Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 8. (19.2.1885)
- Date
- 1885-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492408-5990839-5991070--0599-5367934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
—A Jüdisches Litteratur Jahrg. Xl\ Blatt. Znr HelenrlitHnfr «Her •)»«lenthum v%<! Jaden betreffende» litteraiieetien Kr• eelheiaangen euf dem (•ebtete der Philo• iiophie, aenrhlrhte, Kthnegraphie* Theo• löffle, Orlenteli«, Kxegeee, Homiletik, Mtnrjrikf Pid«*o*ik. Iler ausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Rahnier. 0Ra<j9e&ut<j, 1c) Jef'tuai 1885. HifherderelaerhliKiiten I.Uteratnr,nei<be der Kedertlon eugenend( werden, Anden In dienern Hielte eingehende Heeprerhunr. Hel Klneendnng von awel Kerenvlon»• Kxempleren erfolgt einntellge knrxe GretU-lnatrtloB. Das ״JBdische Litteratnr-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ \die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 24 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit M Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. DHE* Buchhändler, welche direct oder durch Robert. Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten £5 X Rabatt. 9־H Inhalt: Wissenschal tliche Aufsätze: Altred Meissner und Friedrich Spielhagen. (Schluss). Litteraturbericht. Recensionen: Gedanken einer Mutter über biblische Texte. — Mission des Juifs. Par l'Auteur de la Mission des Souverains. Paris, bei Calinann Levy 1084. 947 S. 4. (Fortsetzung). Notizen. — Inserate. Nachdruck nur mit Greller Quellenangabe gestattet. Alfred Meissner und Friedrich Spielhagen. Zur ״Judenfrage‘׳. (Schluss.) Betreffs der Stellung, welche Auerbach in der ״Judenfrage“ einnahm, findet sich Sp. mit keiner der ihm vorgekommenen Auffassungen der Sache in völliger Ueberein Stimmung. Vorerst meint er, man dürfe Auerbaoh nicht als Märtyrer glorificiren, da manche bis zur Verzweiflung bittere Aeusserung desselben von dem kranken und nicht von dem gesunden A. geschrieben worden und deshalb einfach von der Rechnung zu streichen sei. Aber gerade das eigene Wort Auerb’s., welches Sp. zur Begründung und zum Beweise anführt, das Wort, welches jener gelegentlich des Todes von Gervinus braucht: ״Das erträgt man bei gesundem Leibe, aber nicht, wenn man krank ist und damiederliegt“ — das dürfte eher die Annahme beweisen, dass die Hitze des Kampfes gegen die Juden seinen Tod, wenn nicht herbeigeführt, so doch beschleunigt hat. Doch wir wollen hierüber nicht streng rechten, zumal er ganz richtig denen gegenüber, welche Auerb’s. ״nervöse Verletzbarkeit und Empfindlichkeit“ tadeln, — gewiss nicht ohne Ironie — die Frage entgegenhält: ״Aber kann ein Jude — und wäre es ein Auerbach in seinen besten und gesündesten Stunden — an die ״Frage“ mit der kühlen Objektivität herantreten, wie etwa ein deutscher Gelehrter?“ — ״Bei Cannstadt — erzählt Sp. — hinter dem Kurhause hatte man, ohne dass er davon wusste zu *einen Ehren eine Linde gepflanzt in einem Wäldchen, er vordem oft und gern war. Bei einem späteren gelegentlichen Aufenthalt (1877) besuchte er den Platz irl Begleitung zweier Verwandten, die — es war gewÄe der jüdische Versöhnungstag — von Stuttgart z« ihm gekommen waren. Er schreibt: ״Wir gingen den Berg hinan und fanden bald die wunderbar prächtig, symmetrisch gebaute Linde, von Ruhebänken umgeben (der Stamm mit Draht umhegt und auf einer Tafel daran steht: ״Auerbach’s Linde“). Ja, sagen lässt sich’s nicht, wie das Herz bewegt ist, wenn das Auge solches sieht. Wir sassen eine Weile dort oben, daun ging ich mit unseren Geschwistern zur Synagoge und heim. Wenn ich zurückdenke und wenn ich vorwärts denke, das Dasein wird mir zu einem Wunder. An diesem Abend war ich von Kindheit an so mächtig ergriffen vom Gedanken über Leben und Tod, Sünde und Reinheit, ich stand neben meinem Vater, der sein Todtenhemd über den Kleidern trug, in der' Synagoge, alle verheiratheten Männer trugen das Leicbengewand und mir war immer so tief bang. Und wenn ich vorwärts denke; ich werde todt sein, und der Baum da oben wird in der heimischen Erde grünen und dem stillen Wanderer meinen Namen künden“. .. Warum ich diese Stelle ausgeschrieben? Nur um den vorurtbeilsfreien Leser zu bitten, sich die Gedanken eines Mannes noch weiter auszuspinnen, zu lesen, was unsichtbar zwischen den Zeilen steht: die Geschichte seines Lebens, wie sie in dieser Stunde an seinem geistigen Auge vorübergehen mochte: seine — des bäuerischen Judenkindes — armselige Jugend inmitten der braven strenggläubigen Verwandten; und wie er sich aus der Beschränktheit des socialen und geistigen Kreises, in welchem er durch die Geburt, durch die zäheste Tradition, durch das ehrwürdigste Beispiel, durch die Starrheit der von aussen her gezogenen Schranken ein für allemal gebannt schien, mit heisem Bemühen heraus- und eraporgerungen zur Religion des reinen Menschenthums, deren praktische Bethätigung er doch wieder nur in der heissen Liebe zu dem Volke fand. Zu seinem Volke, dem deutschen Volke, dessen Wesen in seinen Höhen und Tiefen er zu begreifen uud im verklärenden Spiegel der Dichtung ihm zurückzugeben suchte: zur Freude und Erbauung, aber auch zu ernster Mahnung des Strebens nach immer höheren Zielen. Und der das Höchste nun erreicht zu haben und, wie er sein Volk geliebt, auch fest in der Liebe seines Volkes zu stehen schien,