Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 24. (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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— 95 — Gelehrten gegen Angriffe grüner Skribenten, mögen sie nun lutherischen oder andern Bekenntnisses sein, sich annehmen und letztem an das talmudische Wort erinnern würde: ״In den Brunnen, aus dem du getrunken, wirf keinen Stein!“ Oder müssen nur die Jaden gegen Christen vorsichtig und bescheiden, diese aber gegen jene dürfen, wie Herr Techen eine unver—zeitliche Sprache führen? Die neu bearbeitete autorisirte englische Uebersetzung des Alten Testaments. (Schluss. 1 Es würde uns zu weit führen, wollten wir hier alle die Veränderungen und Correcturen erwähnen, die dabei vorgenommen worden sind. Einige jedoch dürften hier atn Platze sein. Erstlich wurden daselbst die bisherigen christlich gefärbten Uebersehritten über den Kapitein durchwegs weggelassen. Das bekannte נשקי בר (Ps. 2. 121 heisst nicht mehr: Kiss the Son, sondern: Kiss the son, wodurch die frühere directe Anspielung auf Jesus beseitigt worden ist. Eine andere bekannte Stelle 1) עד כי יביא שילה. B. M 49. 1()|, die bisher als sich auf Jesus beziehend angesehen wurde, ist jetzt von einer Randbemerkung begleitet, die vom jüd. Standpunkte aus betrachtet, nichts Anstössiges hat. Nicht minder bemerkenswert!! ist der Umstand, dass daselbst sechs hebr. Worte voll-tändig adoptirt wurden, die früher bestimmte Begriffe ausgedrückt haben. Diese sind: אשרה, נפילים, בוחנים, עזאזל שאול• אבדון.. Von besonderer Bedeutung sind namentlieh שאול und אבדון, die in ihrem jetzigen hebräischen Gewände weniger schreckenerregend sind, als zuvor, wo sie noch mit ״hell“ (Hölle) übersetzt waren, und unwillkürlich haarsträubende Scenen bei denen im Geiste wachriefen, die mit Dante’s Divina Commedia vertraut waren. Interessant ist auch in der jetzigen Uebersetzung die Auffassung des Wortes 4שאר in der Stelle □1 וישאלו ממצרי- B. M. 11. 2i, das nicht mehr .to borrow“ (borgen), sondern mit ״toask“ ( verlangen, fordern) übersetzt wird. Andere nennenswerthe Aenderungen sind z. B. die in Jesajah 40. 3, wo statt wie früher: קול קורא במדבר : פנו דרך ה־ ובי zu lesen war, die jetzige Uebersetzung den Text gelesen haben will: מדל קורא : במדבר פנו דרך -י'• Ebenso die stelle in Amos 5. 20 wird nicht mehr wie früher übersetzt: ״Und Ihr habt das Zelt Eures Moloch getragen,“ sondern: ״Wahrlich, Ihr habt Siccuth Euren König getragen.“ Dass letztere Uebersetzung der früheren bei Weitem vorzuziehen ist, wird Jeder einräumen müssen, der Hebräisch einigermassen versteht und das hebr. Original consultirt. Er wird es auch sicherlich äusserst komisch finden, zu sehen, wie die ersten Uebersetzer im fraglichen Satze das Wort סיבות mit סוכות und מלך mit מלך so mir nichts dir nichts verwechselt haben. Schade nur, dass die neue Ueber- Setzung dem im ״Hohen Liede“ und in den ״Sprüchen“ vorkommenden Wort תפוח seine bisherige Bedeutung: Apfel, Apfelbaum, ungeschmälert gelassen hat. Schon das Targum und Gesenius erklärten, dass unter jenem Worte eine gewisse Orangengattung und nicht ein Apfel zu verstehen sei, und augenscheinlich ist diese Erklärung ׳die richtigere von den zweien. Denn abgesehen davon, dass Apfelbäume von jeher sehr rar in Palästina waren, so sind auch dessen Früchte, falls sie jemals dort gedeihen, durchaus nicht derart, dass sie als Symbol der Lieblichkeit und Schönheit dienen könnten. Anders verhält es sich aber mit dem dortigen Orangenbaum, der, durchglüht und grossgezogen von einer syrischen Sonne, Schatten, Blüthen und Früchte in Fülle gewährt, und für ein schmachtendes Liebespaar, wie es im Hohen Liede geschildert wird, wie geschaffen zu sein scheint. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass in der jetzigen Uebersetzung die poetisohen Stücke der Bibel nicht wie früher, in Prosa-, sondern in Poesieform erscheinen, so dass der Parallelismus, der in jenen Dichtungen so vorherrschend ist, auch da zum Vorschein kommen kann. Dieser Umstand dürfte vielleicht einen englischen Kritiker, der jüngst die fragliche Uebersetzung besprach und dabei Gelegenheit hatte, die Schönheiten der Bibel zu bewundern, veranlasst haben, folgendes Urtheil darüber abzugeben: ״Es giebt, sagt er, keine Oomposition in irgend einer alten oder modernen Sprache — selbst die Shakespeare’schen Stücke, die griechischen Classiker und Milton’s und Dante’s Werke nicht ausgenommen — die an Macht und Schönheit jener gleichkäme, die wir oft in den Psalmen, den Propheten, der Schöpfungsgeschichte und dem Buche Hiob antreffen. Auch giebt es keine Samm- Jung gediegener, dem praktischen Leben entnommener Weisheitssprüche, deren Form so vollkommen ist, wie z. B. die in den ״Sprüchen“ und dem Buche ״Koheleth.“ Diese litterarischen Erzeugnisse müssen, selbst wenn sie von aller kirchlichen Färbung göttlicher Inspiration frei wären, durch die unvergleichliche Macht u. Fülle ihrer Gedanken, durch die vorzügliche Anmuth ihres Ausdrucks und durch ihre erhabene Auffassung der Freiheit eine unwiderstehliche Gewalt auf den menschliehen Geist ausüben. Es giebt keinen bedeutenden Dichter, Redner oder Litteraten im modernen Europa, der nicht aus dem Born der Bibel Weisheit und Belehrung geschöpft hätte. Dieselbe enthält mehr Belehrung, als alle Bibliotheken der Welt zu gewähren im Stande sind.“ Harrow College, Mai 1385. Dr. Chotzner. Litteraturbericht. Recensionen. Bacher, Prof. Dr. Wilhelm. Die Agada der Tannaiten. Erster Band von Hillel bis Akiba, von 30 v. bis 135 nach der g. Z. In meiner prodromistischen Notiz zu der in der Ueberschrift genannten Arbeit im Litbl. 1883 S. 175 ff hatte ich versprochen, nach Abschluss der vollständigen Arbeit, diese zu besprechen und diejenigen Punkte, in denen ich anderer Meinung als der Herr Verf. bin, auseinander zu setzen; um so bereitwilliger war ich auf den Wunsch des Herrn Herausgebers dieser Blätter, eingegangen, den ersten, Altmeister Zunz zum neunzigsten Geburtstage gewidmeten Band, mit dem die Arbeit einen vorläufigen Abschluss gefunden, für diese Blätter zu rezensiren, da mir dadurch die gewünschte Gelegenheit geboten, meine von den Auseinander- Setzungen des Herrn Verfassers abweichenden Bemerkungen einem weitern geneigten Leserkreise zur freundlichen Beurtheilnng vorzulegen. Bevor ich jedoch zu diesen Auseinandersetzungen übergehe, muss ich die Bemerkung vorausschicken, dass durch die nachstehende Darlegung meiner ab- | weichenden Ansichten der Werth und die Bedeutung der Schrift durchaus nicht verringert werden soll; sondern im Gegentheil. Weil ich diese Arbeit von vornherein, seit dem Beginne ihres Erscheinens in der Grätz’schen Monatsschrift (1882) für die Geschichte der Agada besonders werthvoll und für die Einsicht in das Wesen der Agada höchst wichtig gehalten, darum hatte ich sie von Anfang au mit besonderer Aufmerk-