüderung aller Mensehen zu einem sittlich-religiösen Bunde erfleht wird; an das hocherhabene Schlussgebet Olenu, in dem ein Gottesreich auf Erden — keine ״Bekehrung“ zu irgendwelchen Ceremonien — erhofft wird. Wenn der Verf. hervorgehoben, dass der Inhalt mancher Gebete, der zu nicht kleinem Theile weder zu den zeitlichen noch zu den örtlichen Verhältnissen der Betenden passe, Manchem nicht zur Erbauung diene: so dürfte er sich nun vielleicht doch zur Einsichtnahme in die jüdisohe Liturgie angeregt fühlen und sich auch überzeugen, dass ״Mancher“ in dieser auch ohne jenen ״nicht kleinen Theil“ zur Genüge Erbauendes und Erhebendes finden kann. Ja, ״Manoher“ kann sich auf das Wort des Talmuds (Berachoth 5 b u. ö): Wenig oder viel, wenn man das Herz nur zum Himmel emporrichtet — sowie auf die Vorschrift des Schulchan Aruoh Orach Chajim 1,4: Besser wenig beten mit Andacht, als viel hersagen ohne Andacht (vergl. T. sahab hierzu!) recht gut stützen. Diese Vorschrift ist selbst in deutsch abgefassten Religionsbüchern strengfrommer Verfasser wiedergegeben, wie z. B. in dem ״Lehrb. der israel Religion* von dem sei. Rabb. Dr. B. H. Auerbach. Hier heisst es übrigens S. 57 wörtlich: ״Die Andacht wird auch befördert, wenn wir aus dem Herzen beten, d. h. unsere Gedanken mit eigenen Worten vortragen. So war es auch zur Zeit, als das israelitische Volk seiner Sprache mächtig war.* Gegen manche Gebete, wie* die Piutim überhaupt resp. einzelne derselben, haben sich längst bedeutende, strengfromme Rabbinen ausgesprochen — selbst in den Synagogen der Chassidim werden keine Piutim gebetet. Der Verf. der ״Gedanken“ konnte also aus dem reichen Schatze unserer herrlichen, unübertreffliehen Gebete, unserer Psalmen und Gesänge, die der ganzen Menschheit zum Vorbild dienen, das auswählen, ohne Skrupel auswählen, was seinem zarten Gewissen nicht widerstrebt. Und nun begeben wir uns einmal auf das Gebiet des christlichen Kultus! Wir wollen es vorläufig unterlassen, gewisse Kirchenlieder, die ״manchen“ Christen auch nicht erbauen, zu reproduciren, die christliche Hymnologie überhaupt mit der jüdischen zu vergleichen; aber die jüdische Quelle eines beträchtlichen Theils der christlichen Liturgie möchten wir wenigstens obenhin berühren. In Kirche, Schule und Haus der Christen wird das Dreimalheilig des ״nationalen“ Jesaja (6,3) mit dem hebräischen ״Zebaoth“ gesungen; fast keine christlich-religiöse Feierlichkeit wird ohne den Priestersegen des ״nationalen* Aron und seiner Söhne (4. M. 6, 24—26) geschlossen; selbst der Anfang des, naoh judengehässigen Konferenzen oft angestimmtenLiedes: ״Eine feste Burg“ ist eine fast wörtliche Uebersetzung des Proverb 18,10 von dem ״nationalen“ Salomo; ja sogar das Vaterunser, das Mustergebet Christi (Math. 6, 9 ff.) ist, wie längst auch christliche Forscher — zuletzt Wünsche — nachgewiesen, aus jüdisohen, zum Theil stark ״nationalen“ Gebetformeln zusammengesetzt. Und nun vollends die Psalmen! Sind sie nicht oft mit allen Chikanen ״national“? Passt heut ihr Inhalt überall zu den zeitlichen und örtlichen Verhältnissen der Betenden? Gewiss nicht. Eben darum findet sie wohl ״Manoher“ nicht erbaulich. Was bedeutet aber ״Mancher“ gegenüber Männern wie Heinrich Ewald, Herder, Alexander von Humboldt, welohe ״die innere Fülle und Anmuth, die Erhabenheit und Würde, die Höhe und Grossartigkeit ihres Inhalts und andere Vorzüge dieser edelsten Poesie“ nicht genug rühmen können; gegenüber den Millionen Juden und Christen, denen die Psalmen Erhebung und Trost geboten haben und fort und fort bieten werden; gegenüber jenen bedeutenden Tonkünstlern, welohe Psalmen in Musik gesetzt, die, aus tiefstem Gemüth gesohaffen, jedes nicht ganz verhärtete Gemüth mit Allgewalt ergreift. Was zu solchen Schöpfungen begeistern, was Millionen Trost und Erhebung bieten kann, muss doch wohl etwas mehr sein, als ״national“ im Sinne des Verf. Ja, Zion-Jerusalem, die Vergangenheit und die Zukunft desselben ist all diesen Millionen Juden und Christen heilig, heilig die Verheissung des Propheten Jesaja 2, 2—4. Hat doch dem deutschen Patriotismus, ja dem ״strammgläubigen Christenthum “ des Fürsten Bismarck, der, wie in dem bereits erwähnten Schrittohen über dessen Verhältniss zum Glauben mitgetheilt wird, selbst im Kriege den Psalter als Erbauungsbuch mit sich führte, der ״jüdischnationale“ Gehalt desselben keinerlei Abbruch gethan! — Wer ist strenggläubiger, wer zionsfreundlioher, als es der verewigte Moses Montefiore war? Hat ihn das etwa gehindert, hilfreioh und gut gegen Andersgläubige zu sein, den tiefsten Patriotismus für England zu hegen? Fragt Albion’s erhabene Königin, fragt die edelsten Patrioten seines Vaterlandes, fragt die Tausonde gebeugter Niohtjuden, die er aufgerichtet, deren Thränen er __ getrocknet, fragt die Millionen Menschen aller Nationen und Glaubensbekenntnisse, die sein Hinscheiden betrauert, sein Leben als einen Segen erkannt und gepriesen haben! (Fortsetzung folgt.) Litteraturbericht Recension. Volkmar, Gustav. Die neu entdeckte urchristliohe Sohrift ״Lehre der zwölf Apostel an die Völker“. Deutsch herausgegeben und in Kürze erklärt. Leipzig und Zürich, Th. Schröter. 1885. Im Jahre 1875 hat Bryennios, ein gelehrter Metropolit der griechischen Kirche, jetzt Erzbischof von Nikomedien, die vorliegende Schrift in ihrer griechisehen Ursprache nach einer anderthalbtausendjä’arigen Verschollenheit derselben in der Bibliothek des Patriarchen zu Constantinopel entdeokt und im Jahre 1883 unter dem Titel: A:5a/־ij xwv owSexa ,AitoaxöXwv mit gelehrten Erklärungen der Oeffentlichkeit übereben. Seitdem ist diese merkwürdige Schrift, an eren Echtheit nicht zu zweifelu ist (s. A. Harnaok, Texte und Untersuchungen, Bd. II, Heft 1. Prolegemena S. 13 ff u. a. 0.) und deren hohes Alter schon durch die Citate aus derselben bei Clemens von Alexandrien um 190—200 ehr. Z. bezeugt ist, in den Fachzeitschriften aller Zungen vielfach' mit grosser Freude und Anerkennung begrüsst und behandelt worden. Auch wurde der Text mit deutscher Ueber- Setzung, kritischen Anmerkungen und gelehrten Prolegg. von A. Harnack 1884 nochmals ecürt. Davon hat nun Volkmar eine neue Uebersetzung ohne Toxt in einer Volksausgabe herausgegeben mit einem kurzen Vorwort und einem etwas längeren Schlusswort über den geschichtlichen Zusammenhang. So klein auch diese Sohrift ihrem Umfange nach ist, so bewährt sich doch dabei das alte Wort: ex ungue leonera. Das Genie VolkmaPs offenbart sich nämlich auoh darin, in der Klarheit seiner neuen Eintheilung, in der Trefflichkeit der kurzen, durch kleinen Druok vom Texte abgehobenen erklärenden Bemerkungen, und besonders in der Bestimmung der