Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 14 (1885)
- Issue
- N° 5. (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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6. Jüdisches Jahrg. X1Y. iLitteratur-Blatt. Zer Hdwrhtiiif aller J»4*»tk■» וויו* Jedeo betreffende» HUerarUeben Kr• •ehelneoge» aaf dem Gebiete der Phil•״ •ophfe, Geschichle, Ktkeographle, Theo• legie, OrUaUlU, Kzegese, Homiletik, Utnrglk, Pürtagoirlk. Herausgegeben von Rabbiner 1>r. Moritz Rahnier. 0Rag3e61it^, jo Stannat 1885 tlfieher dereiniirliljiiciKeii Mtteratur,nelrl!e der Kedartion augeNatidt werden, Anden In dieaew!Hatte eingehende Besprechung, rief KlnsertduttK ron iwei Kecettslonit• Exemplaren erfolgt einmalige kurae ttratln-InNertioii. Das ״Jtdlsche LIUeratar-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten lind Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werdeu mit 86 Pf. ihr die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 )i Rabatt. ־Ml Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Berthold Auerbach als Pädagog. Von Professor Anton Nagele. — Lazarus Geiger. Errata des Maimonides. 1. Radhachasaka. .Von Rabbiner Dr. Caro-Pilsen. Litteraturbericlit. Recension: Morgenländische Bilder in Abendländischen Rahmen. —]שצרי ציו Beitrag zur Geschichte den Judenthums bis zum Jahre 1732. Notizen. — Inserat. Berthold Auerbach als Pädagog. Von Professor Anton Nagele.*) Es giebt wohl keinen bedeutenden Schriftsteller neuerer Zeit, dessen Bestreben es war, hebend und fördernd einzuwirken auf die Bildung, die geiatige und sittliche Entwicklung der mittleren und unteren Volksschichten, der nicht manch treffendes Wort geredet über die Erziehung der Jugend, über ihr Wesen, ihre Art und ihre Tendenz. Seit dem Begipne der Neuzeit können wir in dieser Beziehung drei hervorrag6nde Bestrebungen verzeichnen, wovon die erste sich an den Namen des grossen deutschen Reformators anknüpft, die zweite an die Popularphilosophie des!achtzehnten Jahrhunderts, die dritte unseren Tagen!selbst angehört, welche die Reform der verschiedenen Schulen mit Eiter urgiren, die Durchführung des regelmassigen Besuches der Schule als eine heilige Pflicht, als eine besondere Obsorge der Eltern hinstellen und dessen Ueberwachung der staatlichen Ingerenz anheimstellen. Alles, was unsere Zeit lebhaft tangirt, findet seinen bestimmten Ausdruck in der öffentlichen Presse, die dafür mit dem Gewichte ihrer Autorität eintritt. Und so mag es wohl auch gekommen sein, dass fast jedes bedeutende Journal in Deutschland und Oesterreich sich veranlasst fühlt, sogar eigene Rubriken für die Unterriohtszeitung einzurichten oder wenigstens von Zeit zu Zeit mit dem öffentlichen oder privaten Unterrichte sich zu beschäftigen und die Schulfrage immer neuerdings vor ihr Forum zu ziehen. In der Jugend liegt die Zukunft, heisst’s im Spruche, und so muss in der Art der Beziehung der Jugend der Charakter der Folgezeit präfigirt sein. Das hat im allgemeinen auch Luther, indem er auf die Hauserziehung hinweist, erkannt; er erblickt mit Recht im guten Kausregiment das Fundament des guten Völkerregimentes und des wahren Völkergliickes. Damals stand es noch schlecht mit den Schulen, ihre Zahl war gering, ihre Einrichtung primitiv, von einem Sohulzwang kaum eine Spur. Heute ist das Umgekehrte richtig, heute entlastet die Schule das Eltern- *1 Aus der ״Pädagogischen Zeitschrift“, Orgau des steiermärkischen Lehrerbundes. haus um einen guten Theil der Pflichten, die Erziehung ist mehr denn je eine öffentliche geworden und desshalb das Interesse dafür alle Kreise der Bevölkerung erfassend. Wenn der sociale Roman nichts anderes sein soll, als der treue Spiegel der Zeit, dann muss er auch die Erziehung aufnehraen in den Rahmen seiner Darstellungen und Discussionen. Und so kann es als etwas Selbstverständliches gelten, dass auch Auerbachs Romane und Erzählungen mit pädagogisch-didaktischen Wahrnehmungen und Sentenzeu ausgestattet sind. Und bei Auerbach ist dies besonders zu erwarten, war er es doch, der, wie kein anderer Erzähler der neueren Zeit, darauf ausging, selbst auf das Volk erziehend einzuwirken, das nebelhafte Dunkel des Aberglaubens, die die Sitte gefährende Unwissenheit, den einseitigen Glaubensfanatismus zu zerstreuen und dafür im deutschen Volke Aufklärung, wahre Religiosität und edle Toleranz zu erwecken. Wie rein und erhaben Auerbachs diesbezügliche Lehren sind, erhellt genugsam aus einem Grundsätze, den er einer Stelle seines ״Gerattersmannes“. der in eminenter Weise ein Volksbuch genannt zu werdeu verdient, ausspricht: ״Betrachte des Kindes Seele stets als ein Heiligthnm, und du wirst die arglosen und heiligen Grundtriebe in seinem Thun herausfinden. Leite die Kräfte den rechten Weg und du erziehst einen guten Menschen.“ Und Auerbach zeigt in der That seine edle, jugendfreundliche Gesinnung, indem er auch dort, wo andere nichts als wilde Triebe, Unordnung und Ausgelassenheit entdecken, weil sie eben nur oberflächlich und vorurtheilsvoll die Sachlage ansehen, einen tieferen Sinn, entschuldigende Nachsicht und wohlwollende Beurtheilung bekundet. So finden wir in der psychologisch fein durchdachten Dorfgeschichte ״Ivo der Hajrle“ folgendes schöne und beherzigenswerthe Wort: ״Die armen Kinder! sie müssen stundenlang in sich zusammengepresst in der Schule sitzen; wenn es dann endlieh fortgeht, können sie nicht anders, sie müssen sich aufrütteln und frei in die Luft hineinjubeln. Darum ist es oft um 11 Uhr, als ob das wilde Heer käme.“ So urtheilt nur ein Mann, der ein reiches und tiefes Gemüth besitzt, in dessen Herz der Sonneuglanz des Ideals sich in reinem Schimmei• reflektirt, ein echter Menschenfreund, ein wahrer und warmer Kinderfreund, der seine pädagogischen Grundsätze nicht aus systematisch steifen Lehrbüchern sich geholt, sondern aus der tiefen Betrachtung und Erwägung des Lebens. Noch zwei andere schöne Lehrsätze entnehmen wir der vorhin erwähnten Dorfgeschichte. Der eine behandelt ein pädagogisches Verhalten des Lehrers,