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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-07-16 · N° 29. (16.7.1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 29. (16.7.1885)
Date
1885-07-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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—3t Jüdisches Litteratur- Jahrg. XIV, £«r Be)e«rMnag •Der J»de»tl»■»» «ad Jade« betreff•«!!«■ litterarlftefcen Cr- •ehela««gff1 a«r dem Gebiete der Philo* •ophfe, Ge»rblcl»tet Ethnographie, Theo* löffle, Orientalfa, Rxegeae, Homiletik, IJtargik, l'idagoglk. H eransgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 16. elwfi 1835. Hirherder eln«<*l1Iii!(1gea Utteratnr, welche der Eedarllon xugenandt werde«, finde« I« dienern Blatte eingehende Kesprerhaig. Bel Klneendiing 10n awel RerenaloNa* Exemplaren erfolgt einmalige knrse Uratls-Iafterttoa. Das »Jtdisehe Lttteratar-BiaU“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljähi-lich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit S6 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes za senden, mt* Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 yi Rabatt, m■ Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ein rabbinisches Characterbild. Von Max Weinberg. — Herbart-Ziller und unsere Religions-Schule. Von Dr. J. Goldschmidt, WTeilburg. Litteraturbericht: Recension: Marx, Gustav H. Traditio Ra bbinorum veterrima de librorum veteris Testamenti ordine atqne origine. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Ein rabbinisches Charakterbild. Von Max W7einberg. Wohl kein jüdischer Gelehrter des deutschen Mittelalters hat sich von jeher in den breitesten Schichten des jüdischen Volkes einer solchen Popularität erfreut, ist so sehr in das Bereich der Sage gezogen und von mythischen Fäden umsponnen, als der ״hohe Rabbi Löw“ (Leib) aus Prag. Und sehr zutreffend sagt Dr. Grün *) in seiner trefflichen biographisehen Abhandlung*) über ihn, ״dass ein Mann, der noch drei Jahrhunderte nach seinem Tode im Andenken Aller lebt und dessen Name sich erhalten von Geschlecht zu Geschlecht, doch im Leben Grosses geleistet haben müsse; denn nur dem wahrhaft Grossen flicht die Nachwelt den Kranz der Unsterblichkeit. Ein Leben aber, das durch die Sage verklärt wird, verdient umsomehr Erforschung, da die Sagenbildung nur das Haupt erkorener Geister umstrahlt.“ Und in der That war auch Rabbi Löw ein Erkorener, nicht nur in der Tafelrunde jüdischer Geistesritter seiner Zeit, eine rabbinische Grösse von grosser Machtfülle, sondern er war auch, wie Dr. Grün zur Evidenz nachweist, ein Lichtfreund und Licht- Spender, der sich nicht daran genügen liess ein grosser und es verschmähte, ein spitzfindiger Talmudist zu sein, eine echte Gelehrtennatur, der Philosophie und Mathematik trieb, die Wissenschaften schätzte nnd ״als Ausfluss göttlicher Allweisheit ansah.“ Es lag — was auch in berufeneren Kreisen nicht allzubekannt ist — etwas von einem Giordano Bruno, etwas von einem Lessing, den Klotzen nnd Götzen in Lehre und Wissenschaft gegenüber, in ihm. Dass er deshalb bei den Dunkelmännern seiner Zeit mit ihren Rückschrittsbeinen nicht allzu gut angeschrieben stand und sich genöthigt sah, ihnen gegenüber seinen Standpunkt zu markiren und zu vertheidigefa, war, so damals wie jetzt und zu allen Zeiten wohl selbstverstündlich upd er wahrt ihn schon in dem schönen, לי Der Hohe Rabbi Löw nnd sein Sagenkreis. Prag 1885 bei Jacob B. Brandeis. ן ganz seiner würdigen Ausspruche: ״Warum sollte man aie Wissenschaften nicht lernen, da sie doch göttliche Weisheit enthalten? Die Weisheit aller Völker ist von Gott, der sie ihnen von seiner Allweisheit mitgetheilt hat(N’thiw hathora 14).“ Er citirt auch häufig j ״Die Weisen der Philosophie“, deren Ansichten ec natürlich nur insoweit gelten lässt, als sie den Lehren der Thora nicht zuwiderlaufen und erläutert viele Stellen in Talmud und Midrasch mit Hülfe von Mathematik und Astronomie, wie das David Gans in seinem astronomischen Werke Nechmod w’noin ausdrücklich hervorhebt. Mit scharfem Auge erkannte er die Schäden und Gebrechen in der Lehrweise, wie in dem ganzen Talmud- und Gesetzesstudium seiner Zeit, wie sie in den Gelehrtenschulen und Schriften allgemein eingerissen waren, und die vornehmlich darin bestanden, dass man im Studium nicht mehr die Sache selbst und ihren wahren Kerr! zu erforschen und zu präcisiren suchte, sondern mit rabulistischer Spitzfindigkeit geflissentlich und willkürlich Schwierigkeiten austüftelte und hineininterpretirte, die dem klaren und wahren Wortverstande zuwiderliefeu, und im Schürzen und Lösen derartiger unnützer und in dieser Ausartung sogar schädlicher Knoten das Wesen und den Endzweck alle» Studiums sah und darüber die Sache seihst aus dem Auge verlor, oder im Wust gesuchtesten und künstlichst aufgebauten Beiwerks erdrückte und erstickte. ״ Scharfsinn galt als letztes Ziel des Studiums, “ sagt Dr. Grün in seiner Schilderung dieser Zustände, ״die einfachen, wahrheitsgetreuen (und auf der Hand liegenden) Erklärungen und Deutungen, sie mochten noch so klar sein, wurden verworfen, man suchte mit Absicht krumme Wege auf, um daun durch einen Aufwand von Witz und Scharfsinn, durch eine Fülle sich widersprechender Fragen und Antworten wieder auf die gerade Bahn zu gelangen. Dem Rabbi Löw missfiel dieses verderbliche Spiel des Witzes auf das Höchste.“ Lange genug hatte er’s beobachtet und mit angesehen, denn er stand bereits in einem Alter von 58 Jahren, als er mit seinem Erstlingswerk גור אריה hervor- und gegen das geschilderte Unwesen auftrat. Freilich war es dafür nach Dr. Grün’s Worten auch eine köstliche reife Frucht, die er in diesem Werke uns bietet, die ein souveränes Beherrschen des ganzen ausgedehnten Litteraturgebietes bekundet und die Selbsständigkeit des grossen Meisters zeigt, der sich berufen fühlt, in dem gelehrten Streit auf der Arena wissenschaftlicher Forschung mitzustreiten. Er geht hierbei auch in der Art des Kampfes echt Lessingsch zu Werke. ״Obwohl zunächst ein Supercommentar zu der Erklärung des grossen Commen-

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