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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-05-14 · N° 20. (14.5.1885) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 20. (14.5.1885)
Date
1885-05-14
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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Richter die Wahrheit dieser Behauptung zu veranscliaulichen. mul sichtlich erfreu* •liu.'kte er uns dafür, dass wir ilm nunmehr für immer gegen absurde Vorurtlieilo gefeit hatten Doch abgesehen davon, dass jüdische Dorfbewohner durch Gebet, Lesen in der heiligen Schrift, Uebung religiöser Bräuche, Wallruug gewisser Erinnerungszeichen ihr Hans zum Tempel weihen und sich in ihrer Frömmigkeit befestigen, sowie ihre Kinder religiös erziehen und unterrichten können — möchten wir den Verf. fragen, ob er noch keinen der so häufigen Hilferufe su Gunsten der Christen in der Diaspora, Kufe übervoll von Jammer und Wehklage über die dortigen kirchlichen und schul •■rziehli üben N'othstände, jemals gelesen, und oh all jene Protestanten resp Katholiken, wegen solcher Xothstäude ihrem Glauben entsagen un i denjenigen der sie umgebenden Majorit.it annehmen sollen! Der Verf der ״Gedanken eines Juden‘• erinnert rii die aus religiösen Gründen bestehenden Schwierigkeiten, welch•■ diejenigen Juden zu überwinden haben, die sich dem Handwerke widmen, sowie an unerfreuliche Erfahrungen welch•• ,die Vereine zur Beförderung des Handwerks unter den Juden“ machen sollen. Hätte d>-r Verf. die jüngsten Berichte dieser Vereine in vei schiedeiieii Landern gelesen, er würde vielleicht anders urtheilen. Allerdings haben die Juden, die sich dein Handwerk widmen und streng front na leben wolle! . mehr zu ringen, als andersgläubige Berufsgeiins.,-11. Ahrr sollen di• Juden ihre religiöse lieberzeiignng aufgeben, weil -ie ihr Gpfer bringen müssen? Ist di•• religiös•• [Teb.TZeiigung denn keines Opfers werth? Ihr habt die .111 de 1111 <■it oft und lange zum Trödel gezwungen, /.um Hel i g i 011 sscha - eher sie zu zwingen ist euch nie gelungen und wird euch nie gelingen! Der Veit' nn-int, dass sich verhältnissmässig wenig Juden .!ei! höheren technischer. Fächern, ab Baukunde und Ingeiii• nnvesen, widmen, weil sie im Handwerk schwach vertreten seien So gering ist die Zahl der, jenen Fachern sich widmenden Juden nach stati'tischein Ausweis und nach unserer Erfahrung denn doch nicht Wir kennen u A. eine jüdisch•• Familie ans Tin,!■!!, der drei ausgezeichnete Techniker ang•■- hören: d. r Sohn des hiesigen Synagogenvorstehers zahlt zu den begabtesten Technikern. Wäre nun j.■ne Zahl noch beträchtlicher, wie witr 1p da allgemein auientirt, dass atieli die höheren technischen Fae|1׳׳r mit •luden tiherlüllt seien! Wir sagten: allgemein: denn einzelne sohdie Lamentos haben wo* selbst, schon Vernommen. Doch düilt•■!! und würden diese Kiagen di•• Juden nicht hindern, di•• höheren teehnischell Fächer zu wählen, wohl wissend, dass sie es gewissen Angehörigen der Religion der ,Liehe“, zu der sie der Verl', bekehren will, 11 i e recht machen, .welchen Beruf sie auch immer wählen Wie aus unserer hisheiigcn Weise der Besprechung der ״Gedanken“ ersieht lieh, sind wir der Meinung, ein Genre- .hild veranschauliche das Denken und Empfinden weiter Kreise oft besser als eine Historienm.iierei. Jenes Vc1־u11sclmulich1t11gsn:>t tels wollen wir uns — wie später noch häufig — auch jetzt bedienen, um zu zeigen, dass schon ein beniitleideiiswerther jüdischer St einkl Opfer hei Christen Neid erregen kann. Für die Wahrheit der folgenden Scene, die fast iniglaublieh scheinen dürfte, bürgen wir a tt s d r iie k I ich : In der Nahe voll Bromherg war vor einigen Jahren ein Jude, der' in Russland Ackerbau betiieh, aber ohne jeden weiteren Grund, als dass er eben Jude war, von Haus und Hof verjagt wurde, auf mehrere i Tage zum Steineklopfen aut der Chaussee angenommen. Seht, riefen mehrere der christlichen Mitarbeiter, die Juden wollen nun auch nr.s das Brod nehmen! Und der Aerraste wurde derart chikanirt, dass er schon nach einigen Stunden davongeheu musste. Jene Lameuto's also würden die Juden nicht abhalten, die höheren technischen Fächer zu ergreifen; aber — wie viele Juden erlangen denn eine entsprechende Anstellung im Staatsdienst oder in der Commune? Die Rücksicht auf den Salibatli, unter Umständen auch andere religiöse Bedenken, machen es, fährt der Verf. fort, einem Juden schwierig, Stellung als Dienstbote bei einer christlichen Herrschaft zu erhalten. Aber auch bei einer jüdischen Herrschaft? Wir kennen eiue stattliche Zahl Juden, bei denen jüdische Mädchen dieneu. Kurz, der Jude, welcher streng fromm leben will, muss fast überall Schwierigkeilen überwinden, aber er kann es fast immer, wenn er ernstlich will; der Jude iudess, welcher nur ebenso ,fromm“ leben will, wie im Allgemeinen christliche Dienstboten und andere Arbeiter, ja, Personen ,höherer“ Stände, hat sehr wenig, oft gar nicht mehr Schwierigkeiten zu überwinden, als die betreffenden ,frommen“ Christen — zumal da, wo nicht blos eine ,papierene* Gleichstellung der Juden, wie in manchem sogen, praktisch-christlichen Rechts- Staat, herrscht. Wir hörten an einem Buss- und Bettage den protestantischen Geistlichen einer grossem Stadt, der uns als bedeutender und freisinniger Redner gerühmt wurde, über die Art und Weise sprechen, wie Christliehe Dienstboten und andere, selbst• ,höhere“ Stände Sonn- und Festtage feiern; er berührte jene Mysterien der Städte, jene Vorgänge im Schosse der Familien, die namentlich schrillstellcrndcii Aerzten Stoff zu gewissen französischen Dramen geben könnten, liinimelschl'eieiide FlWe], begangen ,an den Tagen des Herrn, wie sonst“! Das Alles war. wie gesagt, nur allgedeutet, doch so. dass es nicht leicht missverstanden werden konnte und wir froh waren, ohne Begleit 1111g ein•■' Famüieninilglie les d••!• Predigt beizuwohiien. Mancherlei von dein Gehörten kannten wir längst; nimmt, doch Jeder, den sein Spazierweg hei ölleiit liehen Vergiiügungshmkali■ vorbeiführt, an Sonn- und christlichen Festtagen das dort übliche wiiste Treiben und L. innen unwillkürlich si.lbrt wahr Aber gar Vieles aus der Predig! schien uns übertrieben und wir spraeh.-n darüber mit. einigen befreundeten christlichen Aerzten. Sie lachten recht herzlich üb.•!•!111'ern ,naiven Zweit••!“ 111׳ l ergänzten di׳■ Predig! durch Mittle ihuig-n aus ihrem eigen.•!! Wirkungskreise, die uns 11•!.*11 nnglaui lieber vnrgeknmnieii warn, hätten wir s11 ••׳ i• 111. vmi so glaubwürdiger S.-ite vernommen Wir fragen nun. was religioiiswidri.ger ist: jene Sünden und Frevel, ausgeübt ,an den Tagen des Heim, wie -imst“ — oder die Entweihung des Sahbath-. Fest- und Speisegesetzes jüdisch•׳■rseits, 11m hermli׳ ln•!! Schwierigsten zu entgehen? t >, wir keimen die Schattenseiten unserer zeitgenössischen Jiidi-nheit leider nur zu genau, und werden im Verlauf unserer ,Beleuchtung־ nicht anstehen, dieselben heim rechten Namen zu nennen, bei so rechtem Namen, wie der la-rcits erwähnte ,löse Nachbar“ einer ist. In dieser Hinsicht werden wohl die heftigsten .Judenfeinde mit uns zufrieden sein. י •der auch nicht, denn — wir werden auch jene Schattenseiten auf ihren Ursprung zurüeklnhreii und mit den «•nt sprechenden der zeitgenössischen Christenheit vergleichen; wir werden dabei eingedenk bleiben des Talmuibpruchs: Das Siegel Gottes ist die Wahrheit — sowie des Dichterworts: Ein Blick in’s Buch und zwei in’s Leben! (Fort-ct/.nii‘׳

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