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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-22 · N° 4 (22.1.1885) · p. Seite 14

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 4 (22.1.1885)
Date
1885-01-22
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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— 14 — olt unterbrochenen Erwiderung des Toastes auf die High-Sherifls: ״England wird beweisen, dass die reinste Freiheit und die wärmste Anhänglichkeit an die Religion zus&mmen bestehen können.“ Und England hat es bewiesen, wie viele andere Staaten; dem deutschen Reiohe aber stellt der Convertit, ganz wie ein Antisemit, das erbärmliehe Armuthszeugni88 aus, dass es der Forderung gleichen Rechts für Alle nicht genügin könne! Wir werden geflissentlich unsere Ansichtsäusserungen zumeist durch Urtheile hervorragender Christen stützen, dieselben aber auch, soweit nach unserm Dafürhalten erforderlich, zu berichtigen nicht anstehen So sei schon hier gegen Prof. Hänel bemerkt, dass die volle Emancipation der Juden in Deutschland, namentlich in Preussen. wenn er unter derselben die volle praktische Gleichberechtigung versteht, noch niemals existirt hat. Was die, selbst mittelst Prediger der ״Liebe“ betriebene Judenhetze, so oft sie gewissen Kreisen als bester ״politischer Blitzableiter“erschien,in Deutschland, zumal in Preussen, dem ״Land der Gottesfurcht und der frommen Sitte“, auf Kanzel und Katheder, in Bier-, Branntwein- und Tabaksstuben, durch Schrift (Piakate), Wort und That den jüdischen Mitbürgern selbst am hellen lichten Tage bieten durfte — das Alles mit voller praktischer Gleichstellung in Einklang zu bringen, vermögen wir unsererseits beim besten Willen nicht; um so weniger, wenn wif der tiefen Entrüstung gedenken, mit der unser edeldenkender Kronprinz Friedrich Wilhelm die Hetze die grösste Schmach Deutschlands und des Jahrhunderts nannte — einer Entrüstung, die Millionen Deutscher theilten; unser leisester Zweifel an der Richtigkeit unserer Auffassung erschien uns gegenüber joner Kundgebung von so erlauchter und erleuchteter Seite stets als unverantwortliche Selbstüberhebung, und gegenüber der nunmehr offenkundigen Charakter-, Ehr- und R31igionslosigkeit der Agitatoren als komische Selbst- Unterschätzung. — Der Verfasser der ״Gedanken“ weiss, in welchen Schulen jene ״christlichen“ Religionslehrbücher eingeführt sind und gegen den Protest jüdischer Gememdevorstände unverändert eingeführt bleiben, in denen wir Juden mit Kain, dessen That und Strafe zusammengestellt, als Brudermörder stigmatisirt werden; kann er mir in einem der orthodoxen oder freisinnigen jüdischen Religionslehrbüoher, die in deutscher oder in einer andern modernen Sprache abgefasst und allgemein verständlich sind, eine einzige inhumane Stelle gegen Andersgläubige nachweisen? Da liegt uns das Religionsunterrichtsbuch des seligen Rabbiners Plessner, eines strengorthodoxen Volks- und Jugendlehrers, vom Jahre 1838 vor. Der Verfasser der ״Gedanken“ möge einmal dort S. 258 das Kapitel über die Pflichten gegen Nichtisraeliten lesen. Welche reine Sittlichkeit, welche tiefe Achtung vor der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen, selbst des Heiden, welche allumfassende Humanität! Da liegen uns desselben Plessner"s Confirmationsreden vom Jahre 1839 vor, in denen es S. 11(> heisst: ״Unsere Religion übertreibt nicht die Forderungen der Moral und bildet darum keine Schwärmer, sie weiss von keinem Grundsätze, dass andere Glaubensgenossen rieht selig werden könnten, oder, dass buchstäblich sich alle Welt einst zu Israel bekehren müsste; es ist ihr genug, dass alle Völker einst im Allgemeinen sich zu Israel wenden, d, i. mit ihm einen einzigen Gott erkennen und verehren werden. Und nun fragen wir uns wieder: Ist ו es praktische, nicht blos papierene Gleionstelnng, wenn jüdische Lehrer und Prediger Nächstenliebe ohne Glaubens-,Standes-und Volksunterscbied verkünden und ״frei bethätigen“, ja, von der einfachsten jüdisohtn Jporfgemeinde entlassen würden, sobald sie ״nach berthifiatem Muster“ mit der Wahrheit umgingen — aagegen die Juden als Genossen Kains und in ähnlicher Weise dargegestellt werden dürfen? Unser Rechtsgefühl sträubt sich, das zu bejahen. Wir werden später Anlass haben, die Haltlosigkeit der Behauptung von der vollen prak tis c hen Gleich- Stellung der Juden in Deutschland, namentlich in Preussen, noch mehr zu erweisen. Nachgerade liegt selbst Stumpfsinnigen Grund, Wesen und Zweck jenerschmachvollsten Agitation, jenes blutigen Veto, das Antisemitismus, Kosaken- und Rumänenthum gegen die Civilisation und die geheiligten Menschenrechte eingelegt, klar vor Augon; nachgerade wird die Scham vor derZugehörigkeitzu den Antisemiten, den Genossen des Gauners Verhovay und des Mörders Hödel, sowie geistes- und thatenverwandter Weltbeglücker, deren Zahl Legion — immer reger; nachgerade 8011 die bedenkliche Verrohung, die zum tiefen Verdruss des Volkes in den Kreisen niedern und hohem, jungen und alten, ungelahrten und gelahrten Pöbels Platz gegriffen, verbannt werden Aber es ist schwer, die Geister, die ihr rieft, los zu werden; es ist, als wollten sie euch, die Rufer, erst züchtigen; zu einem guten Theil haben sie es bereits gethan, wie wir zu exemplificiren uns Vorbehalten. Die volle Gleichstellung der Juden, die politische uud die sociale, wird überall erst daun — aber dann auch bald — zur Wahrheit werden, wenn überall die christlichen Lehrer u. Prediger ebenso humane Grund- Sätze in die Herzen pflanzen und ״frei bethätigen“ werden, wie die jüdischen Lehrer und Prediger. Dann würde sich aber auch jene Verrohung bald vermindern/ ja, dann würden ״Gedanken“ wie die vorliegenden, das hässliohe Rüstzeug des convertitischen und antisemitischen Phrasenschatzes überhaupt auf Nimmer- Wiedersehen in das Arsenal des finstern Mittelalters zurückgelegt werden. Leider nur zu wahr ist Buusen’s, dieses bedeutenden Theologen und Kirchenhistorikers, treffliches Wort, das besonders der Arbeiterstand, der im Grossen und Ganzen wätirend der modernen Judenhetzen Preusseus mehr Einsicht und Gefühl bekundete als viele Staatsmänner und sogenannte Gebildete, ja als viele sogenannte Liberale, bewährte: ״Im Volke ist nichts von Unduldsamkeit und Hass der Gewissensfreiheit; was so scheint, ist künstlich erregt von Pfarrern und Laienpfaffen.“ Zeichen der Zeit, II. S. 24. (Fortsetzung folgt.) Betrachtungen Uber Eduard von Hartmann’s: ״Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“. Von Dr. med. S. Scherbel in Lissa. (Schluss.) Allein Hartmann glaubt nicht nur, dass das Judenthum die Aufgabe, deren Träger es ist, bereits erfüllt hat, er behauptet auch, dass der Bruch mit der religiösen Stammessitte, den das gebildete deutsche Judenthum in der Hauptsache bereits vollzogen hat, in kurzem von dem gesammten deutschen Judenthum vollzogen sein wird, und dass die vollständige Beseitigung des ״Gesetzes“ nahe bevorsteht. Ueber den Werth und die Bedeutung einiger Aeusserliohkeiten für den Kern des Judenthums und die eigentlieh jüdische Idee lässt sich ja streiten; wenn Hartmann jedoch meint, dass das Judenthum seinen geistigen Gehalt und die Ideale, die es als kostbarste l

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