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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-05-21 · N° 21. (21.5.1885) · p. Seite 82

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 21. (21.5.1885)
Date
1885-05-21
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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— 82 — ein Factor, der, wenn dem Verstände nicht gleichberechtigt, so doch mit Ernst und Nachdruck Beräcksichtigung verlangt auf den Gebieten, die ihm gleichsam von Natur eigen sind, und dessen Stimme sich immer und immer wieder da besonders Geltung verschafft., wo der forschende und grübelnde Verstand zugeben muss, dass seinem Können Grenzen gesetzt sind. Freilich, wer sich so wie Nordau auf den Standpunkt des krassesten Materialismus stellt, wer so zu sagen einen Kultus des Verstandes treibt und neben der nüchteren, kalten Verstandesthätigkeit keinerlei Einspruch des Gemüthes zulassen will, der wird in solchen Hinweisen auf die berechtigten Forderungen des ״Herzens“ eine poetische Anmassung, eine sentimentale Phantasterei erblicken, und da müssen wir sagen, wer solches nicht in sich selber gefühlt, wer auf seinem Lebensgange nicht zu der Ueberzeugung hingedrängt worden ist, dass in der Seele des Menschen noch andere geistige Potenzen wohnen und arbeiten, als die rein reflectirenden und substrahirenden des Verstandes, der wird auch den Einfluss des Gemüthes bei denjenigen, die dessen Regungen voll und ganz empfinden, niemals begreifen. Wenn nun also Nordau auch meint, dass zwar für die Berechtigung des Gottes-, Seelen- und Unsterblichkeitsgedankens keine verstandesmässigen Beweise beigebracht werden können, der Glaube daran aber dennoch in tiefer, wahrer Ueberzeugung wurzeln kann, so versteht er die religiöse Lüge darunter, wenn Menschen, welche auf der Höhe der Cultur stehen, den positiven Religionen, ihren Glaubenssät.zen, ihren Einrichtungen, Festen, Ceremonien, Symbolen und Priestern Verehrung zollen. ״Diese Verehrung ist eine Lüge und Heuchelei selbst bei denen, die noch im Transscendentalismus befangen sind, wenn sie sonst den Anschauungen und der Bildung ihrer Zeit nicht völlig fremd gegenüberstehen; sie ist eine Lüge und Heuchelei, deren Ungeheuerlichkeit die Angesichter nur darum nicht mit beständiger Schamröthe bedeckt, weil man die meisten Dinge gedankenlos thut, ohne sich über ihre Bedeutung Rechenschaft abzulegen. Gewohnheitsmässig geht man in die Kirche, grüsst man den Priester, behandelt man die Bibel mit Ehrfurcht, mechanisch nimmt man eine Miene der Sammlung und Andacht an, wenn man an Cultushandlungen theilnimmt, und man vermeidet es, sich deutlich zu vergegenwärtigen, welchen schändlichen Verrath man mit diesen Acten an all seinen Ueberzeugungen, au seiner Erkenntniss, an all dem, was man als Wahrheit erfasst hat und festhält, begeht.“ Wir müssen diesem Urtheile in seiner allgemeinen Fassung auf das entschiedenste widersprechen. Wenn ein Alaun, der auf der Höhe der gegenwärtigen Bildüng steht und der materialistischen Strömung folgend, ein Gottesläugner geworden ist, wenn ein solcher trotzdem an den Cultushandlungen einer positiven Religion theilnimmt, dann stehen wir nicht an, ihn gleichfalls für einen Lügner und Heuchler zu erklären. Wenn es dagegeu derjenige thut, der eine moderne Bildung besitzt und sich dennoch weigert, in der jetzt beliebten Manier alles Transscendentale für ״Unsinn“ zu erklären, weil er sich durch die realistischeu Lehrmeinungen nicht befriedigt fühlt, weil er in seinem Gemüthe Bedürfnisse entdeckt hat, denen er durch die ״Anbetung der Materie“ nicht Genüge zu leisten vermag, dann bestreiten wir, ,dass er eine Unwahrheit begeht und einen Selbstbetrug ausiibt, wenn er sich au den Handlungen des Gottesdienstes betheiligt. Nordau hat ja, wie bemerkt, selber zugegeben, dass der Glauben an einen Gott in dem Menschen aufrichtig und wahr sein kann; wenn dieser Gläubige also, auf Grund seiner Ueberzeugung, den Gott anruft, von dem er Trost und Hilfe erhofft, \ wenn er in Gemeinschaft Gleichdenkender Gebete sagt, damit die Vorsehung ihm die Wünsche, die er ausspricht, erfüllen 8011, dann darf dies dooh nicht eine ״Lüge“ genannt werden, weil der Beter auf dem Niveau der heutigen Bildung steht. Wir sind, bei all den grossartigen Fortschritten und Erfolgen der Wissenschaft, mit unserer Weisheit noch lange nicht am Ende der Dinge angelangt; noch harrt so manches Räthsel in der Natur und so manches Problem in der geistigen Sphäre seiner Lösung, ohne dass wir bei der Schwäche und Beschränktheit der menschlichen Kraft und Fähigkeiten absehen können, ob sie überhaupt jemals endgültig werden entschleiert und geklärt werden; noch müssen die Wissenschaften vielfach mit Vermuthungen und Hypothesen rechnen, deren Realität auf sehr schwankendem Boden steht (wir erinnern nur an die Annähme eines Aethers für die Erklärung der Lichterscheinungen, für die Deutung astronomischer Phänomene u. s. w., obwohl ein solcher niemals gesehen oder nachgewiesen worden ist). Unser ganzes Wissen ist also vielfach noch mangelhaft und Stückwerk, und die exakte Methode hat gerade in geistigen Dingen, welche die Seele des Menschen aufs höchste bewegen, noch die allerwenigsten Resultate erzielt. Ist deshalb derjenige ein Lügner, der sich unbefriedigt von dem abwendend, was auf dem wissenschaftlichen Gebiete bisher erreicht worden ist, dem Drange in seinem Gemüthe nachgiebt und festhält an den Anschauungen, durch die er sich bisher gehoben und erbaut fühlte? Sind die positiven Religionen Lügen, weil sie mit ihrem Inhalte und ihren Formen diesem Bedürfnisse entgegenkommen und die gewünschte Er bauung und Erhebung darbieten wollen? Sind ihre Priester Lügner, weil sie aus den eigenen Empfindüngen heraus die Andern zur Andacht anregen wollen? (Schluss folgt.) Die neuesten Ausgrabungen in Gosen etc. (Fortsetzung.) Durch Naville ist also das im hebräischen Bibeltexte erwähnte Vorrathshaus von Pithom und die befestigte Stadt Pithom der Septuaginta wiedergefunden worden; aber eine vorsichtige Kritik kann doch die Frage nicht umgehen, ob denn die Denkmäler von Teil el-Maschüta nicht nach der Zeit entstanden sind, in dem man den Exodus verständiger■ weise setzen darf. Am besten mit dem biblischen Berichte würde es stimmen, wenn unter demselben Monumente aus der Zeit Ramses II Vorkommen würden, und solche sind denn auch in der That dort zu Tage gefordert worden, und zwar als die ältesten von allen. Kein früherer König, wohl aber eine Reihe von späteren Pharaonen, wird hier genannt und so darf man vermuthen, dass Pithom erst unter Ramses II, dem Pharao der Bedrückung, begründet worden sei. Es wäre ja möglich, dass Monumente älterer Herrscher hier {einmal gestanden hätten; aber wahrscheinlich ist es nicht, denn das Existiren eines Ortes an dieser Stätte setzt das Vorhandensein eines Süsswassercanals nothwendig voraus, und nach dem übereinstimmenden Zeugniss der Denkmäler und Classiker, welche unter den Thaten des Sesostris alles zusammenfassen, was von Seti I. und von seinem Sohne Ramses II. geleistet ward, ist der den Nil mit dem Rothen Meere verbindende Canal von Seti I. angelegt und dann wohl von seinem Sohne mit Hülfe der jüdischen Zwangarbeiter vollendet worden. Der Pharao, weloher die nach ihm benannte Ramsesstadt ausbaute, ist auch

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