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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-22 · N° 4 (22.1.1885) · p. Seite 16

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 4 (22.1.1885)
Date
1885-01-22
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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— 16 — und es daher gerne sahen, wenn Hirtenstämme sich in ihrer Nähe einsiedelten.“ Also auch für Grätz ist ״ תעבת מצריטein Gräul den Egyptern“. Von den Erklärern ist Aben-Esra auf falscher Fährte, Raschbam aber verschüttet mit seiner falschen Erklärung die Quelle, aus der wir Licht in diesem Dunkel schöpfen können. Er führt zum Ileweise seiner unrichtigen Behauptung, dass die Egypter Schafe oder Kleinvieh weder schlachteten, noch opferten, den Vers נזבח את p 2 תועבת מצרים. B. m. c.u Hier aber bedeutet תועבת wie der unvergleichliche Raschi richtig bemerkt nicht Gegenstand des Abscheus, sondern Gegenstand der Verehrung wie מלכם תועבת גני עמק II Regum C. 2:1. ״ אצל ישראל קרא אותם תועבהder Irsaelit nennt sie in malern partem ,תועבר.“ Ebenso Onkelos בעירה ״ דמצראי דחלק להVieh, welches die Egypter verehren“. So fällt nun auch auf unsere Stelle ein neues Licht. Josef heisst seine Brüder nicht sich selbst erniedrigen, sondern er heisst sie mit ihrer Beschäftigung sich brüsten. Hirten sind wir, und wir geben dies nicht nur an, um von Euch geehrt zu werden, sondern כי אנשי מקנה היו Hirten waren sie von jeher, und אנשי מקנה היו עבדיך מנעורינו ועד עתה גם אנחנו גם אבותינו ״Hirten waren Deine Diener von Jugend an bis jetzt, 1 sowohl wir als auch unsere Väter“. Diese Aussage verschafft ihnen das fette Land Gosen, denn ״ein Gegenstand der Verehrung waren den Egyptern alle Kleinviehhirten.“ Raschi mit seiner Bemerkung לפי שהם להם אלהות scheint, auch hier derselben Ansicht zu sein, dass תועבה nur die Ansicht des Schriftstellers ausdrückt, in Wahrheit aber als der Gegenstand der Verehrung aufgefasst werden muss. Dem entspricht auch das Folgende, dass Pharao sie als אנשי חיל bezeichnet, sie zu königlichen Hirten ernennt und ihnen als hochgeehrten Männern das Beste des Landes auweist. Recensionen. Die Medici» der Talmudisteii nebst einem An• hange: Die Anthropologie der alten Hebräer von Dr. Josef Bergei, Leipzig und Berlin 1885. Der Verfasser fragt sich im Vorwort, ob die Kemitniss der talmudischen Medicin für unser fortgeschrittenes Zeitalter irgend ein Interesse bietet. Ich stimme der Antwort bei, die er sich selber giebt, dass es weniger darauf ankomme, eine Ueberein- Stimmung zu finden mit den Erfahrungen und Ausichten der Jetztzeit, als dass es für den Geschiohtsforscher von Bedeutung sein müsse, die Kenntnisse und Denkweise der Alten kennen zu lernen uud darin die Ausgangspunkte aufzufinden für die Entwicklung, welche die Medicin im Laufe der Jahrhunderte bis zu ihrer gegenwärtigen Höhe genommen hat. Von diesem Standpunkte aus betrachtet und besonders, wenn man berücksichtigt, dass Plinius in seiner Naturgeschichte den Talmud an Urwüchsigkeit naturwissenschaftlicher Ansichten und Beurtheilungen oft nooh übertrifft, findet mau in der Medicin der Talmudisten manche Perlen tiefsinnigen Denkens und Beobachtens. In einem Wulst von Aberglauben und naivster Anschauungen über die Erscheinungen und Vorgänge in der Welt begegnen wir zuweilen Bemerkungen von überraschender Auffassung und ahnungsvollem Scharlsinn, in denen gleichsam die Keime einer Saat verborgen liegen, deren Bliithe sich erst in unserer Zeit voll und ganz entfaltet hat. Wenn z. B. der Arzt Samuel die meisten Krankheiten dem Einflüsse der Luft auf den menschlichen Organismus zuschreibt und | selbst den Tod auf dem Schlachtfelde auf Rechnung I der Luft setzt, deren Zutritt nicht schnell genug verhindert werden kann, so ist nicht zu verkennen, dass ' darin die Infeotionstheorie angedeutet liegt, die in der jetzigen Medicin eine so grosse Rolle spielt. Was das Werk selber betrifft, 80 zeugt es von Fleiss und Gewissenhaftigkeit. Besonders anzuerkennen sind die ausdrücklichen Hinweise darauf, wie sehr die Medicin der talmudischen Gesetzgebung in allen Lebensverhältnissen zur Seite 8t6ht. Der Anhang: ״Die Anthropologie der alten Hebräer“ kann auf diesen Namen nur im allerweitesten Sinne Anspruch machen. Es ist, soweit nicht physiologische Dinge, wie die menschliche Entwickelungsgeschichte, besprochen werden, in der Hauptsache eine Zusammenstellung von Curiosis, besonderen Charakterzügen und dgl. Dr. med. S. Scherbel. Die No. 2 des ״Litterat 11!•-Blattes“ brachte 2 schätzenswerthe Beiträge zur Erklärung der Stelle Schabnoth 35 b von den Herren Dr. Beck-Bukarest und Dr. Caro-Pilsen. Nach der von Dr. Beck citirten L A. aus dein ״En Jacob“ ist die Caro’sche Erklärung unmöglich. Ich könnte diese L. A. sogar zu meinen Gunsten deuten, da dieselbe - עבדם שונאי ־שראול איכא — sehr naturgemäss aut'den Gegensatz ישראל* שונאי עכום ל)יבא schliessen lässt. Doch will ich für meine Auffassung weiter nichts thun; mag sie für sich selber sprechen, und wenn 810 das nicht kann, mit dem Wohlwollen zufrieden sein, die sie auch bei den gen. Herren gefunden, was ich hiermit dankbar anerkenno. — Wenn ich mich aber des Kampfes für meine Auffassung begebe, so kann ich mich unmöglich dos Kampfes gegen die prlncipiellen Gründe begeben, welche gegen meine Auffassung als massgebend angesehen werden, und die darin bestehen sollen, dass man einen so hohen Grad von Humanität: den Feind nicht zu hassen, im Talmud garnicht für wünschenswerth hält; sondern geradezu für Schwäche. ״Dass Israel seine Peiniger nicht hasst, ist eine überspannte Glorificirung“ — sagt Herr Dr. Caro-Pilsen. — Dagegen protestire ich mit aller Entschiedenheit im Namen des Talmud! Ob wünschenswerth oder nicht, ob Stärke oder Schwäche, das ist Nebensache. Die Frage ist: ob’s der Talmud lehrt. — Und da sage ich aus vollerUcberzüugung: DerTalmdd lehrt, denFeind nicht zu!lassen! Ich will nur hinweisen aut das bekannte: מעשי ידי טבעו בים ואתם באים לומר שירה• Also selbst Egypten gegenüber, dass Israel so lange in brutaler Knechtschaft gehalten, ist der Talmud von einer so zartsinnigen Humanität er■ füllt, dass er Gott den Lobpreis zu Gunsten des gerettetei Israol zurückweisen lässt. Ich kann mir keinen höheren Grat von Humanität denken, als die sich in dieser rührenden Dichtuug ausspricht! Es ist dies um so rührender und massgebender, als der Midrasch an dieser Stelle hinsichtlich der Humanität ganz naiv ist und an nichts weniger denkt, als seine mensehliehe Gesinnung zur Schau zu stellen. — Diese humane Gesinnung ist sogar in die Halacha übergegangen, indem sie Grund dafür ist, dass die letzten t> Tage Pessach nicht ״Ganz- ״Hallei“ gesagt wird. Uebrigens bekräftigt Herr Dr. Caro selber in der Folge | meine Behauptung. Kurz nachdem er es eine ,,überspannte Glorificirung'1 genannt hat, ״dass Israel seine Peiniger nicht j hasst“, sagt er selber; ״Wir bemitleiden unsere Feinde, wir beten für ihre Besserung, wir helfen ihnen in der Noth, aber wir lieben sie nicht ״nach bekannten Mustern“. Also: Mitleid haben, beten für sie, helfen in der Noth — wenn der Hass so aussieht, dann allerdings hasst der Talmud und das Jndenthum in schrecklichen Dimensionen! ״Nach bekannten Mustern“, d. h. bis zum Scheiterhaufen, liebt■ Israel nicht. Diese Liebe wird im Talmud nicht gepredigt. Herr Dr. Caro hat eben auch ein echtes jüdisches Herz, er scheint den Hass in seiner wahren Gestalt gar nicht zu kennen. Ich bleibe dabei: das jüdische Herz hasst nicht!ישראל רחמד□ בני רחמני□! — Würde ein Jude z. B. im Stande sein, Rohling oder Stöcker und Gonsorten der Folter zu unterwerfen? Nein und lOOOmal nein! Der Hass aber schwelgt im Anscliauen der Folterqualen des Feindes. Der ,jüdische Hass ist eben — kein Hass, Israel war tapfer, wie irgend ein Volk: ein David, die Makkabäer-Siege, der Kampf gegen die von Vaspasian und Titus geführten römischen Legionen, es sind ruhmvolle Blätter in der Geschichte Israels. Israel war tapfer im Kampfe, aber roh war es niemals, Grausamkeiten liat• eu erlitten, aber nicht verübt. Die Bestie im Menschen war in Israel gebändigt. Der Hass aber — ist die ungebändigte Bestie. — Goldschmidt. W' Beil-Orgeln | Katalog gratis. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rehmer, Magdeburg. Druck von D. L. Woltf, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig. t

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