Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 34. (20.8.1885)
- Date
- 1885-08-20
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 134 — reichenden Erfahrungen kommt solches Widerstreben nur sehr selten vor, verh<nissmässig weit seltener, als die Abneigung christlicher Eltern gegen die Taufe ihrer Kinder. Hat der V6Tf. noch keine einzige der vielen Klagen über die Unterlassung der Kindertaufe gelesen? Wir wollen von dem, selbst seitens bedeutender christlicher Autoritäten anerkannten sanitären Moment, ja von der oft eintretenden Nothwendigkeit einer jenem Acte ganz ähnlichen ärztlichen Operation bei Nichtjuden hier absehen; wir wollen indess hervorheben, wie sehr es uns überrascht hat, dass der Verf. der ״Gedanken“ von peinlichen Schwierigkeiten, welche die Unterlassung der Circumcision selbst nach dem Tode noch bereiten könne, sprioht, ohne dieselben zu nennen. Hat er vielleicht von den bekannten häufigen Folgen der Unterlassung der Kindertaufe einen Sohluss gezogen?*) — Noch mehr hat uns die Behauptung überrascht, die Circumcision erscheine Vielen als ein Gefühl verletzender Act. Wie fein vorsichtig, wie schüchtern diese Behauptung! Wir glauben die Gründe dafür zu wissen: einmal die Haltlosigkeit der Behauptung, dann aber und hauptsächlich die befürchtete Möglichkeit eines Hinweises auf ״die menschlich greifbare Persönlichkeit, die denChristen | schauen lässt, was er soll,“ an welcher Personlichkeit aber nach dem Zeugniss des Evangeliums Lucä 2, 21 — 24 (vergl. die alt- und neutestamentlichen Parallelstellen bei Luther und van Essl) jener Act in aller Form des jüdischen Gesetzes vollzogen und von weleher Persönlichkeit jener Act nirgends als gefühlverletzend bezeichnet und aufgehoben ward. Nun wird vom Verf. Etliches aufgezählt, das ״Manchem nicht zur Erbauung dient.“ Vor Allem der nationale Charakter des Gottesdienstes! Sollte man da nicht glauben, der jüdische Cultus habe ein total politisches Gepräge? Diese irrige Ansicht kann wirklich nur da Platz greifen, wo man die hebr. Gebete nicht versteht, und wo man die Begriffe national und religionsvolksthümlieh in einander wirrt. Allerdings ruht der jüd. Cultus auf historischem Grunde, bricht er nicht mit der geschichtlichen Vergangenheit, löst er sich nicht 108 von der Idee der Berufung Israels zum Träger, zum Volk der Religion. Diese Berufung ist etwa in dem Sinne der providentiellen Bestimmung des alten Hellenenvolkes zum Träger, zum Volk des Schön en**) zu fassen. Aber jene geschichtliche Grundläge lässt das schlichte Gemüth sofort ihren universeilen Gehalt fühlen, wie dieser in so vielen liturgischeu Momenten zum offenbarsten, lichtesten Ausdruck kommt. Unvergesslich bleibt uns ein Pessach-, sogen. Sederabend, den wir vor Jahren bei einem Bekannten feierten. Unter den zahlreichen Gästen desselben befand sich auch ein uns befreundeter christlicher Litterat, ein hochbegabter junger Mann, der den Hausherrn ersucht hatte, ihn der Festfeier beiwohnen zu lassen, er wollte gern die bezüglichen Ceremonien aus eigener Anschauung kennen lernen. Es wurde ihm eine deutsch *) Wenn Protestanten die katholische Lehre bemängeln, dass ungetauft verstorbene Kinder an einen eigenen Ort zwischen Himmel and Hölle, den limbus infantum, gelangen, wo sie zwar nicht eigentlich gepeinigt werden, aber auch nicht selig seien — so verweisen wir hier nur auf den unangefochtenen Bericht der ״Prot Kirchenz.“ (1899 No. 8) bezüglich der Kirchenstraten gegen ein vor der Taufe verstorbenes Kind lutherischer Eltern. Kr. **) יפיותו של יפת Meg. 9 b mit Bezug auf Gen. 9,97. Diese Bibelstelle nehmen wir mit mehreren Forschem (cfr. Fürst- Ryssel 8. v. יפת) nicht als Deutung, sondern als blosse Assonanz und leiton יפת (nach der Form דלת) von ,יפד ab. Kr. 1 * V v VT übersetzte Haggada mit Erläuterungen der Ceremonien I überreicht, nnd er, der sieb sonst gerade nicht be-1 geistert über religiöse Bräuche ausspraoh — sah und I hörte mit einem Ernst, mit einer Andacht zu, die uns I in Erstaunen setzte. Nach Beendigung der Feier I plauderte die Gesellschaft noch ein Stündchen in ver-1 schiedenen Gruppen. Unser Gegenüber war der junge I Litterat. Sein Antlitz war wie von einer Verklärung I bestrahlt, er schien in höhere Sphären entrüokt, doch I war er wortkarg, wie sonst nie. Als wir ihn aber 1 im Laufe unserer Unterhaltung fragten, ob ihn wohl I die Eigenart der soeben mit angeschaaten Festfeier I überrascht habe, da wurde er wieder beredt. Aller- ■ dinge, erwiderte er, überrascht hat mich die Feier, I aber auch — es ist mein heiliger Emst — ergriffen, I erhoben. Welch ein Fest! Kein Volk der Erde I feiert ein solches religiöses Fest! Vor mehr als drei- I tausend Jahren wird ein Volk aus Tyrannenhand er- 1 löst, denn nach seiner heiligen Urkunde will sein I Gott keine Sklaven, keine Tyrannen, ist er ein Gott I der Freiheit, die er auch für den in seinem Bilde ge- I schaffenen Menschen, vor Allem für seinen zum Träger I sittlich-religiöser Freiheit berufenen ״erstgeborenen I Sohn Israel“ verlangte. Und nun nach dreitausend I Jahren noch und, wie es scheint, in alle Zukunft verherr- I liehen die Nachkommen jenes erlösten Israel diesen I Gott der Freiheit alljährlich. Aber warum nur all- I jährlich an einem Feste? Warum nioht jeden Tag? I Allerdings deutet Ihr Ben Soma sehr schön, jene I Erlösung sei Tag und Nacht, auoh in der Messiaszeit, I zu erwähnen. Aber das dürfte nioht dem Belieben | anheimge8telll, das müsste in das tägliohe Gebet I aufgenommen, das müsste zn einem Pflichtkulfc ge- I prägt werden. Wie ur- und vorbildlich für I die ganze Menschheit: ein Gott der Freiheit,! 1 der keine Tyrannen und keine Sklaven will,' I der die Tyrannen demülhigt und die Sklaven I befreit, um sie ihrer Menschen würde zurück- I zugeben! Wir zeigten dem Freunde darauf in einem 1 hebr. Gebetbuch mit deatscherUebersetznng, dass seinem I Begehr längst voll and ganz entsprochen sei, unter- I hielten uns mit ihm über das Gebot 3 M. 25,10: Rufet Freiheit aas im Lande allen seinen Bewohnern! — ein Gebot, das er ״gleichfalls einzigartig, schon in seinem Wortlaut, geschweige in seiner Ausführung allen Freunden der Knechtschaft Entsetzen einzaflössen geeignet“ fand; schliesslich bemerkten wir ihm, wie sehr uns seine Betrachtangen an das Wort J. J. Wagner’s in dessen ״Ideen zu einer allgemeinen Mythologie der alten Welt* gemahnen: Ist irgendwo im Alterthum Geschichte, 80 ist os hier (bei den Israeliten); in ihren Geschleohtsregistem entwickelt sich die Geschichte rein menschlich fort, und selbst ihr Gott erscheint in historischer Beziehung auf die Menschheit; er ist Weltschöpfer und die Sohioksale der Völker sind seine Führungen (p. 71 und 72). Ja, bemerkte unser Freund, die Gesohicbte ist der Ansdruck der menschlichen Freiheit; der Geist aber, der in ihr webt, ist der Gott der Freiheit. Diesem Gott habe ich heut hier huldigen sehen and hören; die \ Formen dieser Huldigung sind sicherlich schon sehr alt; der Geist jedoch, der ans ihnen hervorlenohtet, ist ewig neu. — In solcher Weise fassen selbst Nichtjuden, die mindestens so hochgebildet sind, wie der Verf der ״Gedanken“, den sogen, nationalen Charakter der jüdischen Gebete und der jüdischen Geschichte auf. Doch der allgemeinmenscbliohe Charakter derselben kommt ja, wie gesagt, oft genug za entschiedenstem, schönstem Ausdruck. Wir erinnern n ur au das wiederholt in den tägliohen Gebeten vorkommende bedeut- 8&meP8almwort(145,9): Gütig ist der Ewige — euer