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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-22 · N° 4 (22.1.1885) · p. Seite 15

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 4 (22.1.1885)
Date
1885-01-22
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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— 15 — .einodien daroh die Kerker and Scheiterhaufen der iqaisition, daroh die Blut- und Thränenströme hundertjähriger Verfolgungen und Bedrückungen hindurch gerettet hat, schliesslich wie einen werthlosen, unnützen Ballast bei Seite werten wird, um in religiösen Anschauungen aufzugehen, die es so lange, 80 mathig and standhaft und mit solohen Opfern von sich ferngehalten hat, dann muss ich sagen, dass Hartmann die jüdische Geschichte nicht genügend kennt, und dass er annimmt, das jüdische Volk verstände seine geistigen Schätze weniger zu bewahren und zu pflegen, als die christlichen Völker. Wenn die Juden in der Nacht des Mittelalters ihre Ideale unentwegt and ungebeugt hochgehaltea haben, dann werden sie dieselben im Lichte der Neuzeit gewiss nicht verlieren und in den Staub treten. Allerdings arbeiten und wühlen ja im Herzen des Judenthums zwei entgegengesetzte Strömungen, von denen die eiue die innere Befreiung der Glaubensgenossen mit aller Gewalt verhindern will, während die andere, wie Hartmann erklärt, sich eine rationalistische Ge- Wissensreligion, einen moralischen Deismus des Aufklärungszeitalters zurecht gelegt hat. Diese letztere Riohtung, vod Hartmann das ״Reformjudenthum“ genannt, obwohl er darunter gewiss nur die äusserste Linke der Reformpartei versteht, bildet nach ihm den Uebergang zum contessionslosen Staatsbürgerthum unter dem Schleier des nominellen Fortbestandes der Zugehörigkeit zu einer geschichtlichen Religion und erfüllt die Aufgabe, die jüdische Religion als solche zu zersetzen. Dass Hartmann mit diesem Urtheil zu weit geht, ist, man mag über das radicale ״Reformjudenthum“ denken, wie man will, vollkommen klar. Wir können jedenfalls der Hartmann’schen Auflassung, dass die inneren Kämpfe des Judenthums ein Zeichen der Zersetzung und Auflösung sind, nicht beistimmen, wir halten sie vielmehr für nothwendig zur Versöhnung des Judenthums mit der modernen eltansohauung, in unsern Augen sind sie ein Pross der innern Gesundung. Ich muss es mir versagen, auf den weitern Invlt des Hartmann’schen Buches einzugehen und möchte nur noch in Kürze auf die Bemerkungen zurückkommen, die Hartmann über die Stellung der Juden in der Politik macht. Wenn er behauptet, dass ihre politische Rolle einzig und allein bestimmt wird durch die Sonderinteressen des Judenthums, und dass sie sich der liberalen Partei hauptsächlich deshalb zugewendet haben, weil diese den Kampf gegen jede gesetzliche Bevormundung der Massen, welche die Juden am Missbrauche ihrer Freiheit zum Nutzen der Ausbeutenden hindern könnte, auf ihre Fahne geschrieben hat, so kann ich wohl im Hinweis auf mein eben in dieser Hinsicht abgegebenes Urtheil mit Schweigen darüber hinweggehen. Hartmann stellt den Satz auf, dass der Jude eigentlich oonser- 1 vativ veranlagt sei und dass er nur deshalb sich der I liberalen Sache angeschlossen habe, weil er die nör- I gelnde Opposition liebe, und weil er keinem Andern leine Freiheit gönnt, die derselbe im antisemitischen I Interesse benutzen könnte. Der viel näher liegende I Grund, dass die Juden von einer liberalen Regierung I eine Unterdrückung der antisemitischen Anfeindungen I und eine endliche thatsächliche Gleichstellung im I Staate erhoffen, scheint für Hartmann nicht zu exi- | stiren. Er will, dass die Juden nicht mehr einer einzigen Fraktion sich anschliessen, sondern sich an!die verschiedenen Fraktionen vertheilen sollen, dass pie sich d9n entschieden christlich confessionell ge- Färbten und zugleich ausgesprochen antisemitischen Parteien anschliessen sollen, verlangt er nioht; aber p giebt Mittelparteien, die nach ihm beides nioht sind, worunter er also ofienbar die Nationalliberalen und Freioonservativen versteht. Darauf habe icb die Antwort, dass die beiden letzteren im Bunde dem Herrn Hofprediger Stöcker in Siegen zu einem Reiohstagsmandat verholfen haben, was doch auf die Juden nioht gerade verlockend wirken dürfte. Hartmann stellt ihnen ferner anheim, sich dem Socialismus zuzuwenden, obwohl er an anderer Stelle behauptet, dass ihnen von dieser Seite eine Gefahr drohe, welche grösser ist, wie diejenige, die in der jetzigen antisemitischen Bewegung liegt. loh mache Hartmann darauf aufmerksam, dass die socialdemokratische Fraktion im Reichstage bei einer Stärke von 23 Mann 3 Juden in ihrer Mitte hat, ein Verhältniss, dass, wie er mir zugeben wird, sehr bedeutend ist Endlich stellt Hartmann die Forderung, dass die Juden, wenn sie alle9 dieses nicht wollen, sich überhaupt aller Politik enthalten und die Deutschen ihre politischen Angelegenheiten unter sich besorgen lassen sollten, das contrastirt doch einigermassen mit seiner Aufforderung an anderem Orte, dass die Juden sich mehr an den nationalen Kulturarbeiten betheiligen sollten, wenn sie als vollkommene D3ut80he angesehen werden wollen. Denn dass ״Politik“ nichts Anderes ist, als das Streben, das Allgemeinwohl ia der für richtig und zuträglich gehaltenen Weise zu fördern, wird Hartmann doch nicht bestreiten können. Damit beschliessa ich meine Betrachtungen über das Hartmann’sohe Buch. Wenn wir die Gesammtsumme des Werkes ziehen, so müssen wir zu unserem Bedauern bekennen, dass es eher geeignet ist, die Gegensätze zu verschärfen und zu verbittern, als ihre Ausgleichung und Versöhnung anzubahnen und zu befördern. ״Gräul Egyptens.“ Exegetische Studie von Rabb. Dr. Caro-Pilsen. Die allgemein reoepirte Uebersetzung der Stelle im I. B. Moses c. 36 v. 34 כי תועבת מערים כל רעה צאן bietet dem denkenden Bibelforscher eine ganze Reihe von Schwierigkeiten. Zuerst warum präparirt Josef seine Brüder so genau auf eiue Antwort, die ja vollständig der Wahrheit und den Thatsachen entspricht? Welchen Zweck erreicht er damit, dass er sie ein Handwerk betonen lässt, welches dem Herrscher als ein widerwärtiges erscheinen muss. Wozu legt er sowohl in seiner Anrede an Pharao V. 32 als auch in der den Brüdern vorgeschriebenen Antwort 80 viel Gewicht darauf, dass diese unwürdige Beschäftigung von jeher die ihrige gewesen? Welchen Zweck sollte diese Selbsterniedrigung haben und endlich warum schweigen unsere sonstigen egyptologischen Quellen über diese seltsame Aversion? Ja sie schweigen nicht nur darüber, sondern sie behaupten sogar das Gegentheil. Wir lesen im Herodot II. B. C. 46; ״ Es halten die Mendesier die Ziegen heilig.deren Hirten aber auch höher in Ehren stehen und worunter besonders Einer ist, dessen Tod den ganzen Mondesischen Kreis in Trauer versetzt.“ Dass die Egypter Schafe und Ziegen göttlich verehrten steht fest, warum sollten also die Hirten dieser Thiere den Egyptern ein Gräul gewesen sein? Musste nicht ein Theil der den Thieren gezollten Verehrung auch auf deren Pfleger und Wärter zurücktallen? Die Schwierigkeit, dass nicht ge1־־ gelittenen Männern ״das Beste des Landes“ (V. 6 p. 37) angewiesen wird, umgeht Gratz B. I S. 10 1 :it folgenden Worten: ״sei es weil die Egypter einen Widerwillen gegen Schafhirten empfanden und sie nicht in ihrer Nähe dulden wollten, sie aber nicht entbehren konnten

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