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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-03-05 · N° 10. (5.3.1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 10. (5.3.1885)
Date
1885-03-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 1«. Jüdisches Jahrg. XIV. Litteratur-Blatt. Zur Helemhtuntc aller Judenthum und Jaden betreffenden HUererUf.ltei. Kr• teheiaangen auf dem Gebiete der Philo• taphie, Genrhirhte. Ethnographie, Theologie, Orientalint Kxegeae, Homiletik. Mturgik, Pidagogik. Herausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Ilahmer. §)K.a^ da-iniz^., 5. 1885 Kartier der e(n«rl1fü!(itf*״ i.ftteratar.nclrhe der Kedartlon xugenAmit werden, linden ln dienern Hlatle elngutiende Benprecliant;. Kel Klnnendunn ron nwei Uerenslons* Kxeaiplareu erfolgt einmalige kurne llratln-lnnertlon. Das ״JBdlsclie Litteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 26 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Mt־ Buchhändler, welche direct oder durch Robert. Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten '■2b % Rabatt. 91־ Inhalt: 1 "VV is&ensch ältliche Aufsatze: Der Jude von Venedig.! Eine liteiaiische Studie. Von Leon Kellner. (,Schluss). — | Ein gtogisphisehes Utopien. Von Salomon Spinner. j Litteratnrbericht. Recensionen: Mandelkern, Dr. S, 1 Hebräische Gedichte. — Bericht über die am 17. Decimber I 1ÖÖ4 vom academischen Verein ״Kadimah“ veranstaltete Makkabäer-Feier. N otizen. Nachdruck nur mit ־voller Quellenangabe gestattet. Der Jude von Venedig. Eine literarische Studie. Von Leon Kellner. (Schlug«.! Noch allgemeiner und von ausgesprochen principieller Bedeutung ist das Motiv in dem ״Jud’ von Venedig“, wo auch der Schauplatz der Handlung wie der Name des Helden eine merkwürdige Variante bieten, während der sonstige Verlauf den genannten beiden Stücken nachgebildet zu sein scheint. Wir befinden uns im ersten Acte in dem ״Königreich“ Cypern. Der Prinz drängt seinen Vater, die Juden von der Insel zu vertreiben, indem er die landläufigen Gründe anführt und hinzufügt: ״Man weiss, was sie neulich zu Malta vorgenommen haben. Sie dürften wohl dermaleinst dieses ganze Königreich den Türken verrathen.“ Der König sieht keine Veranlassung, dem Sohne seinen Wunsch zu verweigern, die Juden werden von der Insel vertrieben. Unter diesen fasst Barrabas einen tödtlichen Hass gegen den Urheber der Judenverfolgung, und als der Prinz sich nach Venedig einschifit, um der Ancilletta (der Portia Shakspere’s! seine Huldigung darzubringen, schleicht sich der Jude als Soldat verkleidet auf das Sohifi, 1 um in Venedig als Jude Joseph wieder aufzutauchen und die Rolle des Shakspere’schen Shylock zu übernehmen. Fragen wir nach der Analyse dieser Stücke, welches die Quelle war für den hasserfüllten rachsüchtigen Juden, so bleibt uns die sonst so gründlich unterrichtete allwissende Shakspere-Forschung die Antwort schuldig. Die alte Geschichte von dem Pfund Fieisch, welche zuerst die ״Gesta Romanorum“, dann die Novellensammlung 11״ Peoorone“ berichtet, kann unmöglich von Marlowe benützt worden sein. Woraus hat nun aber dieser Dichter, wo hat der Verfasser des ״Jud’ von Venedig“ geschöpft V Die Gelehrten haben vergebens nach einer alten Novelle gesucht, welche für diese Stücke den Stoff" geliefert haben könnte, und es ist auch vergebliche Mühe, die Quelle für den Juden des altenglischen Drama’s schwarz auf weiss finden zu wollen. Der merkwürdige Jude, gleichviel ob von Malta, Cypern oder Venedig ist weder ausschliesslich das Product der dichterischen Phantasie, noch ist er einem älteren Sujet entlehnt: der Jude des Elisabethanischen Drama’s findet sein Urbild in einer historischen Persönlichkeit von Fleisch und Blut, die zu jener Zeit in der ganzen Christenheit als der leibhaftige Erzfeind aller Gläubigen gehasst und gefürchtet war, und wir werden sehen, dass Marlowe nicht Unrecht hatte, ihn im Bunde mit den Türken auf Malta darzustellen, dass aber auch das englisch-deutsche Drama eben denselben Juden mit Recht nach Cypern und Venedig versetzt. Es ist bekannt, dass die Türken in den sturmvollen Zeiten des 16. Jahrhunderts für die europäischen Höfe ein Gegenstand fortwährenden Schreckens waren, und das Schicksal wollte es, dass ein portugissischer Jude und ehemaliger Scheinchrist der allmächtige Günstling des allmächtigen Sultans wurde. Don Josepho Nassi, früher Joao Miquez, hatte unter ungeheuren Schwierigkeiten und Gefahren sich und seine Schwiegermutter, eine labelhatt reiche und durch Seelenadel ausgezeichnete Frau, aus den mordgierigen Händen der Inquisition, sein Vermögen vor der Habsucht der weltlichen Herrscher gerettet, und hatte sich, ein Rothschild seiner Zeit, um die Mitte des Jahrhunderts dauernd in Konstantinopel niedergelassen. Hatten ihm schon sein im Umgänge mit den Grossen der europäischen Höfe erworbenes weitmännisches Wesen und seine ungeheuren Geldmittel einen grossen Einfluss in der türkischen Hauptstadt gesichert, so verstand er es ausserdem, durch geschickte Benützung der Umstände sich für immer die Gunst des Padischah zu erwerben. Als der altgewordene Soiiman schwankte, welchen seiner beiden Söhne er zum Thronerben und Nachfolger bestimmen sollte, und die Höflinge in feig berechnender Vorsicht den friedliebenden Selim vernachlässigten, um es uicht mit dem kriegerischen Bajazet zu verderben, war Don Joseph kühn genug, dem verlassenen Selim bei seinem Vater eifrig das Wort zu reden, so dass er von dem Sultan würdig befunden wurde, dem Kronprinzen die Botschaft von der Liebe seines Vaters nebst einem königlichen Geschenke zu überbringen. Das war der erste Schritt in der glänzenden Laufbahn Don Josephs. Trotz aller Intrigueu von Seiten der Christlichen wurde er vom Sultan mit Ehren überhäuft, sein Einfluss wuchs von Tag zu Tag, und als der Kronprinz als Selim II. den Thron seines Vaters bestieg, wurde Joseph mit einer Würde ausgezeichnet, die er wohl selbst nicht erwartet hatte:

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