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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-02-05 · N° 6. (5.2.1885) · p. Seite 22

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 6. (5.2.1885)
Date
1885-02-05
Page
Seite 22 (sequence 4)
Language
German
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— 22 — und jetzt bist du der beste Lehrer. Frag* deine Kinder aus, sieh ihre Schreibhefte an und geh weiter. Macht euch eure Methode mit einander und es geht alles gut. Alle abstrakte Methodik ist nichts anderes, als systemwüthige Spiegelfechterei; das Beste, was ein Lehrer in seiner Schule leistet, kommt aus ihm persönlich, aus dem reinen Naturtriebe.“*) Nur ein solcher Lehrer wird für den Ort, an welchem er wirkt, der Schöpfer einer Bildung und Gesittung, die der Abglanz seiner eigenen Individualität ist. Einen Lehrer dieser Art hat Auerbach, der nie bei der abstrakten Theorie verharrte, sondern das stets in reiches, volles Leben umschuf, was er lebhaft dachte oder fühlte, in Deeger leibhaftig vorgeführt, der von sich behaupten k:?nnte: ״Ich bin der Grossvater der hiesigen Dorfbildung.“ Innig hängt damit zusammen die Transferiruug der Lehrer. Und auch da hat Auerbach einen glückliohen Gedanken geoffenbart, wenn er den Satz aufstellt: ״Unsere Einrichtungen mit dem Versetzt- und Abgelöstwerden sind nicht gut, dadurch bildet sieh im Lehrer und in seinen Schülern eine Unstetigkeit und H'imathlosigkeit; der Staat sollte den auf seiner Stelle Verbleibenden mit der Zeit höher lohnen.“ Deeger giebt dem Kandidaten des Lehramts, Eugen, dem Hplden des Romanes, zwei Worte mit für seinen Berat: ״Liebe, Geduld“ Sie sind in der That für den Lehrer das Nothwendigste. Wie sich Eugen dieses Auftrages zunächst bei seinem Antritte entledigte, tritt uns in einer freundlichen Scene aus der Schulstube entgegen. Eugen lässt die Kinder einander bei der Hand fassen, er selbst nimmt die Hände der Vordersten und so stehen Lehrer und Kinder da aneinandergeschlossen, wie die Glieder einer Kette. Eugen sagt hierauf: Kinder! Wie ich hier die Hand dieser beiden halte und eure Hand wiederum sie fasst, so halte ich euch alle. Sagt, habt ihr den lieb, der euch lieb hat? Ja! erscholl es laut und lang. Diese Scene erinnert lebhaft an eine andere, die in ihrer Ausführung noch reiner und schöner sich gestaltet, an jene liiimlich, die im ״Landhaus“ den Bund zwischen Lehrer und Zögling zu einem dauernden, unauflöslichen macht und ihn durchwärmt mit dem Athem inniger Freundschaft. Wie hoch Auerbach von der Bedeutung der Schule im Staate dachte, geht aus einer Reihe von Bernerkungen in seinen Schriften klar und deutlich genug hervor. Mit Energie tritt er für den freien, unentgeglichen Unterricht ein. Das Beste, was man lernt, sagt er einmal, muss in der Luft der Zeit liegen, aber der geregelte Unterricht muss auch frei sein, unentgeltlich wie die freien Elemente Luft, Wasser und Licht; er ist selbst ein Element der neuen Welt. Und frei und selbstständig will er auch den Lehrer haben, deshalb lässt er Deeger auch folgende characteristische Äusserungen machen: ״Es wird mit unserem Stande und mit der Volksbildung überhaupt nicht besser, fals bis Menschen aus unabhängigen Verhältnissen, denen nicht schon in der Jugend alles Selbstgefühl ertödtet wurde, sich dem Lehrfaohe widmen; die werden dann dem pfäfl’ischen Hochmuthe etwas anderes zu bieten haben, als elende Kriecherei.“ Noch giebt es bedeutende Gebiete deutschen Landes, aut welchen hunderte von Lehrern in voller Abhängig- *; A11 eine!• andern Stelle <les Romanes findet sich folgende tretlende Bemerkung: ״Man will stets und jetzt am eifrig- -teil die allein selig machende Methode finden, aber es giebt diese nicht, und wäre sie da, müsste sie jeder Lehrer in jeder besonderen Schule anders machen. Ich sage: es giebt keinen besten Pflug, der überall und für jede Hodenbearbeitung der länglichste wäre, tmd so giebt es auchkeiue beste Lehrmethode.“ fl keit von fanatischen Priestern sich befinden. Vr^iflfrisc es seit neuerer Zeit in dieser Beziehung etwas besser geworden, aber es giebt noch Arbeit genug für diejenigen, die, indem sie für die Hebung und Förderung der Volksbildung kämpfen, als den ersten Schritt dazu die Creirong des freien, unabhängigen Lehrerstandes betrachten. In Eugen schafft Auerbach (״Neues Leben“) das Ideal eines freien intelligenten Lehrers; wenn nur die Wirklichkeit im entfernten ähnlich wird diesem Ideal, dann gehen wir einer neuen, schönen Zukunft entgegen. ״Kein noch so Hochgestellter, heisst es einmal in dem citirten Romane, wird sich verhehlen können, dass der auf Bajonnette gestützte Angst- und Gewalt- Staat nur ein provisorischer ist, ein Feldlager, dessen Zelte der nächste Sturm umreisst, die feste Wohnstätte hält sich nur aut sittlicher Grundlage. Im lebendigen Staate wird die Erziehung die bedeutendste Lebensfunction werden“. So erweitert sich vor dem Blicke des Dichters die enge Schulstube, er sieht in dem Staate nur ein einziges grosses Erziehungshaus, gegen Militarismus und Reaction erhebt sich des Volkes freier Geist, herangebildet in der freien Schule. Lazarus Geiger. (Schluss.) Es macht ein geradezu unsagbares Vergnügen, Geiger zu folgen, wie er, von dem Ariadnefaden der Laute geleitet, die viel verschlungenen Windungen des Sprachenlabyrinthes rückwärts durchschreitet bis hin an den Antang, bis zu der einfachen Silbe und Bedeutung, von der aus die Worte und die Bezeichnungen für so Verschiedenartiges ihren Ursprung genommen haben. Dass Geiger, der mit dem Hebräisehen von frühester Kindheit an vertraut gewesen ist, mit Vorliebe auf hebräische Stämme hinweist, macht uns das Nachgehen um so genussreicher. Der Mensch hat es zuerst dahin gebracht, dass er die Paarzahl bestimmte. Später erst erhebt er sich zum Begriffe der Mehrzahl und ihr weicht dann der Dual. Die Endung ים ist eben älter, als das einfachere לים — die Paarzahl gehört einer noch nicht zählenden Zeit an. Manche Wilde haben auch eine Drei- und Vierzahl. Diese zählen eben nicht, sondern kommen sofort zu dem unbestimmten Begriffe ״viel“. Die Zahlen 5, 10 und 20 sind von einer Hand, beiden Händen und dem ganzen Menschen (Händen und Füssen zusammen) hergenommen. Im Hebräischen ist עשרים die Mehrzahl von עשר — in תרי) (*שנים chald.) ist der Zahnlaut von zwei, in תלת) שלוש)? wenn der Wechsel von 1 und r zugestanden wird, die Verwandtschaft mit drei deutlich, ebenso שש sex, שבע septem. Diese Gleichheit aber ist nur eine Folge der Entlehnung! Das mangelhafte Zeitbewusstsein einer frühen Stufe zeigt sich darin, dass es einen besondern Ausdruck für die Gegenwart gar nicht giebt, dass Vergangenheit und Zukunft zien? lieh dieselbe Bedeutung haben und duroh Vorsetzunj von ו in einander übergehen. — Auoh diejenigen, welche Geigers Grundlehre, dass nioht die Nothwendigkeit, sondern der Zufall die sprachliche Ent- Wickelung leitet, nicht als zutreffend anerkennen, werden ihm gern bei der Entwickelung der einzelnen Begriffe (es heisst das: die Sprache als Zeugin | für Entwickelung menschlicher Lebensverhältnisse) zuhüren, denn er hat ein feines Gehör und Gefühl 1 *) Ol? dabei nicht an 0שני die ״zwei Reihen der Zähne“ . za denken ist? (Red.)

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