Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 22. (29.5.1885)
- Date
- 1885-05-29
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-5990839-5991085--0669-5367998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
zuverlässige Chroniken, allgemein menschliche, erotische und national-jüdisch-pttriotUche Poesien, die sich selten durch Schönheiten ersten Banges, häufig durch Ueberschwenglichkeit, Rohheit, schlechten Geschmack und echt morgenländische Sinnlichkeit auszeichnen. “ Fürwahr, echt naturalistisch! Mit peinlicher Sorgfalt werden scheinbare Mängel und Schwächen hervorgesucht, in übertriebener Weise vergrössert und in den Vordergrund gestellt, mit fast ängstlicher Gewissenhattigkeit wird es vermieden, das Gold zu erwähnen und zu würdigen, welches in dem ״Buohe der Bücher“ verborgen liegt. Allein schon die That- Sache, dass die Bibel die Urquelle der Sittengesetze, das Fundament der moralischen Weltordnung durch Jahrtausende gewesen ist und voraussichtlich auch weiter bleiben wird, müsste genügen, um darüber etwaige Flecken vergessen zu machen, die ihre Beinheit. entstellen und ihren Glanz trüben. Statt dessen bemüht sich der Materialismus, der dem heiligen Buche gram ist, wegen seines Einflusses auf die Gemüther, es in den Augen ,der Menschheit herabzusetzen und in den Staub des Gewöhnlichen herniedei’zuziehen. Die Kraft■ jedoch, die in der Bibel selber liegt, wird aller dieser feindlichen Angriffe spotten und ihnen siegreich widerstehen. Wenn Nordau dann weiter, was den poetischen Werth der Bibel betrifft, sie hinter Allem zurücksetzt, was selbst Dichter zweiten Banges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen und sie mit den Leistungen eines Homer, Sophokles, Dante, Shakespeare oder Goethe erst gar nicht in Vergleich bringen will, so ist cs unserer Ansicht nach überhaupt abgeschmackt, solche Gegenüberstellungen zu machen. Die Bibel an sich erhebt zunächst auf poetischen Werth keinen Anspruch; ihre Bedeutung für die Menschheit liegt nicht darin, sie durch dichterische Gedanken und Formen zu ergötzen. Und dennoch, wer Sinn und Gefühl hat für das wahrhafte Wesen der Poesie, wer findet nicht einen geheimen Zauber in diesem bewundernswerthen Lapidarstyle, in dieser gewaltig-schönen Darstellung, welche Monumentalbauten gleich, aus Marmorblöcken aufgethürmt; wer wird nicht bestrickt durch sinnig-anmuthige Scenen, wie sie sich uns in der Brautwerbung Isaaks,, in der Geschichte Ruths darstellen; wer wird nicht hingerissen und begeistert durch die bald feurigen vulkanischleidenschaftlichen, bald herzbewegend-innigen Prophetenworte eines Jesaias! Freilich gehört dazu auch, woran es Nordau wohl gebricht, dass man die Bibel in der Ursprache kennen, dass man die tiefen, reizvollen Schönheiten des Hebräischen verstehen muss, um in diesem Buche nicht nur einen reichen Schatz der kostbarsten Begeln und Grundsätze fürs Leben, sondern auch eine unerschöpfliche Fundstätte poetischer Perlen und Edelsteine zn sehen. Nein, um die Bibel so zu beurtheilen, wie sie es in Wirklichkeit verdient, dazu gehört mehr als ein skeptischer Realismus; es gehört dazu eine genaue, gründliche Kenntniss derselben und ausserdem ein gemüthvoller Sinn, der sich den ewigen Wahrheiten und unvergänglichen Beizen in ihr nicht gewaltsam verschliesst. Daher werden die Worte eines Mannes, der diese Bedingungen in sich vereinigte, obwohl er vielleicht nicht weniger als Nordau ein Anhänger der neueren ungläubigen Richtung war, und die derselbe in einer Stunde der innem Einkehr niedergeschrieben hat, mehr Gewicht haben und einen nachhaltigeren Eindruck bei der Menschheit hinterlassen, als jenes Urtheil, mit welchem Nordau den Stab über der Bibel gebrochen hat. Heinrioh Heine sagt, dass er die Umwandlung, die (gegen Ende seines Lebens) in Bezug auf göttliche Dinge in seinem Geiste stattgefunden, der Leotüre eines Buches verdanke, und fährt dann weiterhin fort: ״Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brod, das uns nährt; ein Buch, dass so traulich, 80 segnend gütig uns anblickt, wie eine alte Grossmutter, die auch täglich iu dem Bache liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der Nase, und dieses Buch heist auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die heilige Schrift; wer seinen Gott vorloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.“ — Damit schliessen wir unsere Betrachtungen über die ״religiöse Lüge“, wie sie Nordau dargestellt hat. Sein Buch würde Anspruch besitzen auf grossem Werth und würde in den Kampf der Liohtfreunde gegen die dunkeln Schatten, die auf unserem Jahrhundert lagern, wirksamer und erfolgreicher eingreifen, wenn es die materialistische Tendenz nicht zu schroff herausgekehrtund sich von Uebertreibungen freigehalten hätte. Noch ist der Idealismus eine Macht, die in der Mehrzahl der Geister allen dialectischen Künsten und allen Sturmangriffen der Gegner Trotz bietet und, wie wir zum Sogen der Menschheit hoffen wollen, auch die Herrschaft behaupten wird. ״ , , , Dr. S. Scherbel. Die neuesten Ausgrabungen in Gosen etc. (Fortsetzung.) Nach Mernephtah und dem Auszuge treten innere Unruhen in Aegypten ein, Ramses IH. weiss sich zwar mit Glück gegen die Völkerschaften, welche das Nilthal von Westen, Osten und Norden her angreifen, zu vertheidigen, aber seine Truppen können Asien nicht halten. Seine schwachen Nachfolger sinken zu elenden Werkzeugen der Amonspriester herab, und als diese sich endlich des Thrones bemäohtigten, fehlt ihnen die Thatkraft, Aegyptens Maoht nach aussen hin zu bethätigen. Das 22. Herrscherhaus der Bubastiden, welches aus Libyen zu stammen scheint, nahm einen kräftigen Anlauf, uud sein erster König Sohesohonq, den die Bibel Sisaq nennt, unternahm im 5. Jahre des Rehabeain einen Beutezug nach Syrien. Dabei eroberte er Jerusalem ״und nahm die Schätze de3 Hauses Jehova’s und die Schätze des Königshauses, und alles nahm er, und nahm die goldenen Schilde, welche Salomo gemacht.“ 1. Kön. 14, 26. Das älteste Denkmal nach dem Ramses II, welches Naville fand, trägt den Namen dieses Scheschonq. Natürlich, denn erst unter ihm hatte Pithom-Theku-t wieder seine Bedeutung zu bewähren, das Heer zu verproviantiren und ihm den Rücken zu decken. Aus der 22. Dynastie stammt auch die Statue (Naophoru? von rothem Granit) des ’Auch renp nefer, welcher erster Stellvertreter (Lugar teniente) oder Wekil des Königs gewesen war und ausser anderen auch riohterliehen Aemtern, dem eines Statthalters des Gebietes nicht nur von Succoth, sondern auch der Landschaft An vorgestanden hatte, in der jenes lag und von der wir oben gehandelt haben. Die schwarze Granitstatue des 'Aak, welcher einen seltsamen priesterlichen Titel führt, bietet für unsere Frage einiges Interesse, weil der hohe Beamte, für den sie hergestellt ward, und welcher erster Prophet, d. h. Oberpriester des Gottes Tum von Thekji-t (Succoth 1 genannt wird, zu gleioher Zeit Gaufürst