Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 16. (16.4.1885)
- Date
- 1885-04-16
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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Wird niohts als die Bibel unterrichtet, 80 ▼ereinfacht sich das alles, und Vereinfachung ist schon Erleichterung. — § 19. Aber wenn die heilige Schrift als Quelle der Religion und Biblischen Geschichte dienen soll, wird man einwenden, dann muss ja doch die ganze heilige Schrift durchgenommen werden: ist das möglich? — In 5 Stunden wöchentlich f ü r einen Gegenstand ist ▼iel möglich. — Vor allem sollen Zahlen sprechen. 5 Stunden wöchentlich — ich nehme also nicht das Maximum an — macht nach Abrechnung von 10 Ferien-Wochen wenigstens 20 0 S runden jährlich. Bei 6 Schuljahren giebt das 12 00 Stunden. Unbedingt nöthig zur Bewältigung der Religion ist eigentlich nur der Pentateuch, und zur Biblischen Geschichte sind noch die Ersten Propheten nöthig. Pentateuch und Erste Propheten haben zusammen 10,150 Verse Es kommen also, wenn auch alles ohne Auswahl durchgenomraen wird, noch nicht 0 Verse, sage: neun Verse auf die Stunde. Bedenkt man, dass eine gründliche Kenntniss der hebräischen Sprache auf diesem Wege angestrebt werden kann; ferner dass auch vom Pentateuch und den Ersten Propheten nicht alles genommen werden muss — wobei ich freilich nicht an die Opfer-Gesetze denke, die ich zum Verständniss des jüdischen Alterthums für pädagogisch unbedingt nothwendig halte*) — so ist leicht einzusehen, dass unter günstigen Umständen noch Stücke aus den Propheten, Psalmen, Proverbien etc. werden hinzutreten können. — Dass unter besonders günstigen Umständen dies Ziel überschritten werden kann, sei hier belanglos, ebenso, dass unter ungünstigen Umständen das Ziel bei weitem nicht erreichbar ist § 20. Allein ich gehe weiter; ich behaupte: die Religionsschule braucht gar nicht einen so grossen Theil der heiligen Schrift durchzugehen, um Geschichte und Religion zu erschöpfen! — Ist denn bisher Bibi. Geschichte und Religion erschöpft worden? Keineswegs! Ein Schüler, der zu irgend einer Zeit die ganze Religion und bibl. Geschichte wenn auch nur oberflächlich inne hat, ist eine seltene Ausnähme — Mögen darum auoh einzelne Theile dieser Fächer fehlen: jedenfalls wird das, was aus dem hebr. Urtext der Quelle gesohöpft wird, nicht leicht ▼ersiegen. Und wenn die Kinder nur den Pentateuch durchnehmen, und dabei die Fähigkeit gewinnen, ein hebr. Schriftwerk mit Verständniss ohne übergrosse Mühe zu lesen, so ist das eine festere Grundlage für eine jüdische Erziehung, als alle Katechismen und Bibi. Geschichtsbücher der Welt. Es kann ein Mensch das ganze Religionsbuch und die ganze Biblische Geschichte im Kopfe haben, und das Judenthum, die Synagoge und was damit zusamnenhängt, kann ihm herzlich gleichgiltig sein; dagegen wer den Pentateuch gründlich gelesen hat und als Lektüre behandeln kann, der kann doch nicht ohne Interesse z. B. für Auslegung und Erklärung der tiidra sein. Ein solches Interesse kann nur bei specifisch jüdischem Wissen vorausgesetzt werden. § 21. Die Leistungen unserer Religions-Schule dürfen überhaupt nicht mit dem ״ Metermaasse“ gemessen werden. Wir dürfen dieselbe nicht als eine blosse Unterriohtsanstalt, sondern müssen sie, wie gesagt, als eine Erziehungsanstalt des Judenthums für das Judenthum betrachten. Die Religionsschule hat in unserer Zeit das Band zu knüpfen zwischen dem Judenthum und unsern Kindern. Nur nach der Festigkeit dieses Bandes sollten die *) Dazu genagt wahrlich das Vorleseu aus einer deutschen Uehersotzung. (Ued.) Leistungen der Religionsschule zu beurtheilen sein. Nur das, was dies Band zu stärken vermag, sollte gelehrt werden. — Namentlich müsste dies Band so stark werden, dass der Schüler auch nach dem Austritt aus der Religionsschule noch ein Streben habe, den begonnenen Wissensfaden weiter zu führen, seine Kenntniss des Judenthums und dessen Geschichte zu ergänzen. Ein solches Streben wäre mehr werth, als alles, was der Schüler gelernt hat und wäre ein solches Streben selbst auf Kosten des Wissens- Quantums zu erzielen, es wäre um diesen Preis nicht zu theuer erkauft. — Ein solches Streben hann aber, wenn überhaupt, nur durch einen gründlichen Bibelunterricbt erweckt werden. Ein einziges Buch Mose’s ist eia festeres Band des Judenthums als eine noch so gründliche Kenntniss des Kateohismus und der Geschichtedie ja aber auf bisherigem Wege auoh nicht geleistet wurde. — Also: Der einzige zweckentsprechende Haupt- Unterriohts-Gegenstand der jüd. Religionsschule ist: die heilige Schrift in der Ursprache. (Fortsetzung iolgt.) Litte rat u r be rieht. Recensionen. Die l.ösung der Paradiesfrage von Moritz Engel. Mit einer Karte. Leipzig, Otto Schulze 1885. Wir stehen aut einem Standpunkte in bibelexegetischen Fragen, welcher dem des Verfassers durchaus gegnerisch ist. Wir ▼ermögen in der Zersplitterung der Bibel in Jahwisten, Elohisten u. 8. f. nur geistreiche hie und da übelwollende Kritikasterei zu sehen und erkennen in dem Hin- und Herrathen über die Zeit, in welcher dieser und jener Vers geschrieben sein mag, — wobei alle möglichen und alle unmöglichen Zeiten an die Reihe kommen, nur nicht die Zeit Mosis, — mehr eine Uebung im Räthselrathen, als wissenschaftliches Streben. Trotzdem haben wir selten ein ▼on diesem gegnerischen Standpunkte aus geschriebenes Buch mit soloher Befriedigung, fast hätten wir gesagt, mit solcher Zustimmung zum Gang und zu den Resultaten der Untersuchung aus der Hand gelegt, als diese Losung der Paradiesfrage. Freilich schlägt dies Buch allem bisher als fest und sicher Geglaubten das Fundament durch und stürzt es zu Boden, allein nicht der Wortlaut der hl. Schrift, (selbst Conjekturen wagen sich nur selten und schüchtern vor) sondern allein das traditionelle Auffassen derselben wird bekämpft. Von dem neuen Lichte bestrahlt wird das Wort des Gottesbuches als lautere buchstäbliche Wahrheit kund. — Was Klügelei daran als falsoh und unrichtig gemeistert hat, wird als nicht ▼erstanden, als verkehrt erfasst gezeigt. So wird diese Schrift, ohne es zu beabsichtigen, zu einer glänzenden Rechtfertigung der pietätvollen, von heiliger Scheu erfüllten Bibelforschung, welche lieber ihr Unvermögen eingesteht, als dass sie am Gottesworte rüttelt und deutelt; — 80 verurtheilt sie wider Willen das kecke Umspringen, welchem das Bibelwort aus Wachs zu sein scheint, damit es sich formen und modeln lasse nach Gutdünken. In nächster Nähe l'alästina’s, im Ostjordanlande sucht Herr Engel das Paradies. Der in I B. M. 15,18 als Grenzfluss genannte Frat ist ihm nicht der Euphrat, sondern der Frat in der Dschuneh-Ebene, wo Neoho geschlagen wird (U Könige 23, 23)*), der Eleutheros *) Wohl an derselben Stelle, an der die Syrer Jonathans, de* M&ckabaeers, Heer überfallen wollten. I Macc. 12.