Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 6. (5.2.1885)
- Date
- 1885-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zur BfienfhtunfC *Her Jadenthuai und Jade* betreffenden lltterarhrhen Kr• irheinunicen auf dem (!eblete der Philo• <0pt1iey Wenrhlchte, KthnograpMe» Theo• lorie, Orientalfa, Fzegeae. HomMetlh, Lltarglk, Pädagogik. Jüdisches Jahrg. X1Y. itteratur-Blatt Herausgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Rahmer. SNtcKjSe&uKj, 5. f(S׳&wa1 1885. Bicher der elnaehligtgen Mtteratur, welche der Kedartlon xageaandt werden, Anden in dieeem Blatte eingehende Beaprechnng. Bei KinfieiidHng ton xwei Ueeeneiona• Kxemplareit erfolgt einmalige kurxe 0 ratle-lnaertlon. Das «fJIdische Litteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen o Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 15 Mark, berechnet nnd sind an die Expedition dieses Blattes zu senden, ggf Buchhändler, welche direct oder durch Robert. Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. ־H| Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Berthold Auerbach als Pädagog. Von Professor Anton Nagele. (Schluss.) — Lazarus Geiger. (Schluss.) Litteratnrbericht. Recension: Mission des Juifs. Par l'Auteur de la!Mission des Souverains. Paris, bei Cahnann Levy 1884. 1)47 S. 4. Notizen. I n serat. Nachdruck nur mit -voller Quellenangabe gestattet. Berthold Auerbach als Pädagog. |Von Professor Anton Nagele. (Schluss.) Mit feiner Ironie wendet sich Auerbach an einer Stelle des citirten Romanes gegen das herrische Yerhalten und Tyrannisieren den Kindern gegenüber. Der Jäger Krischer lässt sich dort zu Erich und dem Sohne Sonnenkamps in folgender Weise über die Hundedressur aus: ״Eine Hauptsache ist, man darf mit dem Hunde nicht viel sprechen, lauter kurze Worte muss man haben, geh! komm! hier! — nur keine langen Reden. Man darf ihn nicht gewöhnen, dass er meine, er sei was; ganze Tage muss mau ihn gehen lassen; wenn er freundlich sein will, es nicht annebmen, denn, sobald man sich zuviel mit dem Hunde abgiebt, wird er beschwerlich.“ Und er fügt dann hinzu: ״Der Lehrer Knopf hat mir hundertmal gesagt, die Schulmeister sollten alle bei mir in die Lehre gehen. Die Hunde und die Menschen sind ganz gleich.“ In diesem Lehrer Knopf hat Auerbach den Typus jener unverständigen Lehrer gezeichnet, denen Dressur und Erziehung dasselbe bedeutet. Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, dass diese Kategorie der Lehrer weit entfernt ist von den Grundsätzen Rous- 5au’s, Pestalozzi’s, Basedows und — Auerbachs. In Jezug auf jene grossen Lehrer der Pädagogik brau- :hen wir kein Wort zum Beweise anzuführen; wie Auerbach dachte, zeigt folgende Aeusserung: ״Wer len Anschluss einer jungen Seele aufgenommen, die er bilden, halten und führen soll, hat kein Leben für sich, darf nicht müde werden und sagen, jetzt lass mich mir. Er muss immer bereit, immer gewärtig, immer für den andern da sein.“ Inwiefern aber doch diese Hingabe des Lehrers an seinen Zögling eine Einschränkung erfahren solle und müsse, führt Auerbach an einer anderen Stelle des Romanes in geistreicher Weise aus. Professor Einsiedel, der in seinen äusseren Formen etwas wunderliehe alte Gelehrte, der aber ein reiches Wissen, einen scharfen Blick in’s Getriebe des Lebens und vor allem ein grosses, edles Herz besitzt, spricht sich zu Erich in folgender Weise über die Stellung des Lehrers dem Schüler gegenüber aus: ״Sie haben keine Wissenschaftliehe Arbeit neben ihrem zerstreuenden, täglichen Berufe, uud da ist es kaum möglich, die uöthige Spannkraft und Frische zum Lehreu zu finden. Ich bin auch Erzieher gewesen, habe aber immer mein wissenschaftliches Heiligthum für mich gehabt. Es ist ein Gebot der richtigen Erziehung, sich dem Zögling nicht immer zur Verfügung zu stellen; er muss erkennen und wissen, dass neben ihm ein sein inneres eigenes Leben fortsetzender •Mensch ist, dass niemand einen andern immerdar mit allen seinen Kräften zu Gebote haben darf. Sie dürfen sich nie als fertig betrachten. Sie müssen sich ständig fortbilden. Fertig sein ist der beginnende Tod. Sehen sie das Blatt am Baume! Sobald es seine Grünungshöhe erreicht hat, geht es der Vergilbung und Welkung entgegen.“*) Damit hat Auerbach einen Punkt berührt, der als eine Kardinalforderuug der Pädagogik zu gelten hat. In Schmids Encyklopädie heisst es diesbezüglich: ״Es ist unumgänglich nothwendig, dass in dem Erzielier eine Fülle von frischem, rechtem Leben vorbanden sei. Leben soll von ihm ausströmen, Leben soll allem, was er mittheik, den Kenntnissen, den! sittlichen Grundsätzen, den religiösen Ueberzeugungen j innewohnen; lebendig soll es Sinn und Gemüth erj greifen, da es gilt, einen unbesiegbaren Born des i rechten Lebens sich zu gewinnen und zu erhalten.“ 1 Diese beständige Thätigkeit für die eigene geistige und sittliche Vollendung allein ist es auch, die dem j Lehrer jene Selbständigkeit und jenes Selbstbewusst- I sein verleiht, das ihm in seinem Berufe unerlässlich! ist. Von dieser Tugend des Lehrers handelt auch I Auerbach und in besonders drastischer Weiso spricht 1 er sich darüber in seinem pädagogisch-didaktischen | Romane ״Neues Leben“ aus: ״Merke dir,“ belehrt | dort ein alter Lehrer einen Neuling im Berufe, ״vor allem: wenn du in die Schule kommst, da sitzen die Kinder gekämmt und ungekämmt hinter den Bänken, da räuspere dich und denke still bei dir: alles, was du weisst, ist nichts nutz, alle deine Methoden von Adam bis auf Wurst und Becker sind nichts nutz, *) Damit »tollt auch im innigen Zusammenhang« der Hinweis Auerbachs, es sei ein völlig falscher Grundsatz vieler Lehrer, den Kindern wie ein allwissender Gott erscheinen zu wollen. Der Lehrer brauche sich nicht zu schämen . einzugestehen, dass er etwas nicht wisse oder erst in Büchern nachi schlagen müsse.