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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-04-30 · N° 18. (30.4.1885) · p. Seite 70

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 18. (30.4.1885)
Date
1885-04-30
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Herbart, begründet die Pädagogik auf Ethik und Psychologie. Die Ethik giebt das Ziel an, die Psychologie die Mittel der Erziehung. Als das Ziel der Ei ziehung bezeichnet Ziller auf Grundläge Herbarts: den sittlich-religiösen Willen, d. h. den Willen der Persönlichkeit, der sich der sittlich-religiösen Einsicht unterwirft. — Die Ziel enthält 3 Elemente: einen Willen, die Einsicht und die sittlich-religiöse Bescliaflenheit dieser Einsicht. Für unsern Zweck an dieser Stelle ist nur das erste Element,, der Wille, von Wichtigkeit. Erst | wenn wir zu allgemein pädagogischen Erwägungen! kommen, wei den wir auch die beiden andern in die j Besprechung ziehen. i Die Erziehung hat also , um ihres Zieles willen,; stets auf die Bildung eines Willens hinzuwirken. Die Erziehung durch den Unterricht, durch Bearbeitung des Gedankenniaterials, kann einen dem 1 Willen zunächst kommenden Geisteszustand in folgender Weise hervorbringen.! Zu den Eigenschaften des Willens gehören vier Elemente: ■ 1. ein Ziel; der W e r t. h . der aut das Ziel gelegt wird; j :!. ein Weiterstreben vom erlangten Theilj ziele aus; I. ein U e b e r g e w i e h t über die andern Geisteszustände. Jeder Unterricht muss so beschallen sein , dass er einen von diesen I Elementen erfüllten Geisteszustand veranlasst,, der durch längere Gewöhnung zu einem constanten Charakterzuge wird. Jeder Unterricht muss mit der Aufstellung eines Zieles für die Thätigkeit des Schülers, der bei Herbart-Ziller immer Zögling ist, beginnen. Der Schüler muss bestrebt sein, das Ziel selber zu erreichen, d. 11. alle in ihm zur Erreichung des Zieles geeigneten Gedankenmassen herbeizuschalien. So weit, wie der Schüler allein gehen kann, muss der Lehrer ihn allein gehen lassen, und nur die Strecke, die er ohne Hilfe des Lehrers nicht mehr weiter kann, muss der Lehrer ihn führen. — Durch die von Ziiler sn genannte D isp utati 011s - Methode kommt der Zögling zum Bewusstsein dessen, was er kann. Dazu ist aber unerlässlich, dass der Unterrieht stets an Erfahrung und Umgang des; Zöglings anknüpfe, so dass der Zögling auch! Werth auf Erreichung dos Zieles lege. Darum kein : logisch-systematisch tac 11 wissenschaftlicher Gang 1 des Unterlichts, sondern psycliologiseh-sehulwissenschaftlicher, der vou Dingen ausgeht, die dem Herzen und dem Geiste des Zöglings bekannt und lieb sind. : Di!■ Unterrichtsmethode darf kein Doeiren sein, das den Schüler zur Passivität vcrurtheilt, soui dein ein aktive- Lernen, auch nicht• die katechetisehe, die den Schüler mit verbundenen Augen gleichsam lülirt und mit dem Ziele überrascht, soudem der Zögling wisse, wohin es steuert und dass er iiaupl■ achhch zur Mitarbeit berufen sei. So gestaltet sieb das Lernen in ein ununterbrochenes Vor wä risst.rehen des Schülers, dem freilich ' eine entsprechende Kraft nicht als Basi• fehlen du!!. Kmiiich darf der Unterricht nicht, llüehtige, oberflächliche Eiudrüekc machen, sondern alle Ein- : drücke der Erfahrung und des Umgangs mit einem , IJe berge w iclitc sieh unterordnende und beherrsehende Darum nichts Vereinzeltes, sondern zum System, zur Gesumm tauscliauung sich erhebendes L e r 11 e 11. — ׳Schluss folgt.) Oie neuesten Ausgrabungen in Gosen und die Historicität des Aufenthalts der Juden in Aegypten. Der als ägvptologischer Roman schriftsteiler rühmlichst bekannte Georg E b er 3 bespricht in der Beilage zur ״Allgem.Ztg.“die reichen Ergebnisse der unter denÄuspicien des.,Egypt.Exploration Fund“,nachdemNildelta ausgesandten Expedition, welche der noch jugendliche Genfer Gelehrte E. Naville geleitet hat. Es war ihm die Aufgabe gestellt worden, in Gosen Ausgrabungen zu veranstalten und er hat dieselbe glänzend gelöst Freilich fühlen sich seine Auftraggeber kaum für dasjenige unter seinen Resultaten verpflichtet, welches wir besonders hoch stellen: wir meinen die Argumente, die er gegen die extreme Richtung der Bibelkritik, welche den Aufenthalt der Juden in Aegypten, den Exodus und die Gesetzgebung am Sinai, für späte Legenden erklärt und alles, was mit diesen Ereignissen zusammenhängt, aus dem Gebiete der Geschichte hinausweist,, ans Licht gezogen hat. Wenn diese Richtung auch in Deutschland viele Anhänger findet, so gilt dies keineswegs in gleichem Masse für England. Denn das Talent der Engländer, alles blindlings zu glauben, was die Bibel berichtet, ist heute noch sehr gross. Ein schottischer Matrose — diose Anekdote ist noch immer nicht veraltet — war viele Jahre lang auf See gewesen, mul wie er heimkehrte und sein Mütterlein ihn nach dem Wunderbarsten fragte, was ihm begegnet sei, gab er zur Antwort: ״fliegende Fische“. Das wollte die Alte nicht glauben, ja ihr bangte, ihr Sohn habe es unter den Blaujacken verlernt, die Wahrheit, zu ehren. Als der Seemann ihr aber dann auf die zweite Frage versetzte: ״Am Rothen Meere sah ich ein Rad, das wohl zu dem Wagen Uharao’s.. gehört bat,“ da wurde das Mütterchen warm und rief freudig bewegt: 0״ davon musst Du mir mehr erzählen!“ Dass Reliquien aus der Zeit des Exodus oder doch Spuren der Existenz der israelitischen Zwangarbeiter und ihrer Bedrücker, sowie andere ägyptische Denkmäler gefunden werden könnten, wird alles gewesen sein, was die Engländer von Naville’s Thätigkeit erwarteten. Diese hat nun allerdings eine sehr bedeutsame Reliquie, ja die einzige, zu Tage gefördert, welche man an der Stätte seiner Ausgrabungen zu finden erwarten durfte: abpr nicht als solche, sondem als Argument gegen die oben erwähnte extreme und negirende Kritik besitzt sie einen Werth, den auch wir als bedeutend anerkennen müssen. Seit den Epoche macheiulen Grafsehen, Wellhausen’schen und Kueiieii’sclien Arbeiten — schreibt Ebers — ilurchweht.eine gesunde Lebensluft die alttestameutarische Bibelförschuug in Deutschland und Holland. Man hat erkannt, dass die heiligen Schriften derselben historischen Kritik unterzogen werden dürfen und müssen, der die moderne Geschichtsforschung die Protanschriftstellci׳ unterwirft: denn es giebt nur eine Wahrheit und diese auf wissenschaftlichem Wege vom Irrthum zu sondern, ist wiederum der einzige Zweck und die einzige Aufgabe einer verniinftigen und gesunden Kritik. Alles, was sich für historisch giebt, gleichviel ob es den Anspruch auf Heiligkeit, erlicht o ler nicht, muss sich die gleiche kritische Würdigung gefallen lassen; nur dürfen solche Angaben, welche Jahrtausende lang für geweiht und unantastbar gegolten haben, verlangen, da-s die Kritik, bevor sie sie als unerweislich und falsch über Bord wirft, gerade ihnen gegenüber besondere, schon von der Pietät diotirte Vorsicht übe und keinen

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