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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-02-19 · N° 8. (19.2.1885) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 8. (19.2.1885)
Date
1885-02-19
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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um am Abend seines fleissigen, thatenfrohen und thatenreichen Lebens hören zu müssen: Es hat dir Alles nicht geholfen, du glaubst ein deutscher Dichter zu sein, und bist und bleibst in unseren Augen doch nur der geistreich-anempfindende, die Mängel seiner Abstammung klüglich verdeckende, im tiefsten Grunde des Fuhlens und Denkens von uns durch eine unausfüllbare Kluft getrennte — Jude. Das klingt sehr hart und — was schlimmer: sehr ungerecht, aber Hand auf’s Herz! — musste er nicht so empfinden? Wer es leugnen will, der lese die Referate gewisser Blätter über seine ״Briefe“, ob aus denselben nicht immer wieder herausklingt und als Caeterum censeo übrig bleibt: er war ja doch nur ein Jude. Ein Vo r u r t h ei 1 ist vorhanden, wenn man selbst bei denjenigen Juden, welche mit ״Eifer und Erfolg liberale Wissenschaften und Künste treiben , den Verdacht nicht los werden kann: sie stacken denn doch, genau besehen, in dem alten schmutzigen Banausenthum und treiben Kunst und W issenschaft im letzten Grunde nur um des Geldgewinnstes willen“. Dieses Vorurtheil ist vorhanden: Darum existiren ״alle jene Herrlichkeiten, welche, da sie zu den Voraus- Setzungen des modernen Staates gehören, man uns hat zukommen lassen (oder lassen müssen): Anerkennung unserer Religion, Verleihung der gleichen bürgerlichen Staatsrechte, das Connubium in Form der Civilehe u. s. w. wohl de jure auf dem Papier im vollsten Umfang, aber nicht ebenso de facto, in der Wirklichkeit des Lebens;“ darum wird ein hochcivilisirtes, nach vielen Millionen zählendes Volk von seinen Denkern aufgefordert, die nationalen Güter vor dem Andrängen von ein paar hunderttausend Menschen zu bewahren. — Sp. hat wohl nicht ganz Recht, wenn er in diesem Vorurtheil allein den Grund für die ״Bewegung“ erblickt; vielmehr sind — wie genugsam dargethan — seine Verbündeten der Neid, die Bosheit, die Suche nach einem Sündenbock auf dem Gebiete der Politik. Deshalb erschwert mau jeden Gegenbeweis und tritt ihm selbst mit Misstrauen gegenüber, deshalb kann sich der Jude der Schuld nicht entziehen, die ihm zugemuthet wird, weil er in einen Strom hineingeboren ist, der ״mit Zähigkeit an einer Religion festhält, die er mit der Rasse identificirte“. Wird aber im Hinblick auf die Religion und lediglich der Abstammung wegen kein Gegenbeweis anerkannt, so hört (wie Sp. richtig ausführt), wenn — abgesehen von der Religion, die von der j peinlichen Frage ausgeschieden werden soll, — nur das Moment der Rasse festgehalten wird, erst recht jede Möglichkeit der Verständigung mit dem Gegner auf. ״ Blut ist eben ein besonderer und Rasseblut ein ganz besonderer Saft. Man kann zwar Hammelblut in Menschenadern transfundieren; aber — es lässt sich das nicht mehr in Worte fassen, man muss es fühlen. Fühlen, dass ein jüdischer Justizminister (trotzdem die Religion von der Frage ein für allemal durchaus auszuscheiden) eine Absurdität, ein jüdischer General eine Lächerlichkeit ist. und so mit Grazie in infinitum.“ Und in dieser Lage der Dinge — sohliesst Sp. seinen Essay — während die Denker der Nation eine sich in hochgradiger Frivolität und krassem Materialismus äussernde Vergiftung des Volksgemüthes constatirten, dabei lauter oder leiser von den unausrottbaren Nücken und Tücken des Judenthums murmelnd, und der Pöbel in seinem doch wohlbekannten Mangel an schulgerechter Logik sich daraus die unvermeidlichen, von dem Verstand jedes Verständigen voraussehbaren Schlüsse zog und das Hep- Hep-Geschrei der dreissiger Jahre für die Bedürfnisse unserer Tage variirte, sass der Dichter der ״Dorfgeschichten“ unter der Linde zu Oannstadt, bewegten Herzens sein reiches Leben recapitulirend, vorwärts, rückwärts denkend. Denkend, dass der Baum seines | Lebens, wie hoch er auch gewachsen, wie weit er j seine Zweige gestreckt und wie viel Tausende und:' Abertausende in dem Schatten derselben gesessen und geruht und sich erlabt — die tiefsten Wurzeln der Liebe, aus denen er seine beste, erquicklichste Kraft sog, doch in dem warmen Nährboden der Familie habe — seiner jüdischen Familie, da oben in dem stillen, weltverschollenen Schwarzwalddorf. Wohl mochte da dem Sinnenden sein Dasein als ein Wunder erscheinen! Und es wäre ja eines, wenn seine Gegner recht hätten: ein Dichter, der aus dem Herzen eines Volkes sich in das Herz eines Volkes gesungen, — das nicht sein Volk ist, das von seinem Volke durch eine unübersteigbare Schranke geschieden ist! Aber es giebt keine Wunder. Die Schranke ist nicht unübersteigbar. Berthold Auerbach hat sie überstiegen; ״hat durch sein Dasein und Wirken bewiesen, dass man als Jude geboren werden kann und doch keinen Blutstropfen in den Adern zu haben braucht, der nicht durchglüht wäre von heiliger Liebe zu seinem deutschen Volke und seines Volkes Macht und Herrlichkeit; A. hat bewiesen, dass man ein Jude und ein deutscher Dichter sein kann, dessen Namen man nennen wird, so man die besten Namen nennt. Was aber Einer kann, das können — jeder nach Massgabe seiner Kraft und in seiner Weise — auch Andere, das können Viele, das werden schliesslich alle können.“ Dr. S. Friedmann. Litteraturberieht. Recensionen. Gedanken einer Mutter über biblische Texte. In Reden an ihre Kinder. Aus dem zu London 1859 erschienenen englischen Originale in’s Deutsche übertragen und herausgegeben von Leopold Stein- Zweite vermehrte Auflage. Frankfurt a. M. Franz Benjamin Auffahrt. 1885. 190 S. 8. Wozu kommen die Frauen zur öffentlichen V01 lesung der Thora? 80 fragen unsere Weisen und gebe die Antwort: Damit sie sich befähigen, ihre Kind an den Quell der Gotteslehre zu führen und für •j׳

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