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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-06-23 · N° 30. (23.6.1885) · p. Seite 120

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 30. (23.6.1885)
Date
1885-06-23
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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— 120 — ist es denn nur zu erklärlich, wenn sein Biograph be• zäglich seiner Schriften, trotz ihres polemischen Charakters hervorhebt: Es sei im Allgemeinen Lowe’s Art, in seinen Werken niemals von sich zu sprechen, seine Person stets ganz in den Hintergrund treten zu lassen und selbst in den Vorreden, in welchen sonsthin die Autoren jener Zeit durch Mittheilungen über ihre Lebensverhältnisse dem Leser sich repräsentiren, sofort mit dem zu behandelnden Gegenstände zu beginnen, und den Leser sogleich in medias res einzufuhren. Seine Uebersiedelung nach Prag und die Gründüng eines eigenen Beth Hamidrasch war solch ein vorredeloses in medias res Einfuhren in die Praxis übersetzt, ein lebendiger Protest gegen Jacob Pollak. Nur unter diesem Gesichtswinkel lässt sich das Thun und Denken Lowe’s beurtheilen, es ist überall aus einem Guss, stets auf erreichbare Ziele gerichtet, getragen von Liebe und Begeisterung für das grosse Ganze, frei von Selbstsucht und kleinlicher persönlicher Eitelkeit, nie das Hauptziel aus dem Auge verlierend, massvoll und milde in der Form und euergisch, wo es die Sache gilt und in Allem eine durch und durch edel beanlagte Natur Darum geht er iu nachsichtslosester Weise gegen die s. g. Nadler, jene weitvorzweigte Sippschaft vor, die angesehene, hervorragende Menschen und Familien dadurch zu ruiniren und zu brandschatzen suchte, dass sie sie als aus illegitimer Ehe stammend unter dem Namen ״Nadler“ verdächtigte, — that sie sogar im Verein mit zehn anderen Rabbinen seiner Zeit in den Bann, darum zieht er in seinen Schriften in schonungslosester Weise und in den schärfsten Ausdrücken gegen die Richtung Jacob Pollak’s zu Felde und sucht ihnen durch Gründung eines Beth Hamidrasch einen wirksamen Damm entgegen zu setzen. Darum auch sagt er am Sabhath T’sohuba des Jahres 1583 iu der 8. g. Altneusynagoge iu Prag der durch Uneinigkeit und unwürdigen Hader zerrissenen Gemeinde in einer von ihm gehaltenen Derascha über die dort eingerissenen Schäden in einer Weise die Wahrheit, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, trotzdem die Oberrabbiner-Neuwahl vor der Thüre und er sich — dadurch im Lichte stand. Er sprach in dieser Rede über die vielfachen Sünden, durch welche der Mensch von seiner geistigen Höhe herabsinkt, und bezeichnete namentlich als solche ״die Ehrsucht, welche in einer eingebildeten Ueberhebung wurzelt, den Neid, welcher ebenfalls in der Ueberschätzung des eigenen Ich alles fiir sich allein zusammenraffen möchte, die Heuchelei, welche in widerwärtiger Unterwürfigkeit vor Menschen sich mehr beugt, als vor Gott, und die lügenhafte Verleumdung, die böse Zunge, durch welche die von Gott dem Menschen verliehene Gabe der Sprache in der schändlichsten Weise missbraucht wird.“ Er geht dann zu der derzeitigen Mode Verleumdung, der auch in l’rag grassirenden Nadler - Verunglimpfung über, die er, wie schon gesagt, im Verein mit zehn angesehenen Gelehrten der Prager Gemeinde, trotz der Milde seines Wesens mit dem Bann belegt. Es ist bei seiner stets auf das Practische gerichteten Natur fast selbstverständlich, dass er diese grossartige Rede im Druck erscheinen lässt. (Schluss tolgt.) Collectanea. Von Dr. Krön er, Rabb. in Brandenburg a. d. H. XXII. Streiferei in das Gebiet der alten und der neuen Worterklärung. (Mit Bezug aut' Notiz 1 in No. 28 des Litt.-Bl.) Wenn der Kirchenvater Hieronymus den Namen Pontius durch ״inclinans et declinans consilium“ (bald zu- und bald abgeneigt dem Rath Anderer) erklärt, 80 leitet er denselben von (•TMZftTt i*UlB ab; heisst doch פנה inclinare oder declinare, und!TOhD. synonym עצה (J68. 28, 29 und sonst), ist consilium. Bei der Bemerkung ״os malleatoris“ (Mund des Hämmerers) zu Pilatus hat Hieronymus zweifellos פי ל1ט?2ז im Sinne gehabt. Die Deutung des Namens Her ödes durch ״glorians in pelle“ (seinen Ruhm suchend in der abgezogenen Haut, d. i. im Mord) führt zu der Annahme, dass der Kardinal Hugo an ד,ר זל£ז=ein (stolzer) Berg, der zermalmt, zerfleischt (ofr. J68. 25,10; Richter 8, 7) gedacht hat. Diese Deutung würde den Idumäer, der seinen Thron über Leichen erstieg und auch durch Mord zu stützen suchte, recht treffend kennzeichnen Hübsche Pendants zu obigen Dentungen liefern — ausser den bekanntem talmudischen Ableitungen der Ausdrücke פרוזבול ,קפנדריא und ähnlicher — die Erklärung des Scholastikers Albertus magnus zu ״ :;0קט0*»ז£’=אפיקורוםsupra cutem, auf der faulen Haut liegend, oder supercurans, der sich um unnütze Dinge kümmert“; sowie die Erklärung des R. Obadia de Bertinoro zu אפיטרופום—l71!Tpo7:oc: ״pater pusi“ (Bickurim 1,5)! Uebrigens dürfte heutzutage wohl wenigen Sprachgelehrten entgehen, dass Herodes (von fjpw;) Heldenspross bedeutet, Pontius (von pons) unserm Brückn;er entspricht*), und Pilatus (von pila; pontispila der Brückenpfeiler) der durch Pfeiler Gestützte oder viel wahrscheinlicher (von pilum, cfr. Verg. Aen. 12, 121) der mit Wurfpfeilen Versehene, Kriegerische heisst. Es ist indess nicht zu vergessen, dass die talmudischen und nachtalmudischen Rabbineu bei ihren Wortdeutungen zumeist andere als streng etymologische — nämlich ethische, homiletische und sagenhaft-historische — Zwecke verfolgten und dass die früheren jüdischen und christlichen Gelehrten überhaupt philologischer Hülfsmittel in so reicher Fülle und von so strenger Wissenschaftlichkeit, wie sie uns zu Gebote stehen, entrathen mussten. Selbst die Pygmäen, die auf den Schultern der Giganten stehen, erscheinen immer höher als diese. — Recension. Aiuuiaire des ״Archives Israelites“ par l’an du monde 5(>4(>. 2. annee par H. Prague. Paris. Dieselbe geschickte Eintheilung, die sich schon im ersten Jahrgange bewährt hat, empfiehlt auch den neuen Kalender. Da die Organisation der Juden Frankreichs, Belgiens, der Schweiz und Eisass- Lothringens wieder gegeben ist, vermissen wir ungern die Ruhmeshalle (Lo livre d’or du judaisme franfais). Neben der kurzen Jahresübersicht und der statistisehen Angabe, dass zur Zeit in Frankreich und Algier (48000) etwa 128000—133000 Juden leben, sei von den litterarischen Beigaben besonders genannt ״Ein jüdischer Baron in Frankr. im 18. Jahrhundert“. Liefmann Calmer war 1711 in Aurioh geboren und kaufte die Baronie Picquigny, wodurch er Vidame d’Amiens seigneur de Vignacaer u. s. w. wurde — aber zugleich ärgerliohe Lehnsprocesse sich auf den Hals zog. Von seinen 4 Söhnen wurden 2 von den Revolutionären hingerichtet. Das ist von Isidore Loeb in seiner schlichten anziehenden Weise erzählt. L. *) Die Ansicht, dass Pontius von 7!dvx0{ stamme und Meermann heisse, wird nur von wenigen Gelehrten vertreten. Kr. Verantwortlicher Redacteur Dr. Kahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Woltf, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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