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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-29 · N° 5. (29.1.1885) · p. Seite 18

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 5. (29.1.1885)
Date
1885-01-29
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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dem vni.l jeder Einsichtsvolle seine Zustimmung nicht wird \11>»gen können. Einer der Lehrer Ivo’8 hatte nämlich folgende Einrichtung in seiner Schule zur Gepflogenheit gemacht: Er setzte die Knaben nicht nach ihrer Fähigkeit und Geschicklichkeit, sondern nach ihrem Fleiss und ihrer Pünktlichkeit; erst nach diesen sollten jene den Ausschlag geben, denn, sagte er, Fleiss und Ordnung kann sieh jeder angewöhnen; das Angeeignete ist die höhere Tugend, Fähigkeiten und Geschick sind nur überkommene Naturgaben. So zwang er die Befähigten zur Fähigkeit und verlieh den Minderbegabten Muth und Zuversicht. Der zweite Grundsatz, der auch pädagogischer Natur ist, aber weit hinausreicht über den Rahmen irgend einer Schule, lässt erkennen, wie Auerbach die Früchte seiner philosophischen Studien auch hineinverpflanzte in die einfache, schlichte Dorfgeschichte: derselbe gehört Spinoza an, ist durchathmet und durchglüht von dem Geiste des berühmten Begründers deutscher Philosophie. Er lautet: ״Die höchste Aufgäbe der Bildung ist die Erziehung zur Pflicht, zur Erfüllung des Gesetzes, das wir in der Erkenntniss finden.“ Auerbach stellt sich dadurch in volle Gegnerschaft zu den Zwangsmassregelu der Knabenseminare und Pensiouate, indem er die Freiheit als Fundament der Erziehung betrachtet. Die selbstständige Schöpfung der Pflicht, die freudige Hingabe an das Gesetz, aufgeblüht aus der freien und tüchtigen Erkenntniss, die freie That, entsprossen aus dem freien Willen, das Sittengesetz, nicht entstammt der Furcht, sondern der Liebe, ist das Ideal dieses Humanisten, echter und edler Art. Der schöne Grundsatz, den wir eben angeführt haben, könnte ganz gut als Motto dem Romane ״Das Landhaus am Rhein“ vorangestellt werden, denn in diesem Romane verficht Auerbach in breiter Weise die Tendenz, dass bei der Erziehung nicht nur das Gesetz, das die Gemeinschaft des Daseins oder, mit einem anderen Worte ausgedrückt, das äussere Leben schafft, sondern in gleicher Weise auch das Gesetz, das jedes Kind mitbringt, nämlich die eigenartige Individualität desselben, eine volle Berücksichtigung finden müsse. ״Der Mensch, sagt Auerbach einmal, bringt sein Gesetzt mit, aber er tritt auch in ein Gesetz ein.“ Mit diesem Grundsatz tritt er in völligen und scharfen Gegensatz zu Jean Jacques Rousseau, der das äussere Gesetz leugnete und die Individualität als das einzig Massgebende erklärte. Dass sich sonst Auerbach und Rousseau in ihren pädagogischen Meinungen häufig begegnen, brauchen wir wohl nur anzudeuten. Es geschieht dies ebenso im Grossen wie im ״Geringfügigen. So ist die lange Abhandlung Auerbachs im Gevattersmann, die das Thema von der dem Kinde innewohnenden Zerstörungswuth behandelt, nichts anderes, als ein populärer Kommentar zu Rousseau’s Lehrsatz: ״Der Zerstörungstrieb der Kinder stammt nicht aus Bosheit, sondern aus lebhafter Begierde nach Thätigkeit“. (Schluss folgt.) Lazarus Geiger. Ein stilles, kurzes Gelehrtenleben, das in einem jüdischen Hause wurzelnd von dem Glauben und Wissen des Judenthums genährt war, das nie aus dem Banne der jüdischen Religion und Satzung herausgetreten ist, darf wohl eher als Typus des Judenthums auftreten, ,als die Mammonsdiener, deren Judenthum ein ״Geburtsfehler“ ist, als die Presshelden, die Juden sind, weif *ie zufällig keine Christen sind, — kurz als alle die Verzerrungen, welche stets von gegnerischer Seite als der wahre Ausdruck jüdi! Weise und jüdischen Wesens ausgeschrieen werde Am 21. Mai 1829 wurde Lazarus Geiger L Frankfurt a. M. geboren. Sein Vater, Rabbi Salomo Geiger (ein älterer Bruder des Rabbiners Dr. Abraham Geiger!, war ein grosser Lamdan, d. i. gelehrter Talmudist und gehörte der echt frommen Richtung an, die die Formen des Glaubens werth und festhält, weil sie die Hülle des religiösen Denkens und Empfindens sind —welcher Richtung die Formen sich durchgeistigen, der nichts Religiöses geistlos und gedankenleer wird. Die Thora ist das Buch, Religion ist die Wissenschaft, welche die erste Geisteskost des reichbegabten Kindes bildeten. Der Talmud schärfte seinen Geist und gab ihm die Kraft, die Kunst, in poetische Gebilde verständnissinnig sich zu vertiefen. Wo der rohe, ungebildete und pietätlose Sinn Fratzen und Verzerrungen sieht, da findet der Jude in der Haggadah und Midraschim einen Schatz köstlicher, edler, humaner Lehren in den Formen, wie sie vergangenen Zeiten angepasst und mundgerecht gewesen sind. Dieses sich Hineindenkenkönnen in die Denk- und Empfindungsweise früherer Geschlechter war einer der Hauptvorzüge, mit welchen das Judenthum Geiger für seinen Lebensberuf ausgestattet hat. Ein ungestörter Studiengang konnte dem Juden trotz seiner hervorragenden Begabung und seiner Frühreife nicht beschieden sein, da die Taufe erst den Zutritt zu Lehrämtern eröffnete und die Familie um jeden Preis die Gefahr des Abfalles ihren Gliedern fern hielt. So kam der Knabe nach der Bar Mitzwa von der Schule mit tüchtigen Kenntnissen orientalischer Sprachen sowie des Griechischen, Lateinischen und Französischen nach Mainz als Lehrling in eine Buchhandlung, deren christlicher Chef ihm gestattete, am Sabbath dem Geschäfte fernzubleibeu. Doch die Liebe zur Wissenschaft war stärker, als alle prj»ktischen Erwägungen — auch in Mainz studirte Geiger rastlos fort und sattelte im September 1844 mit Zu- Stimmung seiner Eltern um. Juli 1845 trat er in die Secunda ein und August 1847 bestand der in vielen Stücken durch Fülle des Wissens und Reife des Denkens schon weit der Schule Entwachsene das Abiturientenexamen. Als Thema der Abschiedsrede, die öffentlich zu halten ihm übertragen worden war, wählte er das Buch Hiob. Vielseitig waren seine Universitätsstudien, nach deren Beendigung er seit 1850 in seiner Vaterstadt lebte. Schon 1849 war ihm deutlich geworden, dass Sprache und Vernunft nicht seiend, sondern entwickelbar waeren, dass sie aus einfachen Uranfängen immer reicher und weiter sich entfaltet haben. Diesem Gedanken die genügenden Nachweise zu verschaffen, wurde der Inhalt seiner Lebensarbeit. Er erlernte alle Sprachen, die ihm zugänglich wurden — er vertiefte sich in das neue, doch reich bestellte Gebiet der vergleichenden Völkerkunde — und als das Ergebniss des eisernen Fleisses, der 10 Jahre hur? י durch einem Ziele zugestrebt hatte, sandte er 1859>, der J. G. Cotta’scheu Buchhandlung ein Manuscript* zu, das, wenn auch in höflicher Form, abgelehut wurde. Der jüdische Gelehrte wurde dadurch so verschüchtert, dass er sein Werk im Pulte liegen liess — im Stillen emsig weiter arbeitend. Und doch ist es unfraglich, dass diese zu grosse Bescheidenheit, dieses feine Zartgefühl, welches den rauh Berührten zwingt, sich in sich selbst zurückzuziehen, Geiger von dem Ausarbeiten der in ihm zu einem Ganzen vereinten Gedanken über die Entwicklung von Kunst und Sittenbewusstsein, von Religion und Staat zurückgehalten haben. Bis 1801 hielt er sich von jedem Amte frei. Er unterrichtete, aber nicht zum Brod-

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