Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 14-15 (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492408-5990839-5991077--0630-5367963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
es wird ans hygienischen, pädagogischen, socialen nnd sonstigen Gründen bereits sehruber Ueberbürdungdurch die weltlichen Schulen geklagt. — Ein Theil der von den weltlichen Schulen nicht occupirten Zeit nnd Lernthätigkeit wird nun von unserer Religionsschule in Anspruch genommen. Bis an einer gewissen Grense wird das Kind dies Opfer, wenn auch nicht gerade gerne, so «!»•eh auch nicht widerwillig bringen; über die-•* Givuze hinaus dagegen muss jedes Opfer an Zeit und Thätigkeit für die Religionsschule vom Schüh-r als ein Druck empfunden werden, als ein um s< * empfindlicherer Druck, weil das Kind selbst beim besten Willen nicht in der Lage ist. das Opfer bringen zu k״nnen. Das Kind ist ja nicht Herr seinerzeit, sondern die weltliche Schule . Die Legitimität der weltlichen Schule wird nicht angezweitelt; das praktische Leben, der Egoismus fordern diese Legitimität. Kür die weltliche Schule hat das Kind häusliche Arbeiten, die gemacht werden müssen: das irt unabänderliches Axom Sobald die Religionsschule von d.*r Zeit und Geistesfrische, die zu diesen häusliehen Arbeiten unerlässlich sind, etwas absorbirt, von dein Augenblick ist eunmöglich, dass der Schüler gegen den Unterricht derselben nicht Abneigung und Erbitterung empfinde. Es kann dies bis zu ein• in Murren gegen die Vorsehung sich steigern, die ihn als . . . Jude geboreu werden Hess — Pie Erfahrung bestätigt dies mehr als zur Genüge. Ks dürfte heute nur wenig Schüler unserer Religion«- schulen gehen, die nicht mit einem "7~'uC'>r כר*ך dieselbe verlassen, mit einem Gott sei Dank, dass sie uun auch, wie ihre nicht jüdischen Mitschüler der weit- ־liehen Schulen, ihren Sonntag und Mittwoch-Naehmittag haben. Da jeder Unterricht Zeitu!nl Leruthätigkeit absnrbirt. so stehen sich die beiden Seiten der Aufgabe unserer Religionsschule: jüdisches Wisseu und jiidische Gesinnung, von einer gewissen Grenze, ah, bindernd im Wege, so dass jede Vermehrung des erstem eine Verminderung 'des letztem nach sich ziehen muss. § '׳. Ist diese Grenze jetzt schon' erreicht? — Nach der Erfahrung, der Liebe der Schüler zur Religion.—chule und zum .Fudenthnme, zu urtheilen, wäre -ie längst überschritten. (;.•genwiii tig hat jedes Kind der Religionschule ■lurchnittlich ü Stunden wöchentlichen Unterricht. Kür Gymnasial- und Real-Schulen ist das •.in der That eii..• nicht zu überschreitende (.׳lenze Im Gegen- 'heile wäre es aus rein pädagogischen Gründen Lochst wünschenswert]!, wenn .'»Stunden das Maximum waren und I Stnudeu ausreichteu. § 7 Die Grenze wäre demnach nicht in dem M:<-<»> überschritte:'., dass die bei >'eii Schülern iierrsehende Abneigung gegen die Religionsschule daraus gerechtfertigt wäre. Andererseits aber ist die bisher übliche Durchschnittszahl der Unterrichtsstunden,nicht zu überschreiten. — . Hat aber die Ueligiousschule in der von ihr bisher occupirten Zeit ihre Aufgabe zu lösen vermocht? Man ist heute allgemein der Ansicht, dass sie ihre Aufgaben nicht gelöst hat. Der allgemeine religiöse In di ff erentismus wird als eine Folge der religiösen Ignoranz betrachtet.. Man schickt sich darum in den berufenen Kreisen dazu an, dieser Ignoranz afl den Leib zu gehen, um den Indifferentismus von der Zukunft abzuhalten. Die Religionsschule 8011 mehr jüdisches Wissen verbreiten; dann 11011t man, werde der Indiflereutismns von selbst aufhören. — . ־ Fasst man das nuu so auf:, die Religionsschule soll init einem .grossem Zeitaufwand mehr unterrichten, so ist einerseits die Forderang eines grossem Zeitaufwandes gar nicht erfüllbar, andererseits würde die Erfüllung dieser Forderang den Indiflerentismns mehr stärken als schwächen. — Es könnte nun aber auch so aufgefasst werden: die Religionssohnle soll in derselben Zeit, mehr leisten! — ’ Dass die Religionsschule in dem bisherigen Zeitanfwande mehr L isten kann, als sie geleistet hat, ist gar keine Frage. Man mag nnserer Religionsschule noch so viel Gutes ttachsagen; aber dass sie auf dem Gipfel der Vollkommenheit steht, wird ihr kein Mensch nachrühraen. — Die Frage ist aber die: Ist die Religionsschule bei dem bisherigen Zeitaufwande im Stande ein solches Mass von Mehrleistung zu ergeben, dass es im Kampfe gegen den Inditferentismus gewichtig in die Waagschale fiele? — Ich bin der Ansicht: diese Frage ist entschieden zu verneinen! Die Religionsschule kann nacn dem bisherigen System mehr leisten, aber nicht um so viel mehr, dass es in Hinsicht auf den InditTerentismus nennenswert!! wäre. — § 8. Denn: was hat die Religionsschule neleistet? — Um es kurz zu sagen: wenig mehr, als eia Biseben Hebräisch-Lesen, ״dawenen“ oder ״oren“ Das ist das Einzige, was die Kinder aus der Religionsschule fiir’s Leben wirklich initnehraen; alles andere überdauert nur wenige Monate den Austritt aus der Religionsschule. Um den Indifferentismus des Lebens zu vernichten, müsste aber die Religionsschule Leistnngen ergeben, die iuä Leben kräftig hineinreichten. Es müsste also vor allem erst der bisherige Umfang des Unterrichts dauernder und tiefer begründet werden, ehe an eine Er weiteru 11 g des Unterrichts zu denken wäre. In der Schule fürs Leben! Was der Vergessenheit anheimfällt, ist für den Kampf gegen den IndiÖerentismas bedeutungslos. Kanu mm die Rdigionsschule den Kindern, in nicht mehr als <» Stunden wöchcntlieh für jedes Kind, so viel Wissen vermitteln, dass dies nach dem Austritt aus der Religionsschule noch über die mächtigen Eindrücke des geschäftlichen und i socialen Lebens ein Uebergewicht behaupte? — Ich ' sage: Nein! Meine Gründe sind folgende. § ft. Die Religionsschule hat höchstens ö Unterr i e h t. s s t u 11 d e 11 1 pro Kind) und wenigstens .'» Haupt-!׳ nterrichts - Fächer. Diese sind : aj Religion, Biblische Geschichte; bi Hebräisch-Lesen, Gebete-Ueherset־zen, Bibel- I!1ebersetzen. Die Nebenfächer, wie Grammatik, Geographie Palästina’s u. dgl., die ja auch Zeit absorhiren, seien j ubergangeil. — Was kann nuu in ״/•, Stunden wöchentlich in einem : Gegenstände geleistet werden? —■ Nehmen wir selbst ■ für hebräisch Lesen, das sehr viel Zeit erfordert, weil j es eine mechanische Uebung ist, und das Tempo unserer Gebete in der Synagoge ein Prestissimo ist I — nehmen wir nur eine Stunde wöchentlich für ' hebräische Leseübungen — diesen eigentlichen Haupt- 1 gegenständ der Religionsschule: denn ■was ist ein j Kind, das nicht ״dawenen“ oder ״orenu kann? — so | bleiben * 4 Stunden für jedes der I andern Fächer. Und selbst wenn .man bei Mädchen noch Bibel-lieber- 1 setzen wegrechnet, bleiben höchstens י/י Stunden liir I jedes der ■'! andern Fächer: tcann in dieser Zeit! Dauerndes, Tief begründetes geleistet werden? Öfteu- | bar ist das unmöglich! Dabei haben wir hier das \ höchste Unterrichts-Zeitmaass'und. die geringste An- I zahl Lehrfächer genommen, während in Wirklichkeit : das Verhältnis gerade umgekehrt, ist. —