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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-07-30 · N° 31. (30.7.1885) · p. Seite 122

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 31. (30.7.1885)
Date
1885-07-30
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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— 122 — mit welchem die Unterschiede zwischen reich und arm schwinden würden. Dass das Evangelium, welches die Armen, die von der Welt Ausgestoasenen, die Opfer des socialen Hoehmuths aut die Zeit des Gottesreiches vertröstet, cemmunistische Anklänge habe, ist bekannt. Und diese communistischen Ideen mussten in dem }עם הארי, in dem Landvolke, welches unter den Erpressungen der Römer und der von ihnen abhängigen Höfe am meisten zu leiden hatte, am kräftigsten Wurzel fassen. Den Landleuten hatte der Uebermuth der Römer die Saaten zertreten, die geretteten Ernten geraubt; den Landleuten musste zumeist die Idee einleuchtend sein, dass es nicht einzelnen Grossen gestattet sein dürfe, zu verprassen, was der Schweiss der Armen erworben; den Landleuten war der Gedanke ganz natürlich, dass, da die Erde Gottes gehöre, Jedermann ein gleiches Anrecht an derselben habe. Die }עמי הארי stellten dem gepredigten Communismus das stärkste Contingent; ihre Devise war: ״Das Meine ist dein und das Deine ist mein“. Birgt der Communismus selbst in den ruhigsten Zeiten und unter einem festen Regimente eine Gefahr, die kein Vernünftiger unterschätzen wird, dann liegt in ihm eine um so grössere Gefahr in einer Zeit, in welcher ein Land oder ein Volk einen Kampf um seine Existenz kämpfen muss und in dem auf jedes Glied, auf jeden Beistand des Volkes gezählt wird. Einen solchen Kampf kämpfte das jüdische Volk gegen die Römer und er war mit der Vernichtung des jüdischen Staatswesens und mit der Zerstörung des Tempels nicht zu Ende. Denn, nachdem mehrere Aufstände, die das Joch der Römer abzuschütteln zum Zwecke hatten, mit blutiger Strenge niedergeworfen waren, erhob sich Bar Kochba und, von dem hochverehrten R. Akiba unterstützt, wagte er noch einmal den Versuch, das Joch der Römer zu zerbrechen und das jüdische Staatswesen wieder aufzurichten. Wie ein Sturm der Begeisterung ging es durch das Volk, das sich um Bar Kochba schaarte und den Kampf gegen die Römer aufnahm. Doch nicht Alle thaten ihre Pflicht. Die עמי הארץ hielten sich von dem Kampfe fern. Von communistischen Jdeen erfüllt, sahen sie in dem Bestreben, das jüdische Reich aufzurichten und den Tempel aufzubauen, das ihnen verhasste Streben, die Ordnung eines geregelten Staatswesens mit seinen gewohnten Standesuntersohieden wieder herzustellen, in welchem für ihre Ideen kein Raum sein konnte. In den Stunden des Kampfes, wo keiner des Volkes fehlen sollte, standen sie kalt und gleichgültig ausserhalb der Bewegung, die den rossten Theil des Volkes ergriffen hatten und luden amit den Hass, die Verachtung aller derer auf sich, die in der Wiederaufrichtung des jüdischen Staatswesens das einzige Heil erblickten. Ein Hass und eine Verachtung, die uns recht begreiflich wird, wenn wir die Scenen uns vergegenwärtigen, deren Schaulatz Paris im Jahre 1871 war, wenn wir an die Eritterung und den Ingrimm uns erinnern, mit welchem die Vertreter der Ordnung und die Anhänger der Commune sich im Jahre 1871 bekämpften. Die begeistertsten Vertreter des Kampfes mit den Römern waren nur die Talmide Chachamim, an deren Spitze R. Akiba zur Zeit Bar Kochba’s stand, und so kam es, dass der Gegensatz zwischen den Talmide Chachamim und Ame Ha’arez politischer und socialistischer Natur war, vielleicht auch eine religiöse Färbung hatte, da diejenigen, welche den communistischen Ideen huldigten, sich zu den Anhängern des Christenthums hinneigten. Von diesen Voraussetzungen ausgehend, sind die harten und leidenschaftlichen Aussprüche in Pessachim 49 nichts anderes, als der Ausdruok der erbitterten Stimmung, wie sie zu allen Zeiten sich unserer gegen diejenigen bemächtigt, in denen wir Fahnenflüchtige und die Feinde der Staatsordnung erblicken. Der Hass, mit dem ת״ח u. ל״ה sich gegenseitig anfeindeten, trat bei anderen Völkern noch glühender hervor und der Kampf zwischen Parteien, wie sie in den ת״ח und ע״ה uns dargestellt sind, kann nur mit der Vernichtung der einen Partei werden. Und der Hass der ח״ח gegen die ע״ה dürfte vielleicht noch durch ein anderes Moment verschärft worden sein. Die Anhänger communistisoher Ideen blieben niemals bei der Zerstörung der bestehenden Ordnung stehen; sie haben, wie die Geschichte derselben in der Gegenwart bezeugt, immer auch die heiligste Institution, die der Ehe, verworfen. Wenn dies auch bei den זדה in jener Zeit der Fall war, als der Gegensatz derselben zu den Anschauungen der H 'H sich zu verschärfen anfing, da darf es uns nicht befremden, dass zu dem Hasse die Verachtung sich hinzugesellte und man lieber seine Tochter einen Bettler, als einem ע״ה zum Weibe gab. — Im Laufe der Jahrhunderte, mit der Zerstreuung der Juden über die Länder der Erde, ging der Inhalt des Wortes ע״ה allmählich verloren, das Wort lebt aber im Gedächtnisse des Volkes weiter fort als Ausdruck der Verachtung für alle diejenigen, die in Streben, Sitte und Gewohnheit sich im Gegensätze zu allem Edleren, Höheren und Besseren befinden. Ein rabbinisches Charakterbild. Von Max Weinberg. (Schluss.) Ebenso verhält es sich mit zwei anderen 1596 veröffentlichten, s. Z. in Posen gehaltenen Predigten דרוש על המצות und דרוש עי התורה ועבודה. die er nach Dr. Grün’s Worten gleichfalls deshalb zur Veröfientlichung auswählte, weil es Zeit predigten waren, in denen er gegen die verkehrte Richtung des Jugend- Unterrichts, wie des Talmudstudiums und gegen andere Gebrechen losdonnerte. Hier sollten seine mahnenden, markigen und belehrenden Worte nicht auf den engen Kreis seiner Zuhörer beschränkt bleiben, sondern weit hinausdringen in die jüdischen Gemeinden, um, wie er sich ausdrüokte, ״die Krone der Thora in ihrem alten Glanze und in ihrer alten Herrlichkeit wieder aufzurichten.“ Der polemische Charakter, der diesen Reden innewohnt, verleugnet sich übrigens auch in seinen grösseren Werken nicht. Es sind sämmtlich Tendenz- Schriften grossen Maassstabs und im besten Wortverstände. Sie erstreben alle eine Vertiefung der Lehre, eine Aussöhnung zwischen Glauben und Wissenschaft und sehen die Lehre als Mittel und nicht als Selbstzweok an. ״Bei seiner grossen talmudischen Gelehrsamkeit, sagt Dr. Grün, scheint es auffallend, dass er vorzugsweise das Gebiet der Agada sich für seine schriftstellerische Thätigkeit ausersehen hatte, allein gerade das bietet einen Gradmesser für seine Bedeutung. R. Löwe war ein gross beanlagter Geist, sein Denken und Forschen richtete sich nicht auf das Einzelne, das Erfassen des Ganzen war sein Strebeziel. Nicht einzelne Gebote und Lehren des Judenthums wollte er ergründen, das Judenthum in seiner Totalität mit seinen grossen und erhabenen Wahrheilen über den Urgrund alles Seins, den allmächtigen und allgütigen Schöpfer des Alls, mit seinen menschenbeglückenden Lehren edelster Humanität, mit seinen Vorschriften reinster Moral und Sittlichkeit, mit seinen die Handlungen des Menschen heiligenden Geboten, das nach seiner ganzen Tiefe und Ausdehnung zu erforschen, war das Ziel seines Lebens. Dieses hohe

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