Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 30. (23.6.1885)
- Date
- 1885-06-23
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nisa: Das protestantische Prinoip ist der Todtengräber des Christenthums gewesen! (״Die Selbstzeraetzang desChristenthums“), auf Feuerbaoh mit seiner unumwundenen Erklärung: Die Religion ist nur eine sonderbare Selbsttäuschung des Menschen — auf 0. E. v. Wurmb-Eysnern mit seiner gräkomani• sehen Klage: Der Christenglaube hat der frischen und fröhlichen Welt des Hellenismus ihre Schönheit geraubt — auf das ״junge Deutschland “ mit seinem in allen Tonarten wiederholten Refrain dazu: Reisst die Kreuze aus der Erden! Sollen wir noch Aussprüche von Schopenhauer, Vogt, Büchner, Molesohott anführen? Und nun eine andere Frage an den Verf. der ״Gedanken“: Glaubt er allen Ernstes, dass seine Ansichten über die Person Christi (S. 19 ff.) als des ״Mannes“, der ״menschlich greifbaren Personliohkeit, deren Verehrung sich nicht zur Schwärmerei steigern darf, in welcher Vernunft und Wissenschalt als sündliche Versucherinnen bekämpft werden“ — glaubt er allen Ernstes, dass solche Ansichten christlichen Kindern in einer Schule vorgetragen werden dürfen? Der als Christ geborene Lehrer würde wegen Aeusserungen dieser Art einfach abgesetzt, bestenfalls nur verwarnt — aber dies auch nur ein mal, der Konvertit aber müsste ausserdem noch mit verschiedenen Beiwörtern — keineswegs schmückenden — aus dem Antisemitenlexikon fürlieb nehmen. Ja, welches Lamento wird schon erhoben, wenn ein nichtjüoisclier oder gar ein konvertitischer Lehrer auch nur die Ansichten des Verf. über Erb- Mi1.de und T ufel 1 I!ristliehen Kindern gegenüber entwickeln will! Wir wissen < as aus zuverlässigen Mittheilungen, und dem Herrn Verf. wird das wohl gleichfalls bekannt sein. — Aber — ängstigt Euch nicht, weder das Christenthum der ״Urgermanen“ noch das der Konvertiten ist in Gefahr! Können denn jüdische Lehrer nicht mit dem Unterricht in Mathematik, Naturwissenschäften, Geographie, fremden Sprachen u. s. w. beschäftigt werden? Oder könnten sie vielleicht auch Zahlen- und Raumgrössen, Thiere, Pflanzen und Steine, Blitz und Donner, Berge und Flüsse, Deklinationen, Konjugationen und Syntax der griechischen oder \ lateinischen Sprache, oder gar den alten Nepos, Cäsar, Cicero, Xenophon und etliche andere alte Römer und Griechen ״verjuden“? Uns ist noch kein Fall bekannt geworden, dass ein jüdischer Gymnasial- oder Universitätslehrer aus religiösen Gründen mit seinen amtlichen Pflichten in Konflikt gekommen wäre oder diese überhaupt verletzt hätte, wohl aber wissen wir, dass mehrere solcher Lehrer zu den Zierden ihres Standes gehören. Dasselbe wissen wir von andern jüdischen Beamten der Stadt und des Staates. Ist der Herr Verf. in der Lage, entgegengesetzte That- Sachen anzuführen, dann bitte! Den subalternen und höheren Dienst bei der Post, Eisenbahn, Steuer, Armee u. dergl. berührt d. Verf. geflissentlich nicht, weil dieser Dienst mit specifischkonfessionellen Dingen nichts zu schaffen hat und — weil Juden in demselben ebenso ״fromm“ sein können wie Christen. Stellung in der allgemeinen Staatsverwaltung soll nach dem Verf. ein Jude deshalb nicht leicht erhalten können, weil zu ihrem Geschäftskreise auch die kirchliehen und die diesen verwandten Angelegenheiten gehören und nicht erwartet werden könne, dass Nicht- Christen dafür ein genügendes Verständniss besitzen, auch die Bevölkerung selten Vertrauen zur sachgemässen Erledigung dieser Angelegenheiten durch Andersgläubige haben werde. Wiederum ״Gründe, so gemein wie Brombeeren!“ Haben denn unsere Katholiken zur saohgemässen Erledigung ihrer bezügl. Angelegenheiten duroh Protestanten 80 viel Vertrauen? Hätten Protestanten es Katholiken gegenüber? Der Verf. scheint anzunehmen, dass Niemand etwas aus dem sogen. Kulturkampf und ähnlichen neueren und älteren Kämpfen gelernt habe. Warum kann nicht erwartet werden, dass Niohtohristen für die beregten Angelegenheiten mindestens ebensoviel Verständniss besitzen, wie Katholiken für Protestanten, diese für jene, und beide für jüdische Angelegenheiten? Und gesetzt, Juden besässeu das wünschenswerte Verständniss nicht, lässt sich denn das 80 schwer aneignen? Oder erlangen etwa nur Täuflinge solches Verständniss in überraschend kurzer Zeit und mit erstaunlich leichter Mühe? —- Aber wir sehen von alldem ab und fragen: Gehören zum Geschäftskreise der Staatsverwaltung denn einzig und allein kirchliche and verwandte Angelegenheiten? Warum sind Juden in andern Ländern — wie Frankreich, England, Holland, Amerika — in niedern, hohen und höchsten städtischen und Staatliehen Aemtem aller Art zur besondere Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten und ihrer übrigen Mitbürger thätig? Sind etwa die dortigen Juden weniger fromm und mehr befähigt, als ihre deutschen Glaubensgenossen? Antworten hierauf haben wir wiederholt mit hiureichender Deutlichkeit gegeben. Wir bitten den Verf. um Gegenantworten, falls ihm solche zu Gebote stehen. Der Eintritt in das Forstfach 8011 für Juden bedenklich sein, weil in der Nähe des Forstreviers wohl eineKirche, aber keine Synagoge zu sein ״pflegt“. Jawohl, ״pflegt!“ Also Ausnahmen werden zugegeben, und solche sind bekanntlich nicht immer geringzählig, auch im vorliegenden Falle nicht, wovon sich Jeder schon auf kleineren Ausflügen selbst leicht überzeugen kann. Oder hat der Verf. schon so viel von dem Eifer unserer christlichen Weidmäuner für den Besuch des Gottesdienstes gehört, dass er das gewöhnliche Vorhandensein von Kirohen in der Nähe der Forstreviere voraussetzt und auf dieselben hin weist? Und bedürften jüdische Weidmänner zu ihrer Seelen Seligkeit mehr der Synagoge, als die jüdischen Dorfbewohner, die, wie wir bereits erwiesen, ohne Synagoge sogar strengfromme Juden sein können? Nein, der Jude pflegt aus ganz andern Gründen mit Nimrod’s Jüngern nicht zu sympatbisiren. Wir betonen hier wieder: ״pflegt“; denn wir kennen auoh hier Ausnahmen, wenngleich wenige, wir haben beispielsweise in Brandenburg und in der Nähe jüdisohe Weidmänner, zwei sogar von 80 hoher, kräftiger Gestalt, mit so blondem Haar und blauen Augen, dass selbst teutomanisohe Rassenjäger in ihnen ״urgermanische Typen“ zu erblicken wähnten, obgleich sie von frommen Juden abstammen. Allerdings betreiben sie die Jagd nicht als Gewerbe. Vielleicht würden sich doch Juden zum Eintritt in das Forstfach — wie in die Marine — eatschlie&sen, wenn sie auf Zulassung und Beförderung rechnen dürften. Sodann wird behauptet, dass die ״unverhältnissmassig“ starke journalistische (litterarische) Thätigkeit der Juden nur eine Folge der Schwierigkeiten sei, welche sich ihrer Thätigkeit im praktischen Berufsleben entgegenstellen. Die ״unverhältnissmässig“ starke journalistische Thätigkeit der Juden ist schon oft als fable oonvenue dargethan worden; ferner ist die journalistische Thätigkeit der Juden niciit lediglieh eine Folge der Schwierigkeiten, die ihrer Thätigkeit im praktischen Berufsleben sich entgegegenstellen — reotius aus den hinfälligsten Gründen entgegengestellt werden, sondern sie wählen zum grossen Theil jene Thätigkeit ebenso aus Neigung, wie ihre christlichen Berufsgenossen, und weloher Verständige wird ihnen das verargen! Es wird allerdings, um des