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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-07-16 · N° 29. (16.7.1885) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 29. (16.7.1885)
Date
1885-07-16
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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— 114 — tators R&schi, greift er doch oft über das sich gesteckte Ziel hinaus, giebt er oft seine eigenen, ▼on den früheren abweichende Erklärungen, wobei er nicht selten in ganz entlegene Gebiete hinüberstreift“. Doch scheint, wie Dr. Grün überzeugend darthut, bei Abfassung dieses wissenschaftlich sehr werthvollen Werkes die Bache selbst — die Erklärung Raschi’s — nicht der eigentliche und vornehmste Zweck der Arbeit gewesen zu sein, vielmeht hat sie ihm nur als passendster Anknüpfungspunkt dienen sollen, um sein machtvolles Protestwort gegen die schon oben er* wähnte ungesunde Art und Weise des Talmud- und Gesetzestudiums darin zum wirksamsten Ausdruck zu bringen und gleichzeitig de facto den Beweis zu liefern, ״wie selbst die schwierigsten halachischen Partien klar und verständlich werden, wenn man nach Art der grossen Vorbilder aus der classischen Zeit des Talmudstudiums die Thora lernt und erforscht.* Ist aber dieser Weg, anscheinend neben sächlich und an den gelesensten und beliebtesten Commentator seiner, wie ja auch noch unserer Zeit anknüpfend, das, was er eigentlich auf dem Herzen hatte (und über das ein minder practisch veranlagter Geisteskämpfer ein eigenes Buch geschrieben hätte), in die Menge zu werfen, nicht eben so klug wie wirkungsvoll und an unsern grossen Lessing gemahnend? Dadurch aber, dass er es in einen Commentar zu Rasohi einstreute, hatte er sofort ein volles und aufmerksames Auditorium für seine Worte, war er sicher, vor vollem Hause zu sprechen und hatte er für Alles, was er sagte, zugleich in Raschi einen classischen Zeugen. Auf diesem gut gewählten Resonnanzboden geisselt er nun in schärfster und markigster Weise die ihm verhassten geistigen Caprioien, und in einer Form, die des Meisters würdig und für ewige Zeiten beherzigenswerth ist. ״In unserer Zeit,* ruft er wehmüthig aus, ״giebt es Prediger, die mit Ungebundenheit und Willkür Alles, was ihnen in den Sinn kommt, aus der Thora herauszudeuten suchen; wahrlich, unsere heilige Lehre gürtet sich in Sack and Asche ob dieser Versündigung gegen die Wahrheit.“ Liest sich das nicht wie der Protest eines Geistesgrossen gegen das Treiben und die ganze Richtung unserer orthodoxen Talmudbeflissenen von gestern und heute? Und würde er, wenn er sein ebenso schlichtes wie kühnes Mahnwort in unseren Tagen ausgesprochen, nicht auch befehdet, ja von den Grosswortführern unserer heissspornigen Orthodoxie mit Acht und Bann belegt worden sein? — Aber eben diesen vermeintliehen Alleinpächtem der reinen Wahrheit ruft er an einer anderen Stelle seines Werkes zu: ״In unserer Zeit und in diesen Ländern wandeln sie auf krummen Wegen (Irrwegen), machen es dem Thoren gleich, der den Baumeister spöttisch belächelt, welcher, bevor er ein Gebäude aufrichtet, einen festen Grand legt, und berücksichtigen nicht, dass der geistigen Entwickelung des Schülers entsprechend eine stufenweise Vertheilung des Lehrstoffes, ein allmäliger Uebergang vom Leichtern zum Schwierigem vorgenommen werden muss. Die Basis des Unterrichts muss die heilige Schrift sein, ein gründliches Unterweisen in derselben muss vorangehen, und nicht, wie es die Modethorheit unserer Zeit beliebt, den Knaben ohne das grundlegende Wissen in der Bibel zur Gemara heranzuziehen. Dieser planlosen Unterrichtsweise ist die Schuld beizumessen, dass die Kenntniss der Thora immer mehr schwindet und der Weisheit Quellen versiegen . . . 0, ich könnte darüber noch Vieles sagen, der Schmerz tobt in meinem Innern! Sie sind befähigt, die Weisheit der Lehre und Wahrheit zu empfangen und doch wandeln Alle unwegsame Pfade, irren vom Wege ab, der zu ihrem Tempel führt und vergeuden mit Nichtigern und Thörichtem ihre Tage.. Möge der Hochgepriesene in seiner Barmherzigkeit uns zu seiner Thora fahren und uns geleiten auf die Pfade der Wahrheit.“ (Schluss folgt.) Herbart-Ziller und unsere Religions-Schule. In dem Artikel: ״Was thut uns Noth“ No. 23 der ״Isr. Wochenschrift“ wendet sioh Herr Klingenstein mit vollem Rechte gegen die in meinen Reorganisations-Artikeln aufgestellte These, dass der Bibelunterricht der einzige Gegenstand unserer Religionsschule sein müsse. Herr Klingenstein befürchtet, ein solcher Unterricht würde doch mehr Spraohunterrieht, als Religionsunterricht sein, wenigstens für die ersten Jahre, so lange die Sprache noch Schwierigkeiten macht. — Ich erkläre diese Befürchtungen des Herrn Kl. nicht nur für gerechtfertigt, sondern kann dieselben aus der Erfahrung als vollständig begründet bestätigen. Ich habe das Experiment gewagt, etwa 4—5 Monate, habe auch in Hinsicht der Sprache und des lebhaften Interesses der Schüler sehr erfreuliche Resultate erzielt. Aber ich habe mich überzeugt, dass das Interesse der Schüler hauptsächlich für das Sprachliche und Litterarische rege war, dasselbe dagegen nur sehr nebensächlich dem religionsunterrichtlic hen Inhalte galt. Ich habe diese meine Erfahrung dem Herrn Redacteur gegenüber in einem Briefe schon geäussert, ehe nooh No. 23 erschien, was dieser wohl freundlich bezeugen wird.*) Da es mir nicht auf die Durchführung einer Lieblings-Idee, sondern auf niohts als Erhebung unserer Religionssohule auf das Niveau der Pädagogik, auf Sprengung der Fesseln des alten Schlendrians ankommt, stehe ich keinen Augenblick an, zu erklären, dass mein Herr Räcensent Recht hat, und dass meine These, so wie ioh sie in dem citirten Artikel aufstellte, unhaltbar ist. — Zwar habe ich mich nur sehr schwer von dieser These losgesagt. Mehrere sehr geehrte Herren Collegen, hatten mir geschrieben, die These sei theoretisch sehr riohtig, aber praktisch undurchführbar, weil — uns die Lehrer dazu fehlten. — Gegen diesen Ein wand war ich gewappnet. Ich war überzeugt, dass uns weniger die Lehrer, als die Methode und die Lehrbücher fehlen. Wenn der Lehrstoff erst in methodischer Bearbeitung den Lehrern handlich geworden wäre, würden diese damit weniger Schwierigkeit als jetzt gehabt haben. Wie gesagt: die praktischen Schwierigkeiten schreckten mich nicht; in der Pädagogik haben wir an unserem Meister Pestalozzi ein ermuthigendes Beispiel, wie siegreich die Idee gegenüber der Wirklichkeit ist. Mehr Schwierigkeiten als den Bestrebungen Pestalozzi’s thürmen sich nicht leicht einem Unternehmen entgegen. — Und wie die Pestallozzi’schen Ideen sich auch ihre Lehrer erzeugt haben, so finden sich schliesslich überall leichter die rechten Lehrer für die rechten Methoden, als die rechten Methoden für die noch 80 gutgesinnten Lehrer. — Dass das Ziel zu erreichen sei, mit der Zeit bei entsprechenden Lehrmitteln, das bezweifelte ich nicht. Ich wusste es aus eigener Erfahrung — denn ich batte das Experiment gewagt — dass es erreichbar sei. Aber, als ich am Ziele war, da fragte ich mich: הזאת נלמי? Das Fortschreiten in der hebräischen Grammatik; die immer mehr wachsende Freude an der hebräischen Sprache, so ein mächtiger Hebel dies für das jüdisch-religiöse Interesse sein mag — Religion ist es nicht. Es ist der feste Boden für den *) Geschieht hiermit: wir empfehlen Jas Gebetbuch zur Unterlage für Jen Religions-Unterricht. (ReJ.)

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