Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 30. (23.6.1885)
- Date
- 1885-06-23
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Verf. weitere Worte zu gebrauchen, manchem Juden die Feder in die Hand gedrückt, der sioh gern mit einer bescheidenem praktischen Lebensstellung begnügt haben würde. Von wem aber wird manchem Juden die Feder in die Hand gedrückt? Eine Antwort hat, wie wohl den Lesern politischer Blätter noch erinner• lieh sein dürfte, im Parlament ein bedeutender jüdischer Redakteur gegeben, der summa oum laude sein Oberlehrerexamen bestanden hatte, aber als Jude die einfachste Gymnasiallehrerstelle nicht erlangen konnte. Schon mit einer solchen wäre er sehr zufrieden gewesen; aber er sah sich genöthigt — als Redakteur etwa das fünffache Einkommen eines praktischen Schulmeisters anzunehmen. Wer wollte ihm das ver- Übeln? Sollte er lieber seine religiöse Ueberzeugung verleugnen? Dann hätte er höchstwahrscheinlich sein Ziel erreicht; uns ist — wenigstens aus jener Zeit — kein Fall bekannt, dass ein nichtjüdischer Schulamtskandidat, der summa oum laude die Oberlehrerprüfung bestanden, in die journalistische Karriere gedrängt worden wäre. Wie begründet der Verf. solche Nöthigung? Er schreibt: ״Man kann nicht erwarten, dass der Staat der geringen Anzahl Juden wegen die Lehrpläne seiner Schulen, voraussichtlich zum Nachtheile der grossen Mehrzahl ihrer Besucher, ändert, dass unsere Gesetzgebung die Kirche derartig vom Staate trennt, dass eine Theilnahme von Staatsbeamten an der Ordnung der kirchlichen oder irgendwie religiösen Angelegenheiten nicht mehr erforderlich ist.“ Wir haben hier wörtlich citirt, um die Richtigkeit der Wiedergäbe dieser — sagen wir nicht: böotischen oder böswilligen, sondern nur — unbedachten Begründung ausser allen Zweifel zu setzen. Von welchen Juden, wo und wann ist jene Aenderung der Schulpläne — obgleich eine solche in Rücksicht auf jüdische Schüler beispielsweise in bayrischen Schulen durchaus nicht zum Nachtheile der grossen Mehrzahl ihrer Be- Sucher von Behörden spontan vorgenommen worden ist — oder jene Trennung der Kirche vom Staate schon beantragt worden? Welches sind die Juden, die in Rücksicht auf die Schulpläne oder auf das bestehende Verhältniss zwischen Staat und Kirche ein Lehr- oder Staatsamt nicht angenommen oder annehmen, um lieber — unsere Feder sträubt sich, diesen von grotesker Komik strotzenden ״Gedanken“ hier niederzuschreiben — als Journalisten von Beruf strengfromm zu leben? Ist’s denn nur möglich, haben wir denn nur richtig gelesen! Unsere jüdischen und — fügen wir weitherzig hinzu: christliehen Journalisten strengfromm lebend, vielleicht gar allsabbathlich in der Synagoge resp. allsonntäglich in der Kirche betend und der Predigt lauschend, im Hause heilige Bräuche übend! Doch nehmen wir an, der Verf. der ״Gedanken“ habe, entgegen unserer und anderer Leute Wahrnehmung, in Synagoge, Kirche, Haus und Leben viele orthodoxe Journalisten kennen gelernt. — Das Sentiment, das auf die eigenartige Begründung folgt, übergehen wir, da sein Werth, gleich dieser, mindestens problematisch ist. Nur den Schluss wiederholen wir: Wahrlich, der Kampf des Lebens ist schwerer für einen Juden, als für seine christlichen Mitbürger! und bemerken dazu: In den Ländern, wo die Gleichstellung des Juden mehr als eine papierene ist, hat derselbe fast gar nicht schwerer zu ringen, als der Nichtjude. Und in andern Ländern — da sollte er aus Scheu vor dem Kampf feig seine geweihte Fahne verlassen? Ist nicht um so herrlicher der Sieg — der äussere oder der innere — je schwerer der Kampf gewesen? Ist nicht Kampf für das Göttliche, für unsere heilige Ueberzeugung, unseres Israelitennamens hohe Bedeutung? Heil dem Juden, der dies stets beherzigt und bethätigt hat! ״Denn er ist ein Mensch gewesen, Und das heisst — ein Kämpfer sein." (Fortsetzung folgt.) Ein rabbinisches Charakterbild. Von Max ■Weinberg. (Fortsezang statt Schluss). Ist das nicht kühn, zielbewusst und mit sicherer Ueberlegenheit gesprochen und konnte es fehlen, dass die starren Anhänger des lieben Alten und Hergebraohten gegen ihn eingenommen wurden? ״Diese offene, schonungslose Blosslegung der Gebrechen seiner Zeit, in Bezug auf das Thorastudium seitens einer so bedeutenden Persönlichkeit,“ sagt Dr. Grün, ״konnte nicht verfehlen, einen tiefen Eindruck zu machen, sie bewirkt6 einerseits, dass die Zahl seiner Verehrer wuchs, andererseits aber reizte sie die Kreise, welche sich dadurch betroffen fühlten, zu heftigem Widerstand und es entstand ihm dadurch in der Gemeinde Prag eine Gegnerschaft, welche ihm später seinen Aufenthalt in Prag verleidete.“ Ist das nicht wiederum im engeren Rahmen das Vorgehen, wie das Gesohiok des grossen Lessing? — Dieser kritische, reformirende Zug und das uuausgesetzte Streben, dem Verfall seines Volkes einen Damm entgegenzusetzen, zieht sich wie ein rother Faden durch alle Schriften und Reden Lowe’s und giebt ihnen neben ihrem allgemein wissenschaftlichen, noch einen besonderen culturhistorischen Werth. Man fühlt und sieht es ihnen an, dass sie alle aus einem innern Bedürfniss hervorgegangen sind und dass sie sich gleichsam ihm aufgezwungen haben. Vor Allem gilt dies von seinem schon erwähnten Auftreten gegen die Betrebungen und die Schule Jaoob Pollaks und die pilpulistische Lehrmethode in den Chillukim, in der er eine wirkliche Gefahr für die Entwickelung des Judenthums erblickte. Und hierin lag meines Erachtens auch der Hauptgrund seiner ersten Uebersiedelung von Mähren nach Prag. Nicht, wie Dr. Grün annimmt, in Folge äusserer Verfolgungen und Bedrückungen, das hätte eine Natur von der Arb Lowe’s nur noch mehr an seine bedrängten Gemeinden gekettet, sondern das Umsichgreifen der Jacob Pollak’schen Schule vollends an der Stätte seines früheren Wirkens, das war es, was ihn nach Prag zog; dagegen Front zu machen, nicht blos theoretisch durch seine Schriften, sondern praotisch durch eine eigene Jüngerschaar, an der Spitze einer eigenen Schule und den leidenschaftlichen Gegnern die Macht seiner Persönlichkeit entgegenzusetzen, das war die Hauptriebfeder seiner Uebersiedelung nach Prag. Es entspricht dies, wie mich dünkt, weit mehr dem unerschrockenen, sich seiner Kraft und der Macht seiner Persönlichkeit bewussten Art Lowe’s, als das von Dr. Grün hierfür angenommene Motiv. Welche Bedeutung übrigens für jene Zeit, in der Jedermann, der auf Achtung und Beachtung Anspruch machte, talmudische Studien trieb, die angeregte Frage hatte, und wie hoch lange Zeit die Wogen hierin gingen, zeigt sich am marquantesten zehn Jahre später (1583) bei der Wahl eines Nachfolgers für den verstorbenen dortisren Oberrabbiner Jaoob Melnik,wo das ״hi Pilpul“ d. h. also, hier Hervorkehren des uugebundensten Scharfsinnes in der Interpretation — hi saohgemässe, auf innerer Wahrheit beruhendeForschung zum Stichwort erhoben und für die Wahl Jsac Chajoths und trotz 8einergrossenGelehrsamkeitund seiner langjährigen Thätigkeit in Prag gegen Löwe Ausschlag gebend wurde. Indess dergleichen konnte ihn wohl eine Zeit lang verstimmen, aber den stolzen Sinn Lowe’s nicht beugen und sein Denken nicht beeinflussen, und so