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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-07-09 · N° 28. (9.7.1885) · p. Seite 111

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 28. (9.7.1885)
Date
1885-07-09
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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— 111 — Jacob b. Ascber für einen ״irreführenden Ansdruck“ und eine ״Fiction“ gehalten, so hat Herr Marx dem Karo seine eigene vorgefasste Meinung untergeschoben. Karo sagt: das Gesetz sei veranlasst worden durch die Anklagen der Abtrünnigen. Aber das Gesetz, nicht der ״irreführende Ausdruck.“ Jacob b. Ascher habe vielmehr in Folge der abgegebenen Erklärung in der That dies Gesetz mit voller Kraft aufgestellt. Was Herr Marx aus dem Ausdruck כותי schliesst, steht auf morschem Grund. Jeder Kundige weiss, dass die Terminologie unserer Texte die Ausdrücke מין, עכום, ע״ע״ז, כותי n. s. w. ohne Wahl für gleichbedeutend behandelt. Eine einseitige Brüderlichkeit ist eben nicht möglioh, wo man nicht den Weg der gewaltsamen Proselytenmacherei betritt, und wo dies geschieht, da treibt das Princip der Brüderlichkeit noch ganz andere Blüthen der Ungerechtigkeit, als Nichtzurückgeben des Verlorenen: Güterconfiscirungen, Scheiterhaufen u. s. w. — Darum besser eine spätere, aber beiderseitig freiwillige Brüderlichkeit. Wenn daher Herr Marx S. 141 sagt: ״Danach hat der Jude die Pflicht, den Beisass-Proselyten zu unterhalten, aber ihn zu lieben nicht,“ 80 heisst das mit andern Worten: der Jude sollte nie ad majorem dei gloriam den Beisass-Proselyten gewaltsam zum Volljuden machen. Wo es geschehen, da war es Staatsraison, und auch als solche verfehlt. S. 145 sagt Herr Marx: ״Mit derselben unverfrorenheit verkündet Dr. Goldschmidt: Jeder Geschichtskundige wisse, dass das Ghristenthum bei den Heidenchristen der ersten Jahrhunderte noch sehr heidnisch auf gefasst wurde.“ Einer Widerlegung bedarf es nicht. — Warum nicht? Wie? Wenn ich nun Herrn Marx selbst gegen ihn anführte? In der That sagt Herr Marx selbst No. 3 des ״Nathanael“ S. 66: ״Es will bedacht sein, dass es für die in Palästina und Polen lebenden Verf. des Schulchan, die sicher mit der christlichen Kirche wenig Berührung hatten, nicht so leioht war, den Cultus der römisehen Kirche mit seiner Heiligen- und Bilder- Verehrung von Götzendienst zu unterscheiden. War die Reformation nicht ein Protest gegen das in der Kirche aufgekommene ״heidnische“ Unwesen?“ So sagen Sie selber Herr Marx. Warum ist es da nicht Unverfrorenheit? Oder halten Sie sich deswegen auf, weil ich von den ״ Heidenchristen der ersten Jahrhunderte“ spreche? Die Jahrhunderte, die ich für jeden Kundigen gemeint haben kann, sind das 5. und 6. Jahrhundert, das Zeitalter des Tachlipha b. Abdima. Aber sohon vom 4. Jahrhundert sagt Schlosser (17. Aufl. Berlin, b. Seehagen! III. Band S. 649:;,Mit den Gebeinen der Heiligen ward ein Missbrauch getrieben, der die christliche Religion in ein förmliches Heidenthum verwandelte. Man schob die Märtyrer und Heiligen nach und nach den ehemaligen Göttern unter, und wies ihnen, wie jenen, Elemente, Meere, einzelne Länder und Städte zur besondere Beschützung an.“ ״Nicht lange nachher stiftete man durch Einführung der Fastenzeit eine Art christlicher Saturnalien“ u. s. w. — Ist das von Sohlosser auch ״Unverfrorenheit?“ — Herr Marx schliesst mit folgenden Worten, mit denen ich ganz einverstanden bin: ״Wir nehmen an, dass es denen, welche gegen das unchristliche (ich würde dafür sagen: unmoralische, denn keine Religion hat die Moralität in Erbpacht) und unwissenschaftliohe Auftreten von Männern wie Justus und Ecker kämpften, um Frieden zu thun ist. Mögen sie bedenken, dass sie das moralische Recht gegen ohristliehe Fälscher auf den Kampfplatz zu treten verloren haben, sobald sie dem Christenthume gegenüber sich solche Fälschungen erlauben“. Sehr wahr! Ich hoffe, Herr Marx wird nun nach meiner Berichtigung öffentlieh anerkennen, dass ioh dies moralische Recht nicht verloren habe, und dass die Beschuldigungen der Unredlichkeit, Fälschung und Unverfrorenheit, mir gegenüber, übereilt gewesen sind. Wenn er das nicht thut, muss ich annehmen, dass-die Undredliohkeit auf seiner Seite ist. — Uebrigens erinnert das Vergehen des Herrn Marx sehr an den Spruch: הרוצה שיחן ולא יתנו אחרים עינו רעה בשל אחרים. Er selber speit Feuer und Flamme gegen Justus und Ecker. Sogar der ש״ע wird von ihm in sehr gerechter und wahrheitsliebender Weise gegen Justus etc. vertheidigt. Aber gegen die jüdisehen Vertheidiger des שייע ist er noch giftiger, als gegen dessen Gegner. Das kommt wahrscheinlich daher, weil ihm die Brüderlichkeit gegen Andersgläubige nicht erschwert ist ״durch den Wortlaut des Gesetzes,“ weil ihm der Ausdruck אחיך nicht hinderlich im Wege steht. Es ist schwer, eine Satyre nicht zu schreiben. Dr. Goldschmidt-Weilburg. Litteraturbericht, Recensionen. Midrasch Tancliuiua. Ein agadischer Commentar zum Pentateuch von Rabbi Tauchuma ben Rabi Abba. Zum ersten Male nach Handschriften aus den Bibliotheken zu Oxford, Rom, Parma und München herausgegeben, kritisch bearbeitet, commentirt und mit einer ausführlichen Einleitung versehen von Salomon Buber in Lemberg. Wilna 1885. Gebr. Romm. 3 Bände. (Vorläufige Anzeig,e.) Das dritte, und es sei gleich von vornherein gesagt, das bedeutendste Werk Bubers auf dem Gebiete der kritischen Midraschforschang ist soeben erschienen. Alle Leistungen des gelehrten Verfassers in den vorangegangenen Bearbeitungen des Pessikta und des Midrasch Lekach Tob, die kritische Sichtung und Anordnung des Textes, die gründliche Quellenforschung und Vergleichung, die philologische Akribie und historische Genauigkeit werden durch das •neue Werk noch weit übertroffen. Eine 217 Seiten umfassende Einleitung ist das Muster einer propedeutischen Arbeit und lässt in uns den glühenden Wunsch erwachen, auch den Midrasch Rabba in solcher Weise bearbeitet zu sehen. Ohne auf die Resultate und deren ßeurtheilung heute näher einzugehen, geben wir vorläufig eine Uebersioht von dem reichen Inhalt der in 20 Capiteln eingetheilten Einleitung, deren nicht geringster Werth auch in der musterhaften Systematik der Bearbeitung besteht. Cap. 1 enthält: Namen des Werkes, der Verfasser und dessen Zeit. C. 2: Tauchuma, Jelamdenu und gedruckter Tänchuma. C. 3: Tauchuma, Jelamdenu und gedr. Tauchuma insbesondere und deren Unterubien. C. 4: Stellen der gedr. Tauchuma, die sioh in den Handschriften finden oder die dort fehlen. C. 5: Wesen des Buches, Sprach- und Lehrweise desselben. C. 6: Halacha’s und Dinim im Tauchuma mit der Einleitung Jelamdenu Rabenu. C. 7: Alphabetisches Namenverzeichniss der vorkommenden Tannairn und Amor&im. C. 8: Alphabetisches Verzeicbuiss der Fremdwörter nebst Ortsangabe der Erklärungen. C. 9: Die Midrasohim, die sich des Tanchuma bedienten.

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