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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-05-29 · N° 22. (29.5.1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 22. (29.5.1885)
Date
1885-05-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisehes Litteratur Jahrg. XIV. Blatt. Zar KrienchtHRg aller Jadeatham und Jaden betreffende■ Iltterarisefcen Gr- «ffceUaageu auf dem <; «bitte der Thilo- •opfcle» fleathlchte, Kthaographie, Theoloirle, OrlentaiU» Gxegeeef Homiletik» Mtarglk, PXdagogU. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Kahmer. 2c! 9f£ai- 1885. Bfirher •leretnaohUiriaen MM «r»t 11 r, welche der Bedarf Ion sagenandt werden« finde■ in 1)Je«em Blaffe eingehende Beeprerlmag. Rel Klnuendumj von awei UerenelonK- Kiemptaren erfolgt einmalige knrse BraUs-lnaertlO■. Daa ״Jfldiscb« LUteratar-Blfttt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark« Abonnenten der ^Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei »llen Postanstalten und Buchhandlungen 9 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt1־ gratis. — Inserate werden mit' tt Pf. tür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit M Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. MB* Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 X Rabatt. ־MS Inhalt: Wissenschattliche Aufsätze: Max Nordau’s: ״Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit.“ (Schluss.) — Die neuesten Ausgrabungen in Gosen etc. (Fortsetzung.) — Die neue englische Bibel. Litteratnrbericht•. Recensionen: Grün, Dr. Xathan. Der hohe Rabbi Löw und sein Sagenkreis. Notizen. Nachdruck nur mit -troller Quellenangabe gestattet. MaxNordau’s: ״Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit“. ״. ... ״ . (Schluss) Nordau steht nicht an, zu behaupten, dass dasHineinragen der alten, zum Theil noch urweltlichen Cultusformen in unsere Civilisation eine monströse That* sache und die Stellung, welche der Geistliche, dieses europäische Aequivalent des amerikanischen Medicinmannes und ostafrikanischen Fetischzauberers, unter uns einnimmt, ein so insolenter Triumph der Feigheit, Heuchelei und Geistesträgheit ist-, dass er allein genügen würde, um unsere Kultur als eine durch und durch verlogene, unsere staatlichen und gesellschaftliehen Lebensformen als schlechterdings unhaltbare zu charakterisiren. Der Werth dieser Worte ergiebt sich nach dem Vorausgeschickten wohl zur Genüge Was speciell die Liturgie der Juden*) betrifft, 80 beruht sie nach Nordau auf ״Vorstellungen und Gebräuchen, die in der ältesten Barbarei Asiens und Nordaf’rika’s ihren Ursprung haben. In ihren religiösen Handlungen uncl Gebeten, in ihren Festen und Opfern haben, ebenso wie in denen der Christen, der Sonnenkult der Arier, die Mystik des Buddhismus, der Isis- und Osiris-Dienst der Egypter ihren Niederschlag abgesetzt.“ Wir bemerken zunächst, dass auch die strengste historische Kritik, welche selbst die sinaitische Offenbarung als nicht thatsächlich betrachtet, für eine derartige Genesis der liturgischen Gebräuche in der Ausdehnung, wie sie Nordau anzunehmen scheint, keinerlei Anhaltspunkte liefert. Wenn Nordau, wie man vermuthen darf, vornehmlich den Opferkultus im Auge hatte, so ist dieser ja, abgesehen davon, dass ihm nur eine symbolische Bedeutung innewohnte, schon längst aus dem Gottesdienste verschwunden. Und *) Nordau ist, soviel wir wissen, selber Jude, (ln vor. N'o. bitten wir statt: dem Materialisten zu lesen: den, u. st. ahslrahirendeu z. 1. s u b strahirenden.) die Kniebeugungen, Handbewegungen, Ceremonien und Sprüche in der Andacht der Juden sind wohl nicht, wie Nordau meint, vor Jahrtausenden in der Stein- und Broncezeit, am Nil oder Ganges, von armselig unentwickelten Menschen erfunden worden, um den Vorstellungen des rohesten Heidenthums von dem WelturspruDg und der Weltregierung eine sinnliche Form zu geben, sondern sie sind der allgemein menschliche, von Baum und Zeit unabhängige Ausdruck der Gottesverehruug, die ja sicher nicht frei sind von der Unterlage sinnlicher Vorstellungen (was in der Natur des Menschen, in seiner Unfähigbeit, abstract zu denken, begründet ist), die aber nur insoweit Bedeutung haben, als sie die inneren Vorgänge des Beters wiederspiegeln und gleichsam in Rücl^■ Wirkung beitragen zur Vertiefung seiner andächtigen Gefühle und Empfindungen. Der Ausdruck einer ״unwürdigen Komödie“, wie ihn Nordau auf die Handlungen der Liturgie anwendet, ist daher als unberechtigt und unwahr zurückzuweisen. Wer trotz seines Atheismus aus irgend welchen äussern Gründen sich an den gottesdienstlichen Verrichtungen betheiligt, der treibt allerdings mit diesen eine ״unwürdige Komödie“, nimmermehr aber Derjenige, in dessen Augen sie geweiht sind durch die Bedeutung, die sie für seine überzeugungstreue GesinnuDg besitzen. — Schliesslich noch einige Bemerkungen zu dem Urtheile, welches Nordau über die Bibel abgiebt. ״Die geschichtliche Forschung“, sagt er, ״hat uns gelehrt, wie die Bibel entstanden ist; wir wissen, dass man mit diesem Namen eine Sammlung von Schriften bezeichnet, die an Ursprung, Charakter und Inhalt so verschieden sind, wie es nur etwa ein Buch sein könnte, das beispielsweise die Nibelungen, eine Civilprocessordnung, Mirabeau’s Reden, Heine’s Gedichte und einen Leitfaden der Zoologie, fortlaufend gedruckt, stückweise durcheinander gewürfelt und in einen Band vereinigt, enthalten würde.“ Wir gestehen, dass uns eine solch frivole Auffassung der Bibel noch nicht vor Augen gekommen ist. Sie zu widerlegen, werden uns die Kenner der Bibel wohl erlassen. Dass Nordau, allem Anschein nach, zu den letzteren nicht gehört und auch von historischer Bibelforschung nur dunkle Ahnungen besitzen dürfte (die geschichtliche Bibelkritik, auf welche er sich stützt, scheint doch etwas zweifelhafter Natur zu sein), geht auch aus dem Weitern hervor: ״Wir unterscheiden in diesem Wust altpalästinensischen Aberglauben, dunkle Anklänge an indische und persische Fabeln, missverstandene Nachahmungen egyptischer Lehren und Bräuche, ebenso trockene, wie geschichtlich un-

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