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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-03-05 · N° 10. (5.3.1885) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 10. (5.3.1885)
Date
1885-03-05
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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— 38 der Sultan ernannte ihn zum Herzog von Naxos und den umliegenden Cycladen. Ein jüdischer Herzog in Griechenland, während in Spanien die Scheiterhaufen rauchten und in England der Jude nur dem Namen nach bekannt war! Don Joseph hatte von jeher ein Herz für seine Glaubensgenossen gehabt, ihm selbst hatten die christlichen Potentaten Leiden und Gefahren in Fülle bescheert: was Wunder, wenn er jetzt auf der Höhe der Macht seinem Rachedurste über Gebühr die Zügel schiessen Hess? Seine erste That galt der französischen Krone. Er hatte aus der Zeit seines Sclieinchristenthums bei dem Könige von Frankreich eine grosse Summe zu fordern, der allerchristliche König aber fand es von einem Juden äusserst anmassend, auf seinen Schein zu bestehen, und die Mahnungen wurden mit geziemender Ver- Achtung überhört. Da sandte. Joseph mit Erlaubniss des Sultans Kaperschiffe aus, die ihre Beutezüge bis nach Algier ausdehnten, und in kurzem war die Schuld durch französische Kauffahrer beglichen. Auf diese Gewalttaten folgten von Seite Frankreichs erst diplomatische Proteste, dann Drohungen und endlich Palastintrigueii; aber Sultan und Herzog Hessen sich dadurch nicht in ihrer Freundschaft stören. Leider Hess es Don Joseph nicht bei dieser Rache bewenden. Weit mehr als Frankreich hatte ihn die Republik Venedig beleidigt. Als sich seine Schwiegermutter von Antwerpen nach der Lagunenstadt begeben hatte, war ihre jüngere Schwester, wohl durch einen christlichen Rathgeber verführt, so leichtsinnig gewesen, die judaisirenden Neigungen der ganzen Familie zu verrathen, so dass der venetianische Rath gern die Gelegenheit benutzte, das Vermögen der reichen Frau mit Beschlag zu belegen, sie selbst aber in Gewahrsam zu bringen. Jetzt erinnerte sich Don Joseph der erlittenen Unbiil, und es galt nun, der stolzen Republik einen empfindlichen Streich zu versetzen. Der jüdische Herzog kannte keine Schonung in seinem Rachedurst. Der Sultan war von seinem Günstlinge öfter mit cyprischen Weinen beschenkt worden, und als er bei einer solchen Gelegenheit des Lobes kein Ende wusste für das edle Getränk, gab ihm der Herzog zu verstehen, dass es doch Schade sei, eine Insel, die solche Frucht hervorbringe, in ungläubigen Händen zu lassen. Das war für Selim der triftigste Grund, den Frieden mit den Venetianern zu brechen, und nun begann trotz der Abneigung der anderen türkischen Rathgeber jener perfide grausame Krieg mit Venedig, welcher in der ganzen europäischen Christenheit die tiefste Empörung hervorrief. Es war aber nicht allein Rachedurst, was Joseph verleitete, den Sultan zum Kriege gegen Venedig aufzustacheln, in seinem masslosen Ehrgeiz sah er bereits eine Künigskrone auf seinem Haupte, und in der That berichten zuverlässige Quellen, dass ihm der Sultan bei einem günstigen Ausgange des Krieges das Königreich Cypern versprochen hatte, und im Hause des Herzogs prangte eine Fahne mit der Inschrift: Joseph, König von Cypern. Noch zögerte Selim, die Belagerung Cyperns zu beginnen, als die Nachricht einlief, dass das Arsenal von Venedig durch eine Pulverexplosion in die Luft geflogen sei. Diese Gelegenheit wurde von Joseph benützt, den Sultan zu einem Ent- Schlüsse zu drängen. Die türkische Flotte begann den Angrilf, es fielen die Hauptorte Nikosia und Famagasta, und es ist bekannt, in welch unmenschlicher Weise Mustapha gegen die Besiegten verfuhr. Die Venetianer, wie nicht minder ganz Europa, wussten, wem sie den furchtbaren Schlag zu verdanken hatten, und die Republik suchte sich eine schwache Genugthuung zu verschaffen, indem sie über ihre jüdischen Uuterthanen das Schicksal verh&ngte, von welchem im ״ Jud’ von Venedig“ seitsamerweise die jüdischen Einwohner Cyperns betroffen werden: im December des Jahres 1571 wurde die Vertreibung der Juden als der Mitverschworenen Josephs vom venetianischen Bathe beschlossen. Dies die wahre Geschichte von dem reichen, ehrgeizigen, machiavallistischen Erzfeind der Christen, der die Türken zum Kriege gegen Malta, Cypern und v eneuig gehetzt. Als aber Marlowc seinen ״Juden von Malta“ schrieb, hatten 20 Jahre die für jene Zei! sehr beträchtliche Entternuug und die Phantasie de! Engländers den historischen Kern mit einem dichten Gewebe von Sage und Dichtung bekleidet. Doch hie und da verräth uns eine lockere Stelle die ursprüngliehe Gestalt, und wir hoffen, auch den Leser angeregt zu haben, das Urbild mit der Dichtung zu vergleichen.*) Ein geographisches Utopien. Der sei. Rapoport versucht in seinem vortrefflichen Buche Erech Millin S 28, Artikel אזכרות שבבעל die im Midrasch zuWajchi befindliche Stelle ברכות שמים מעל זו אזכרות שבבעל zu erklären; indem er in die Fusstapfen älterer Commentatoren tritt, die es für einen geographischen Namen annahmen. Zur Begriindung seiner Ansicht, dass ein Ort אזכרות BJscarioth“ in Palästina sich befindet, weist er auf Judas, einer der Jünger Jesu, hin, dessen Ephiteton Ischarioth wahrscheinlich von dem Namen seines Geburtsortes herrühre. Das Wort שבבצל aber sei ein Corruptel von der Hand eines Copisten. — Diese Hypothese ist auch in mehrere andere Litteraturwerke übergegangen, ohne das man das Bedenken erhob, dass ein Ort ähnlichen Namens sich garuicht finde; auch ist die Anwendung des Bibelverses nicht verständlich. Die oben erwähnte Midraschstelle giebt aber einen ganz andern Sinn, als man ihr octroyiren wollte. Bekanntlich werden im Talmud zwei Feldergattungen unterschieden: בית הבעל eine ebene Grundfläche oder Niederung, wo gewöhnlich sich das Regenwasser ansammelt, das genügend zum Gedeihen der dort vegetirenden Pflanzen ist und eine künstliche Bewässerung ent• behrlich macht; daun: ביתהשלחין einen schrägen oder wellenförmigen Boden, von dem der Regen herunterschlüpft, weshalb zum Befördern der Saaten, die der Dürre ausgesetzt sind, in künstlich gegrabenen Rinnen und Schleussen Wasser zugeführt werden muss. — Der Regen ist es aber nicht allein — nach den Talmu■ disten — der die Pflanzen und Saaten mit Wasserfeuchtigkeit versieht; vielmehr ist es die mit Wasser* dampf geschwängerte Erde*) אץ י לך טפח מלמעלה שאין תהום יוצא לקראתו ג׳ טפחים וכר (Taanith25 b.). Dasvc'j den Wolken kommende befeuchtende Wasser nennen si זכרות und das von der Erde נקבות. (Bar. Rab. c. 13.) So schildert es auch der Paitan, R. Elieser Hakalir, in seinem Piut zum Gesckem-Gebet: ממעל להרביע וכרות רבע מים, ועל מתחת פרית נקבות מים.' Die obenerwähnte Midraschstelle lautet voll ständig: (ibid. c.!)8),ברכות שמים מעל זו אזכרות שבבעל ברכות תהום רובצת תחת וו בית שאן בבית השריו; da! augenfällig eorrurapirte letzte Wort ist in זשלחין emendiren. — Jetzt ist die siunesgemässe Midrascherklärung des Bibelverses sehr einleuchtend. — In einem Lande, wie Palästina, wo das Wasser ״der Segen des *) Der Verfasser hat die Absicht, das Thema in einerj Monographie erschöpfend zu holiaiuleln. — (Man lese über 130111 Joseph Nass! in Gnitz, Geschichte der Juden Hand IX das ן 11. Capitol. Red.) I '**) Eine Theorie, diu der bekannte Geologe G. 11.0. Volgorj in seinen Schriften als ״neu“ entwickelt.

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