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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-06-25 · N° 26. (25.6.1885) · p. Seite 102

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 26. (25.6.1885)
Date
1885-06-25
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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— 102 — den tbeokratischen Charakter nicht mehr besassen,... nicht gestalten konnte. Man darf diesen historischen Erklärungsgrund nicht übersehen, wenn man die geringe jüdische Criminalität in!Betracht zieht und man sollte unseres Erachtens dieses Moment bei der Würdigung des jüdischen Volksthums überhaupt billiger Weise nicht ausser Acht lassen. Die analoge Erscheinung findet sich bei solchen Völkern, welche mit der theokratischeu Grundanschauung des Judenthums vom Verbrechen harmoniren. So finden wir bei den Römern in ältester Zeit das Verbrechen des Mordes hauptsächlich als eine Verletzung des Janus betrachtet und bei den Indiern ist diese analoge Auffassung sehr lange herrschend gewesen; beiden Völkern war deshalb der Abscheu vor diesem Verbrechen 80 tief eingeimpft, dass die Begehung desselben, so lange die alte Religion noch nicht ihren Boden verloren hatte, zu den grössten Seltenheiten zählte. Diese Er- Wägungen legen uns den Schluss nahe, dass in den• jenigen Zeiten, in welchen der theocratische Charakter nicht nur im ganzen Staatsleben, sondern auch in der Beurtheilung von Verbrechen und Strafe vorherrschend ist, die Religion einen bedeutenderen Einfluss auf die Volkssittlichkeit hat, soweit sie hieraus gefolgert und bemessen werden kann, als in den späteren Epochen, welche den Grundsatz zur Ausführung bringen: Gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers. Thatsächlich beruht dieser Schluss auf Richtigkeit, und es mag immerhin in adminikulirender Weise für die Erklärung der jüdischen Criminalitätsziffer angeführt werden, dass die theokratische Anschauung vom Verbrechen, wie wie den ältesten Schritten des Judenthums eigenthümlich ist, auch heute mitunter nachwirkeu dürfte.“ Sub linea bemerkt der Verfasser noch, ״Dies möchten wir gegenüber den oberflächlichen Bemerkungen E. v. Hartmanns betonen.“ Im weiteren Verlauf seiner Arbeit unterwirft der Verfasser noch die Frage, ob die Frequenz des Selbstmordes als ein Zeichen der Volkssittlichkeit zu benutzen sei, einer näheren Untersuchung und kommt hier zu dem Schluss, dass dies zu bejahen, seine sehr erheblichen Bedenken habe. Er kommt hier zu dem Schluss, dass in der Regel der Selbstmord nicht anders zu beurtheileu sei, wie das Leben, dessen Abschluss er bilde. ״Es wäre ja eigenthümlich“ — fährt er fort — ״wenn Derjenige, welcher während seines Lebens nichts getaugt, sich durch seinen Tod zum Helden oder Märtyrer machen könnte, wenn der Redliehe, dessen Leben eine Kette rechtschaffener Handlungen bildete, durch seinen freiwilligen Tod sich zum Schurken stempelte! Ob eine unsittliche Handlung durch den Tod iudicirt wird, lässt sich daher nur von Fall zu Fall beurtheileu“. Der furchtbaren Progression des Selbstmordes liegt nicht die Lockerung der Religiosität zu Grunde, sondern die gesteigerte Schwierigkeit des Erwerbes, die Verschärfung und Vertiefung des Kam pfes ums Dasein. Der Selbstmord ist ein Parasit der Kultur und deshalb in erheblicher Zahl nur in solchen Gegenden möglich, welche in gewerblicher und anderer Hinsicht sehr entwickelt sind, welche mit einem Worte Kultur haben. Wenn deshalb Calabrien, Sicilieu, Irland und Andalusien so wenig Selbstmorde aufweisen, so ist neben dem katholischen Bekenntnisse dieser Gegenden die geringe Entwickelung dieser Länder in gewerblicher und industrieller Hinsicht als Hauptursache anzusehen, um von einer Reihe anderer Factoren hier zu schweigen. Hierin haben wir auch die Ursache dafür zu erblicken, dass das jüdische Element dem Selbstmord im Verhältniss stärker ausgesetzt ist, als die übrigen Theile des Volkes. Die ausserordentlichen Anstrengungen, welche die Bekenner des jüdischen Glaubens in Industrie, Gewerbe und Wissen machen, müssen bei ihnen auch am meisten die Gefahren hervorbringen, welche mit dieser AnundUe berspannung der psychischen und phy sisehen Kräfte stets verbunden sein werden Nicht ungestraft wandolt der menschliche Geist stets in den Laubgängen der Akademie, aber ebensowenig kann er sich ungefährdet stets in dem Zahlcomtoiv oder der Börsenhalle bewegen. Dem religiösen Factor können wir deshalb keinen nennenswerthen Einfluss auf die Verminderung des Selbstmordes beilegen, denn der Protestantismus nicht minder wie das Judenthnm verbieten ebenso wie die katholische Lehre ihren Gläubigen den eigenmächtigen und vorzeitigen Abschluss des Lebens auf das Strengste. Im letzten Theil seiner Arbeit sucht der Verfasser von seinem Standpunkte aus den Einfluss der Religion auf die Kindersterblichkeit festzustellen. Auch hier kommt er zu dem Resultat, dass bei der Grösse der Kindersterblichkeit, welche auch mit der Volkssittlichkeit im Zusammenhang stehe, derselbe gar nicht in Betracht komme. ״Es ist nicht unbekannt, dass die Sterblichkeit der Säuglinge, vollends in Deutschland, eine ausserordeutlieh grosse ist und dass der Procentsatz von Jahr zu Jahr wäohst, eine Erscheinung, die öconomisch und ethisch bedenklich ist. Während nun die katholischen Bevölkerungen am häufigsten ihre kleinen Kinder verlieren, sin kt die Zahl dieser, wie man wohl sagt, kleinen Sündopfer bei den Protestanten, und tief, sehr tief bei den Israeliten. Statistiker, welche im evangeliscli-protestantischen Sinne Interessenstatistik treiben, haben deshalb geglaubt, dass die Annahme der evangelischen Lehre ein wirksames Präventiv gegen die Mortalität sei, consequenter Weise hätten sie daun in der Annahme der jüdisohen Religion noch ein bedeutenderes Palliativ erblicken müssen, allein so weit haben sie ihre Consequenzen nicht erstreokt; anstatt aber in dieser metaphysischen Begründung die Erklärung dieser Erscheinung zu suchen, müssen wir mit etwas realeren Factoren rechnen. Zunächst ist es die Ausbildung des familienhaften Sinnes, welcher nach dem Ausspruche Riehls bei den Juden viel entwickelter ist. als bei den anderen Racen, welche bei dem Judenthume diese günstigere Gestaltung bewirkt; die Sorgfalt, welche das sicli Mutter fühlende Weib auf sich uud seinen Zustaad verwendet, ist bei den Juden eine grössere, als bei den Katholiken und Protestanten, uud dies hängt wieder zum Theil mit den öconomischen Verhältnissen zusammen, da die überwiegende Masse der früh verschwindenden Pfläuzchen den unteren und ärmeren Klassen angahört, uud in diesen kann das Weib nicht in dem Maasse von schwerer Arbeit vor der Geburt sich enthalten, wie es die Gesundheit des zukünftigen Sprösslings erfordert. “ So weit die treffliche Arbeit Fuld's. Doch nun auch noch ein Wort über die Zeit-; schrift, in welcher die Fuld’sche Arbeit sich findet, j Es ist dies das neueste Heft von Sachor Masochs ״Auf der Höhe“, eine Zeitschrift, die nioht nur, wie das bei Sachor Masoch nicht auders zu erwarten, trefflich redigirt wird, die sich weit über das Niveau des Alltäglichen erhebt uud in jeder Nummer eine , Fülle des Interessanten und Nützlichen enthält, sondern 1 die auch ein volles Anrecht darauf hat, in jüdischen Leserkreisen ganz besonders berücksichtigt und bevor- | zugt zu werden. Ich sehe dabei davon ab, dass S. M. wohl unstreitig der genaueste nichtjüdische Kenner; jüdischer Volksseele und ihrer Sonderthümlichkeiten J ist, der durch seine ״Judengeschichten“ uns zu unveri gänglichem Dank verpflichtet, sondern ich denke dabei

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