Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-04-03 · N° 14-15 (3.4.1885) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 14-15 (3.4.1885)
Date
1885-04-03
Page
Seite 58 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/6492408-5990839-5991077--0634-5367967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Anderseits ist es nicht zu verwundern, wenn dies• I Melodien sich nicht traditionell erhalten haben. Die! Kinder waren beim Absingen derselben Schon er- '■ nnidet: zu essen, zu trinken gab es nicht mehr, man beeilte sich und so behandelte man die letzten Lieder ganz stiefmütterlich. Um mein Urtheil über das vorliegende Opus schliesslich zu resnraireu, so sei anerkannt, dass die i selbstständig «omponirte Musik in ihm ganz gut gej setzt ist, nur der gegen die Antisemiten gerichtete ׳ Text kann meine pla< et nicht finden. Wozu sich die Fcsts'iinmung durch die Erinnerung an sie trüben? •לא *35”" •לא *פדך. Dem Unpraktischen, dass den Noten nicht d**r Originaltext der Hagadah beigegeben ist. konnte noch nachträglich abgeholfen werden; dann dürfte dein ganzen Werk«11e11. welches immerhin ein j litterarisclies Interesse*) zu erwecken angethau ist, wohl auch die verdiente Verbreitung finden, die wir ihm wünschen. Königsberg i. P., im Mouat Nissan. Ed. Birnba um. Uractz, Prot. Dr. II., Die jüdischen Proselyten im Kömerreiche unter den Kaisern Domitian, Nerva.; Trajan und Hadrian. Breslau issl. Gr. s". •".S S. 1 Wir haben eine hochbedeutsame Monographie des Meisters und .Musters aut!lern Gebiete der jüdischen j Geschichtsforschung vor uns. welche nach Form und : Inhalt iiusserst interessant, wohl verdient, in diesen Blattern des Nüh׳-rn gewürdigt zu werden. Den ersten äusseren Anlass zu seiner Publieation scheint . unserem allseitig y.-rehrten Yerf. Reuan’s iin Mai Iss:', . gehaltener Vortrag gegeben zu haben. Renan suchte j in einer glänzenden Vorlesung zu erhärten, dass der , Antisemitismus,* vom rein ethnographischen Standj.unkte aus betrachtet, auch nicht die leiseste Spur von Berechtigung habe :.denn in den Adern der sogen.■ j Semiten rolle in unverkennbarer Weise arisches Blut. Zwei Punkte in klares Licht zu setzen, hat Gntetz sich zur Aufgabe gemacht. Er verficht die, These. I. .,da** das Judenthum gerade im Unglück seiner Bekenner die Anziehungskraft auf römische Patricier in hohem Masse ausgeübt“ und ״dass die autoritative jüdische Behörde sich ernst lich gesetzgeberisch mit dem Zutritt der Heiden zur jüdischen Lebensgeineinschatt beschäftigt hat*. Auch wenn man sich der Einwirkung der hier einzeln mit grosser Meisterschall und mit wahrem Scharfsinne vorgeführten Argunietitc nicht überlässt, wird man bekennen müssen, dass das Judeutbuui oder doch der Monotheismus auf die ungehiuichelte Sympathie gerade der gebildetsten Kreise der .römischen, von griechisch-philosdphischem Skcpticismus und Krit.icismu» zersetzten Nobijität zu rechnen hatte. Wer sich -nur ein wenig aut die Pragmatik der Geschichte und auf die richtige Erfassung der socialen Verhältnisse tiud Culturzustande jener Z-ii versteht wird es herausfinden und herausfiihlen, dass die edelsten und geistig am Meisten durchgebildeten Gesellschaftskreise jener Tage in dem Monotheismus überhaupt nud in der Ethik des Judeiithuuis im Besonderen um so grössere Befriedigung fanden, je׳ weniger die entnervten Römlinge und Griechling• zu einer praktischen Bethätiguug der jüdischen Sitten- .lehren sich anfzuschwingeu vermochten. Die Welt war entgöttert. Die Göttergruppen, mit welchen der griechische Mythos die Berge und Thüler, die Hains und Wälder, die Ströme und Meere bevölkerte, hatten '׳ tlag.ebi's mit Musikn״ton exi-iiren: v1!״ Itittangej l*ill■. HtlViilia.li Köln I*•'**). Naumlooirg 1‘aril'S<> 11111 tnilier), Mar!■ arge iTrie-t ls'1t1 n 11׳ l •laplie t l'i.uiklun a M. I■*»*41). sich überlebt. Dia zahllosen GötUr und Göttinnen starben an der Ernüchterung der zn philosophischem Denken gereiften nnd an der Ueberladung der von den raffinirtesten sinnlichen Genüssen bi« zum Ekel vollgesogenen griechischen und römischen, vornehmen Massen. Kein Wunder, dass durch breite Schichten der Bevölkerung, die noch nicht moralisch angefault war, ein schwärmerisches Sehnen ging, dass man begeistert die religiösen und ethischen Grundprincipien des Judenthums, des Judencliristentlmms, des Monotheismus austaunte und sich in dieselben vertiefte. \ on diesem im Allgemeinen kaum anfechtbaren Argnnieute sieht Graetz hier ab. Er determinirt seine Aufgabe auf einen gauz kurzen Zeitraum, der kaum ein halbes Jahrhucdert umspannt, nud er geht daraut aus, naclizuweisen, dass römische Patricier zum Judenthnme, zu dem in ethischer Hinsicht den Heideu so ungemein rigoros erscheinenden Jndetithume sich hingezogen fühlten. Er erklärt diese Vorliebe für das posilive, praktische Judenthum aus Motiven eines gewissen politischen Idealismus. Der Heldenmut!! der Zeioten, die mit wahrer Todesverachtung der brutalen Macht der Cäsaren zn trotzen gewagt, die in gewissen! Sinne vom spccifisch römischen Standpunkte aus Mnth nnd Blut iür die Idee der repnblieanischen Freiheit eingesetzt, habe den Römern jener Tage ganz ungemein imponirt und sie mit bewundernder Hochachtung auf die das republieatiische Ideal gross ziehende Religion der Jndäer blicken lassen. Hierin findet G. ״wenn auch vielleicht nicht den einzigen, so doch den Hauptgrund für die überraschende Erscheinung des Massenübertrittes römischer Patricier zum Judcntlmm‘•. Wir-verkennen die Tragweite dieses Argumentes keinen Augenblick. Fraglich erscheint uns nur, ob die einzelnen Belege sich auch zur Geniige beweiskräftig zeigen. Da wird zunächst auf Tacitus, llistoriae IV. •"! verwiesen; allein von einer Hinneigung der römischen Patricier seiner Zeit verlautet leider Nichts. Er berichtet im Gegenthcile: Pessimus cpiiscjue, spretis religiunibus patriis, tributa et st.ipes illuc gerebaut. Der Yerf. urgirt, mit Recht, dass der Stockrömer Tacitus ein befangener und verdächtiger Zeuge ist: allein daun darf er liier überliaupt unseres Erachtens nicht, mitzählen. Wirksamer ist das Citat ־aus Josephus, eontra Apionem II, welches die direct.e Angabe enthält., dass nach jeder griechischen und barbarischen Stadt die Sitte der i Sahbathteier, gedrungen, wenn man nicht etwa geltend maelieu will, Josephus sei in bonnia partem befangen, das Uitat entstamme einer Tendenzscliritt apologetischen Inhaltes. Wir legen freilich a״t diese äusserliehe Einwenduug keinen Werth; allein von röniisch«n Proselyten nnd gar von Proselyten aus den Reihen der römischen Patricier spricht auch Josephus nicht. Als 'eminent classisches Zeuguiss nimmt unsere Schrift die Angabe aus Dio Cassius 07, 1 I in An- Spruch. Schon in seiner Geschichte stützt sich der Verf. mit aller Energie auf diese Stelle in Dio Cassius, um Flavius Clemens als jüdischen Proselyten zu reclamiren, während auch heute noch Forscher wie Carl Peter .und Friedländer in Flavius Clemens einen christlichen Proselyten erblicken. Gravireud ist es unstreitig, dass Dio Cassius ausdrücklich sagt: v.zl i/./.v. ei; ~i ■>>7 'Ivj5z:1i>7 7,1'ty, i'V/.i/.AtVTE; “t/./.V. ״dass Viele auf den Abweg der jüdisehen Sitten gerathen waren“. Indessen Ist doch wohl zu beachten dass der Gegensatz zwischen Juden und Judeuchristen ein fliessender war. G. schreibt' selbst pg. -Neue Anhänger hatten sich dem Judentlnun aus dem Htidenthum angesciilosseu, tlieils direct und theils iudirect durch das Medium des Christenthums. welches vermöge der apostolischen Ileideiibe-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.