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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-05-07 · N° 19. (7.5.1885) · p. Seite 74

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 19. (7.5.1885)
Date
1885-05-07
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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— 74 — Das ist die erste Hälfte der Klarheitsstufe: die Analyse. — Nun kommt die Synthese: Der Lehrer giebt mit Nachdruck das Neue, dem Zögling noch Unbekannte. In der Stufe der Association wird das im vorliegenden Ziel Enthaltene mit anderweitig Bekanntem in Verbindung gebracht, um das Gemeinsame, die Regel, das Gesetz etc. zu abstrahiren. In der Stufe des Systems wird das abstrakte Element systematisch geordnet. In der Stufe der Methode werden die so gewonnenen und geordneten Abstraktionen zur An- Wendung gebracht. Wir müssen uns hier auf diese Skizze beschränken, da wir später (bei der methodischen Bearbeitung des Bibelunterrichts) ins Einzelne zu gehen beabsichtigen. Aber es kann hier das Talmudstudium auf den Jeschiboth als erklärendes Beispiel dienen. Da wurde vor Allem ein Ziel aufgestellt: die שטה oder סוגיא z. B. הואיל oder ■TY‘“C. Das Ziel zu erreichen, war vor allem Sache des ״Bochur’s“: er musste es ״leinen“, wie der technische Ausdruck lautete. Das war die Stufe der Analyse. — Nur wo der Schüler nicht weiter oder nicht tief genug eindringen konnte, gab der Lehrer das Neue (חדוש) hinzu — Synthese. Das Vorliegende wurde durch קושיות mit allem mögliehen sonst Bekanntem in Verbindung gebracht — Association. Aus dem so bearbeiteten Material wurde der פסק הלכה abstraliirt und geordnet: System. In אפפקתות oder fingirten שאלות wurde das systematische Material zur Anwendung gebracht: Methode. — Und in der That, erst seitdem das Talmudstudium von Polen aus und durch den Schulchan-Aruch diesen Lerngang genommen, datirte geschichtlich der ungeheure Aufschwung des Talmudstudiums im Judenthume. Das ganze litterarische Interesse war durch diese Lehrart des Talmud wie von eiuem Zauberbann umfangen; die ״Disputations - Methode“, der Pilpul, hatte ״Lernen“ als das höchste Ziel hingestellt, auf das man den höchsten Werth legte, das ein Uebergewicht über alles andere im Geiste behauptete, wo ein nie erschlaffendes Weiterstreben von einem Ziele zum andern trieb. Dem Jeschiba-Bachur wohnte ein sogar extravagantes weit er streben des Kraftbewusstsein inne: alles dies ein Beweis, wie sehr die Herbart-Ziller’sche Methode im Stande ist, die Misere unserer Religionsschule und den Indifferentismus des Judenthums von der Zukunft fern zu halten. Die in unserer Religionsschule herrschende Methode — wenn überhaupt da von Methode gesprochen werden kann — ist die vollständige Kehrseite der Herbart-Ziller’schen, wie wir das ein andermal zu erörtern Gelegenheit nehmen werden, und diese Kehrseite giebt uns den negativen Beweis für die Vortrefflichkeit der H.-Z.’schen Methode: Denn unsere Religionsschule hat den religiösen Indifferentismus in unserer Mitte e'rzeu'gt, wo er ihn vernichten sollte; die Religionsschule in ihrer jetzigen Organisation ist eine verkappte Bundesgenossin des Indifferentismus, sie ist seine .... Mutter! — Die neuesten Ausgrabungen in Gosen und die Historicität des Aufenthalts der Juden in Aegypten. (Fortsetzung.) ״Was uns betrifft, so scheint uns der blosse Umstand, dass eines der hochmüthigsten(?) Völker sich selbst nachsagte — ohne diese Thatsache je auch nur mit einem Worte zu bezweifeln — es habe Jahrhunderte lang in der Knechtschaft eines anderen Volkes gestanden, mit dem es noch bald in freundlicher, bald in feindlicher Berührung lebte, von vornherein jeden Zweifel an der Historicität des Aufenthalts der Juden in Aegypten aufzuheben. Auch die strengste Kritik muss bekennen, dass der Sinai als heiliger Berg und die Statte der Gesetzgebung schon sehr früh im Bewusstsein der in Palästina angesiedelten Hebräer lebt«, und wer will dem Volke Gottes einen glaubhafteren Weg zu diesem Berge anweisen, als denjenigen, welchen es nach den Mittheilungen im Exodus gezogen ist? Diese tragen doch den actuellen Verhältnissen im damaligen Aegypten so stark Rechnung, sind überall, so ganz angemessen den in Frage kommenden geographischen Bedingungen, dass sehr viel Leichtgläubigkeit und ein völliges Verkennen des schriftstellerischen Vermögens in jener Zeit dazu gehört, um diese angezweifelten Nachrichten für eine blosse Erfindüng späterer Literaten oder für die den realen Verhältnissen angepasste Aufzeichnung von Volkssagen zu halten. Vergegenwärtigt sich der Völkerpsycholog die Juden in denjenigen Tagen, in welchen die Exodus- Erzählungen entstanden oder aufgezeichnet worden sind, mit ihrem stolzen Gefühl der ״ Auserwähltheit,“ ihrer festen Ueberzeugung, das ״erste“ aller Völker zu sein, so wird er das Schicksal dessen, welcher es zuerst gewagt hätte, die Erzählung von der Knechtschaft der Israeliten zu erfinden, oder gar die eigene Erfindung einer solchen aufzuzeichnen und öffentlich mitzutheilen, sich nur als ein beklagenswerthes und mit Steinigung verbundenes vorzustellen vermögen. Diese Berichte konnten dem Volke nur erträglich erscheinen, nur von Geschlecht zu Geschlecht weiterverbreitet werden, wenn sie aut Thatsachen, welche nicht wegzuläugnen waren, beruhten. Der durchaus verkehrte kritische Grundsatz, eine ganze Gruppe von historischen Mittheilungen für bar jeder geschichtlichen Grundlage zu erklären, weil sie mit der Zeit legendarische Zuthaten in reicherer oder weniger reicher Fülle in sich aufnahm, hat Stade und seine Meinungsgenossen irregeführt. Die angedeuteten inneren Gründe hätten sie von der stricteu Negation solcher Thatsachen abhalten sollen, für deren Autheuticität doch auoh eine schöne Reihe von äusseren Gründen bekräftigend eintritt. Wir möchten hier auf ein Wort weisen, welches Leopold v. Ranke bei Gelegenheit der Würdigung einer arabischen Tradition im fünften Bande seiner Weltgeschichte ausspricht: ״Sollten wir auch hier nur einer Tradition folgen, so ist es doch schon von historischem Gewicht, dass sie sich bilden konnte “. Die Denkmäler hatten uus mit einem Volke bekannt gemacht, welches ’Aperu, ’Apuriu etc geschrieben wird und in dem Chabas zuerst die Hebräer wiedererkannt hat. Einige Papyrus erzählen von demselben, dass sie Zwangsarbeiten und besonders das ״Steine herbeiziehen“ für den Pharao zu besorgen hatten, und dies in jenem Tanis (hebr. Zo'an), welches die Stadt oder Stätte des Ramses - Miamun genannt wird, und in dem wir das als Schauplatz jüdischer Zwangsarbeit im Exodus erwähnte Ramses wiedererkennen zu dürfen meinen. Die lautlichen Schwierigkeiten, auf welche Stade hinwies, können keinen Kenner der ägyptischen und hebräischen Lautwerthe verhindern, die ’Apuriu für Hebräer zu halten, und der Umstand, dass einige Jahrzehnte nach der Zeit, in welcher wir vernünftigerweise den Exodus spätestens setzen dürfen, auch noch ’Apuriu in Aegypten Vorkommen, hat gleichfalls geringes Gewicht, denn man beseitigt kein Volk aus einem Lande, wie man

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