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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-05-21 · N° 21. (21.5.1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 21. (21.5.1885)
Date
1885-05-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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—— Jüdisches Litteratur-Blatt. Zur SfleuehU«* * «ll«r Judeutfcum und Juden betreffenden lltterarischeii Ericheinaiigen auf dem (leblete der Philo- *ophie, (Jeschlcbte, EOiBOgraphl«, Theo• logt•, Orfentalla, Ezegceee, KomMetlk, Liturgik» PidafOgik. Herausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Rahmer. 214 91toi 1885. Bächer dereiuach)agigen liUteratur, welche der Kedaetloa augeuaudt werden, Anden In dleeem Blatte eingehende Besprechung. Bel Elmettdung von awel Heeenalon•• Exemplaren erfolgt einmalige kurxe (1 ratls-Insertion. Das ״JBdlsche Lltter*tur־Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buonhandlung'en (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei *llen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. - Inserate werden mit 85PI. für die gespaltene Petitzeile, Beilage•, mit 16 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden, mt* Buchhändler, welche direct oder durch Robert. Priese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25^ Rabatt. ־tUU In 11 alt: Wissenschaftliche A-ufsätze: Max Nordau’s.• ״Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit.“ — Die neuesten Ausgrabungen in Gosen etc. Litteraturbericht. Recensionen: Berliner, Dr. A., Targum Onkelos. (Schluss.) — Wolf G. Zur Geschichte der Juden in Böhmen. Prag 1885. — Salteld Dr. Siegm. Landesrabbiner Dr. Salomon Herxheimer. Ein Lebensbild. Frankturt a. M. bei Franz Benjamin, Auffarth, 1885. X o tiz._ Nachdruck nur mit ■voller Quellenangabe gestattet. Max Nordau’s: ״Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit“. Das gewaltige Aufsehen, welches dieses Werk in der gesammten litterarischen Welt erregt hat — sein Verbot in Oesterreich hat natürlich seinen Leserkreis nur noch erweitert — beruht weniger anf der Neuheit der in ihm entwickelten Meinungen und Sätze, denn diese sind schon vor Nordau in tieferer und umfas’enderer Weise von den Lehrern des MaterialLmus und den Verfechtern der socialen Umwälzung (Vogt, Büchner, Marx u. s. w.) auseinandergesetzt und formulirt worden, als auf der überraschenden Kühnheit und dem rücksichtslosen Freimuth, mit dem jene Lehren in Gegensatz gebracht werden zu den thatsächlichen Verhältnissen in Staat und Gesellschaft, und diese letzteien an der Hand der gegenwärtigen wissenschaftlichen Anschauungen einer ätzenden und zersetzenden Kritik unterworfen werden. Selbst derjenige, der nicht geneigt ist, dem Verfasser des Buches in all seinen extremen Schlüssen und Urtheilen zu folgen, wird nicht umhin können, die scharfe Dialektik und die zwingende Folgerichtigkeit iu seinen Ausführungen zu bewundern und wird zugeben müssen, dass ihm seine Aufgabe, die Lüge, wie sie sich in verschiedenartiger Gestalt und Verbreitung durch das moderne Leben hindurchzieht, von seinem Standpunkte aus in ihrer vollen Nacktheit hinzustellen und in ein helles Licht zu setzen, in manchen Punkten vortrefflich gelungen ist. Das hat jedoch nicht verhindert, dass Nordau in andern Dingen das Maass bei weitem überschritten und in dem Bestreben, Alles streng realistisch zu betrachten und zu beurtbeilen, sich zuweilen in Gedanken und Ausdruck über die Grenzen ruhiger, objectiver Aufiassung in bedauerlicher Weise hinausgewagt hat, >md welche Gefahr bei den sonstigen Vorzügen des Buches für schwache Geister darin liegt, brauchen wir wohl erst nicht hervorzuheben. Uns interessirt vornehmlich dasjenige, was er über die religiöse Lüge im Allgemeinen und speciell im Judenthum gesagt hat, und wir möchten die bezüglichen Ausfuhrungen hier kurz beleuchten. Nordau erkennt an, dass in dem Menschen das Bedürfniss vorhanden ist nach höheren geistigen Anregungen in der Misere des alltäglichen Lebens, nach einem Idealzustande in der unbeffiedigenden Unvollkommenheit der Welt, nach einem allzeit bereiten Tröste und einem mächtigen Sohutze in den Nöthen des Daseins, und dass dieses Bedürfniss nicht erheuchelt und nicht erlogen ist,!da es sich einerseits aus geschichtlichen und physiologischen, andererseits aus psychologischen Gründen erklären lässt. Dieses Bedürfniss findet nach Nordau im herkömmlichen Gottes-, Seelen- und Unsterblichkeitsglauben seine Befriedigung, und insofern ist das Festhalten an diesen transsoendentalen Grund- Vorstellungen höchstens eine ehrliche Sohwäche, eine Gewohnheit, die man nicht ablegen kann oder eine poetische Sentimentalität, die man pietätvoll uer rücksichtslosen Vernunftanalyse entzieht. Wir wollen mit Nordau über eine solche Begründuug und Charakterisirung des Glaubens an Gott, an eine Seele und an die Unsterblichheit derselben hier nicht rechten. Es würde uns zu weit füb.en, und wir wollen uns damit begnügen, dass er das Bedürfniss eines solchen Glaubens beim Menschen als vorhanden and diesen Glauben selber als aufrichtig und überzeugungsvoll annimmt. Nur auf einen Punkt möchten wir die Aufmerksamkeit noch hinlenken. Das ist die souveräne Verachtung und Geringschätzung, mit der man bei dem Materialisten auf alle Aeusserungen und Forderungen des Gemüthes im Menschen als auf etwas Untergeordnetes, Nebensächliches, Unbedeutendes hinsieht, worüber man achsolnzuckend hinweggehen kann. Allerdings ist es den Vorgängen in der Tiefe des Gemütaes oder, wie man volksthümlich sagt, des ״Herzens“, nicht eigen, dass sie immer streng nach den Regeln und Gesetzen vor sich gehen, wie sie bei jeder Thätigkeit des Ver- Standes, d. h. des verstandesmässigen Denkens als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Wir vermissen bei jenen Vorstellungen und Anschauungen gar oft die schulgemässe Logik, wir vermögen weder durch statistische Beweise, noch durch Experimente, noch durch Demonstrationen die Gründe anzugeben, weshalb unser Gemüth von ihnen erfüllt, weshalb wir von ihrer Wirklichkeit und Wesenheit durchdrungen sind, sie sind da und machen sich in uns geltend, oft in so unwiderstehlicherWeise, dass sie jeden Einwand der kühlen Ueberlegung und jeden exakten Prüfungsversuoh zurückdrängen und von sich weisen. Und das Gemüth ist in dem Seelenleben des Menschen

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