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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-04-03 · N° 14-15 (3.4.1885) · p. Seite 56

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 14-15 (3.4.1885)
Date
1885-04-03
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
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folgen-chweren Thai bewusst. aber keine Klage, keine 1 Liebkosung bringt vieler warmes Leben in den Brn.ler Er flieht v«m dannen, er sucht den Unter*! gang, er stürzt sich vou hohen Felsen herab, — er * lebt, er sucht in den Wellen den Tod, aber die Wasser ' spülen ihn wieder an den Ufersand. Nagende Pein im llerzen erblickt er überall nichts als Blut. Eine Stimme Ton oben tragt nach dem Bruder. ״Ich bin nicht sein Hilter״, antwortet Kain ״Wehe, sein Blut *clireit zum Himmel em|>or. Du seist verflucht Du sollst nirgends Ruhe finden, herum irrend auf Erden soll das. wonach Du dein Leben lang gestrebt Dein Theii werden, .die Unsterblichkeit“, aber nicht ohne die tiebrechen dos Alters Vergebens wirst Du in heissen! Hebet den Tod erflehen; er wird erst danu Dich erlösen, wenn all die Fehl gesühnt ist, wenn Du geläutert, gebessert bist“. So sprach Gottes Stimme. . — Inzwischen sind die Eltern mit der Bestattung de» tollen Abel beschäftigt. Sie wehklagen um ihren Liebling und häufen Flüche auf das Haupt des M״rd*r- Kain ist heimlich herbei geschlichen, noch einmal die geliebte Schwester zu schauen. Die bleiche Adah tritt aus dev Höhle. Sie beschwört die Eltern mit ihren Verwünschungen inne zu halten, sie bittet **ott. Kain zu vergeben, sie bietet sich zum Sühneopfer an, und che die Eltern es verhindern, hat sie sich den scharten Stein in die Brust gestossen und 'inkt. entseelt neben AlieL Leichnam nieder. Kain bricht unter der Last der schwersten Schicksalsschlüge zusammen Als er sich ermannt hat, flieht •t in die Wüste und plötzlich steht Lilith vor ihn!, ein Kind ihin darbietend ..Dein und mein Sohn“, ruft sie ans, ״nimm ihn hin“. ..Angesichts dieses Kindes, spricht Kain, gelobe ich Dir, n Gott. Reue und Besserung. Ich will für meinen Knaben arbeiten, ihn erziehen in Deinem!)‘!••liste, auf dass er besser werde, als sein Vater. Aut. Lilith. folg.- tnir. wir suchen ein ander Land auf. ein neues Heim zu gründen״. Und so ziehen sie mi'einander in die Ferne. .)ahrhunderte sind vergangen. Die Engel des Lichts führen bei Gott Klage, dass die Menschen verderbt seien. dass da> Böse aut Erden herrsche, und dass Lilith mit den eigenen Kindern Buhlschaft treibe Damm wird von Gott der Untergang der Welt beschlossen. mir der fromme Noah mit seiner Familie soll gerett» t werden Kain lebt, noch immer, aber der viclhnmlei tjährige Mann ist gebrechlich mul s.-bwach geworden und Lilith. die ewig jugendliche, die ewig schöne, hat ihn langst verlassen. Auf seinen Enkel Henocli gestützt, sucht er die Heimat aut, um noch einmal die Stätte seiner Lust und seiner Oual /.u sehen. •Sie begegnen Lilith, die ihnen mit silberhellem Lachen entgegen kommt. ״Verbünde Dich, ־י Kain, mit den finstern Mächten“, spricht sie; ״die Hollo wird gegen das Licht kämpfen und gewiss, sie wird siegen״ .״Hinweg Versucherin, ruft Kain, ich bin mit meinem Gotte versöhnt.. ich bleibe ihm getreu bis ziitu Tode. Ich habe alle Geheimnisse, auch die Unsterblichkeit, erkannt und ich sehne mich dennoch im Ganzen, im All. von dem ich ein Theii bin, aufzugeheu“. -• Kain schreitet weiter. Er sieht ein mächtiges Schill auf dem Meere und weiterhin erkennt er die Hütte Noahs. Dorthin gehen die Beiden und da ׳machen sie Rast. Noah bittet die Fremden bei ihm zu!)leibet: und nicht zu deu Menschen jsnsaits dos Gebirges, die dem Tode verfallen sind, zuniokznkehren Doch Kain, der lebensmüde, lasst sich nicht zum Bleiben überreden. Und als er Noah und seiner F.amilie seinen Namen nannte, da wichen alle ' entsetzt vor dem Brudermörder zurück, nur Henoch klammerte sich an den Ahn. Kain gebietet ihm, bei Noah an bleiben, er selbst geht zurück. Mit dem letzten Rest von Kraft erklimmt er einen Felsen. Hier will er sterben, und er fleht Gott inbrünstig um Erlösung an; denn seine grause That ist durch seinen gottesfürebtigen Wandel längst gesühnt. Kain schläft ein und bei seinem Erwachen ist die Erde unter den Fluthen des Meeres fast ganz versunken. All seine Nachkommen sterben in den Wellen; er muss so viel Elend schauen, «nd er lebt noch immer. Und plötzlieh steht Lilith wieder vor ihm. .,Das Licht hat gesiegt, ruft sie ihm zu, Satanas und die Hölle sind von Gott bezwungen, aber einst wird der Tag der Rache auch für uns böse Geister kommen. Doeh komm mein Kain, sieh’ jenes Schiff auf den Wellen, lass uns die Flntlien durchschwimmen, dort finden wir Rettung“. Kain wies die schöne Buhlerin zurück, er hoffte hier oben endlich den Tod zu finden. Noch einmal lacht ihn Lilith verführerisch an, dann durchtheilen ihre Lilieuarme die Wellen, sie findet anf Noahs Arche Aufnahme, und so ist Lüge, Heuchelei und Sünde auch auf das neue Geschlecht, anf die liachsündfluthliche Welt, hinüber gekommen. Kain blieb aut seinem Felsen und bald gehen auch über dieseu die wogenden Wasser. Kain hat gesühnt, er ist mit seinem Gotte versöhut, wieder geeint. — Dies in Kürze die Inhaltsangabe unseres Epos. Der handelnde Held von selbstquälerischen Gedanken gepeinigt, mit seinem von Seelenkämpfen zerrisseneni Herz, fesselt unser Interesse von Anfang bis Ende, so dass wir gleichsam mit ihm athmen, mit ihm leiden. Kastropp rückt uns seinen Kain näher, als Byron, weil er ihm auch die menschlichen Gebrechen anheftet; er ist Einer wie wir, den wir bewundern und bemitleiden müssen. Er ist Mensch, nichts Höheres, hat dessen Vorzüge nud dessen Fehler. Wir folgen ihm durch die ganze Scala seines Denkens und Empfindens. Kastropp’s Kain ist um uns und in uns, er lebt, gleichsam sich immer regenerirond in unserer Mitte fort, während .uns Byron’s Kain, der sittlich und geistig auf einer viel höheren Stufe steht, Staunen und Achtung abzwingt. Hier der Deuker, dort der sinnende, sinnliche Mann Hier der rellectirende, über das Dasein, die Lehensrätbsel grübelnde und zweifelnde, dort der neben der Erkenntnis!!, nach Liebesgenuss verlangende, in Lust, anfgeheude, und dann sie sühnende Kain. Hier ein Sehnen, ein heisses Verlangen nach Lösung der tausend Zweifel, welche die Brust erfüllen, ein Büuduiss seihst mit dein Böseu um Unbekanntes, Unsterblichkeit zu schauen, ein Drang nach Wissen, der sogar die Liebe zu Adah zurücktreten lässt, dort wilde, leidenschaftliche Lust dominirend. vor dem Sehnen nach Erkenntnis״. Und während Kastropps Ivaiu handelnd eingreitt in die vor uns sich abspielenden Thatsachen, währeud er gegen die Elemente kämpft, während sein starker Geist sich uin Adahs willen sogar in Demuth vor Gott beugt, bewegt sich Byron’s Kain allein auf der Höhe des Denkens, das so ganz uud voll sein ganzes Seiu beherrscht, dass er garniclit physisch schaffend auftreten kann. Und wiederum ist es tief psychologisch, dass Byron seinen Kain zum Brudermörder werden lässt aus dem Gefühle der Unzufriedenheit heraus, des Missmuths gegen Gott•, der Abels- Opfer gnädig auf genommen . hat, während Kasiropps Kain aus sinnlicher Liebe zu Adah das Verbrechen begeht. Auch in seiner Brnst, wohnen zwei Seelen; die eine drängt nach oben, die andere wird zum Staube, zur medereu Lust herabgezogen. Beide Dichter haben den biblischen Vorwurf zu Kains Figur frei bearbeitet, obwohl sich Byron enger an die heilige Schritt, hält Die ■dichterische Gestaltungsgabe führt uns in dem einen Falle beide Brüder

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